Auf der Rangliste der wertvollsten Unternehmen der Welt stehen die „glorreichen Sieben“ ganz oben, also Microsoft, Apple, Meta, Amazon, Alphabet, Tesla und Nvidia. Diese Tech-Firmen scheinen heute übermächtig. Wie wird diese Liste in 20 Jahren aussehen?
Ich hoffe, sie sieht in 20 Jahren ganz anders aus, das wäre ein Zeichen für eine gesunde Dynamik, es ist aber keine Selbstverständlichkeit. Dass in der Rangliste derzeit amerikanische Tech-Konzerne ganz oben stehen, ist das Ergebnis der ungeheuren Dynamik der US-Wirtschaft der letzten Jahrzehnte. Es gibt aber leider Anzeichen dafür, dass die Dynamik in Amerika nachlässt.
Inwiefern?
Die Weltwirtschaft scheint heute geprägt von der Rivalität zwischen Amerika und China um die technologische Vorherrschaft. Ich sehe beide Länder aber eher auf dem Weg in die Stagnation. Das amerikanische Produktivitätswachstum und die Unternehmensdynamik in den vergangenen 20 Jahren waren enttäuschend. Für weiteres Wachstum braucht es etwas Neues. Wir sehen das noch nicht wirklich. Es wachsen weniger neue Unternehmen nach.
Aber man hört ständig von neuen Start-ups.
Schon, aber viele erfolgsversprechende neue Firmen wie WhatsApp, Instagram oder Youtube werden von etablierten Unternehmen übernommen. Bei manchen „Killer-Übernahmen“ kauft ein etabliertes Unternehmen ein vielversprechendes Start-up nur auf, um einen Konkurrenten verschwinden zu lassen. Die schon etablierten Unternehmen sammeln alle kreativen Talente auf, dort sind sie aber tendenziell weniger produktiv als in den Jungunternehmen, in denen sie zuvor gearbeitet haben. Epochale technologische Neuerungen kommen meist von dynamischen Jungunternehmen, nicht von den schon etablierten. Vor 140 Jahren wollten viele damals führende Fahrradhersteller und Pferdekutschenhersteller auch in den Automobilmarkt einsteigen, das ging schief, keiner von ihnen hat es geschafft. Auch die großen Supermarktketten von früher sind heute nicht führend im Online-Handel. Und die großen Autohersteller mit Verbrennermotoren werden voraussichtlich nicht die dominierenden Hersteller von Elektro-Autos.
Einige Tech-Konzerne sind mittlerweile wirtschaftlich größer als manche Staaten. Beunruhigt Sie das?
Wenn man die Größe der Unternehmen im Verhältnis zur Größe der amerikanischen Bundesregierung betrachtet, war die Situation Ende des 19. Jahrhunderts noch schlimmer. Damals hat die Politik aber reagiert, zum Beispiel mit dem Aufbau einer leistungsstarken Verwaltung, die Korruption wurde bekämpft und der Staat erhielt mit dem Sherman Act 1890 neue Befugnisse im Kampf gegen Monopole und die Wettbewerbsbehörden wurden gestärkt. Donald Trump macht heute das Gegenteil. Er streicht Stellen im öffentlichen Dienst, viele talentierte Mitarbeiter haben die Behörden verlassen. Der Wettbewerb wird weniger geschützt, manche Firmen erhalten willkürlich Vorteile.
Und warum sehen Sie China skeptisch?
China ist seit der Öffnung unter Deng Xiaoping im Jahr 1978 enorm gewachsen. Aber seit der globalen Finanzkrise wächst auch die chinesische Wirtschaft schwächer, die Produktivitätsfortschritte haben sich deutlich verlangsamt. China setzt unter Xi Jinping mehr auf politische Prioritäten als auf wirtschaftliche. Der Staat spielt wieder eine wichtigere Rolle, für private Unternehmen wird es schwieriger. Staatliche Unternehmen werden wichtiger, das ist ein Hemmnis für die Produktivität und die Innovationskraft in China. Zudem wurde der wirtschaftliche Erfolg Chinas lange auch durch den internen Wettbewerb zwischen Provinzgouverneuren angefacht, die – anders als in der Sowjetunion – viel Spielraum hatten. Es entstanden Sonderwirtschaftszonen. Mittlerweile werden aber immer mehr Dinge um Peking herum zentralisiert. Die Partei steht über dem Gesetz, da müssen sich Unternehmer wieder zunehmend auf politische Verbindungen verlassen. Als China im Jahr 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitrat, gab es die Hoffnung, dass sich China in Richtung der Vereinigten Staaten entwickeln würde. Heute sieht es leider eher so aus, als würden sich die Vereinigten Staaten in Richtung autoritäres Regime wie China entwickeln.
Die großen amerikanischen Tech-Unternehmen sind im Schnitt jünger als 40 Jahre alt. Die fünf größten Unternehmen in Deutschland sind dagegen im Schnitt deutlich über 100 Jahre alt. Was sagt das über die deutsche Wirtschaft?
Die großen deutschen Unternehmen wirtschaften überwiegend in relativ ausgereiften Branchen wie Autos, Arzneimittel und Chemikalien. Diese Branchen gehen auf Basiserfindungen aus der zweiten industriellen Revolution zurück. Sie müssen funktionieren, aber das sind nicht die Wachstumsbranchen der Zukunft. Historisch betrachtet war Deutschland sehr gut darin, technologische Rückstände aufzuholen. Die industrielle Revolution begann in Großbritannien, Deutschland lag anfangs weit zurück. Dann aber holte das wilhelminische Deutschland mit einem straff organisierten Aufholwachstum sehr schnell den Rückstand auf. Deutschland war für England Ende des 19. Jahrhunderts eine Zeit lang das, was heute China für die USA sind – ein Angstgegner.
In der Nachkriegszeit hat Deutschland auch den Rückstand in der industriellen Massenproduktion zu den USA aufgeholt. Nur überraschenderweise hat es Deutschland und Europa bis heute geschafft, den digitalen Rückstand aufzuholen. Europa und Deutschland brauchen eine industrielle Erneuerung. Die muss nicht zwingend mit KI und Software zu tun haben. Es kann auch etwas ganz anderes sein. Aber auf alte Industrien zu setzen, um das europäische Wachstum der nächsten 10 bis 20 Jahre anzukurbeln, klingt nach einem Rezept für Stagnation.
Für ihr neues Buch haben Sie die Wirtschaftsgeschichte analysiert und sich dabei vor allem die verschiedenen Fortschrittsepisoden angesehen. Was war ihre zentrale Erkenntnis?
Die wichtigste Erkenntnis aus dem Buch ist, dass technologischer Fortschritt nicht unvermeidlich ist. Institutionen müssen sich anpassen, um technologischen Veränderungen Rechnung zu tragen, oder sie gehen unter. Wäre dies nicht der Fall, hätte die erste industrielle Revolution viel früher in der Geschichte der Menschheit stattgefunden. es hätte dafür nicht 200.000 Jahre gebraucht.
Wie müssen sich Institutionen an den technologischen Wandel anpassen?
Vereinfacht ausgedrückt: Grundlegend neue technologische Durchbrüche brauchen Unordnung und möglichst dezentral gesteuerte Institutionen. Sind die epochalen Erfindungen einmal gemacht, können aber auch zentralisierte Systeme – straff organisiert – sehr effizient sein, um zum Beispiel ein Aufholwachstum in Gang zu setzen. Es gibt also nicht unabhängig von Zeit und Ort die optimale Methode zu Leitung der wirtschaftlichen Entwicklung. Im Lauf der Zeit wird sich jedes System, dass sich in einem Entwicklungsstadium bewährt hat, fast zwangsläufig für neue Herausforderungen als ungeeignet erweisen.
Welche Wirtschaftspolitik für ein Land gut ist, hängt also auch von der technologischen Entwicklung ab. Wo steht da gerade Europa?
Wir sollten uns fragen: Warum sind die großen Tech-Unternehmen in erster Linie in den Vereinigten Staaten und bis zu einem gewissen Grad auch in China entstanden? Warum nicht in Europa? Ein wichtiger Grund dafür ist, dass es in Europa keinen großen harmonisierten Markt für Dienstleistungen und digitale Technologien gibt, der so skalierbar ist wie in den Vereinigten Staaten und China. Die Rendite für Innovationen in Europa ist viel geringer als in Amerika oder China, weil der europäische Markt viel fragmentierter ist. Das macht es Start-ups schwierig, sich hier zu etablieren, weil sie sich gleich mit verschiedenen Regelsystemen auseinandersetzen müssen. Dafür braucht es Spezialisten, das kostet alles viel Geld.
Die große Zukunftstechnologie heißt KI. Wenn wir auf die großen KI-Unternehmen blicken, sehen wir: Fast alle großen Sprachmodelle werden in Amerika trainiert. Haben wir noch Chancen?
Ja. Wir wissen doch noch gar nicht, wie die Zukunft der KI aussehen wird. Die USA und China haben derzeit bei großen Sprachmodellen einen Vorsprung. Die großen Sprachmodelle sind sehr gut darin, sich Dinge aus den Trainingsdaten zu merken. Sie sind zu einer gewissen Verallgemeinerung fähig, aber bei weitem noch nicht so gut wie Menschen, die aus wenigen Datenpunkten Verallgemeinerungen ableiten können. Ich denke, Europa sollte verstärkt auf Open-Source-Modelle setzen. Und was die großen Sprachmodelle angeht, sollte sich Europa an China orientieren und auf die Anwendungsebene konzentrieren. Es gibt in Europa viele führende Industrieunternehmen in älteren Branchen, die über sehr wertvolle Datenschätze verfügen, auf denen sich neue Geschäftsmodelle aufbauen lassen. Europa sollte zudem seine Forschungsanstrengungen verdoppeln. Man braucht eigentlich auch gar nicht so viele Ressourcen, um neue Ideen zu testen. Es braucht dafür aber viele unterschiedliche Akteure, die viele verschiedene Wege ausprobieren. Da könnte der europäische Föderalismus helfen. Und es braucht junge Talente. Europa hat aufgrund von Donald Trumps restriktiver Einwanderungspolitik und seinen Mittelkürzungen für die Forschung gerade eine einmalige Gelegenheit, die besten Talente aus der ganzen Welt anzuziehen.
Trump als Chance für Europa?
Ja. Europa könnte noch viel mehr tun, um diesen Moment zu nutzen. Ein Beispiel: Das US-Kriegsministerium streitet gerade mit dem KI-Unternehmen Anthropic, weil Anthropic der militärischen Nutzung seiner KI gewisse Grenzen setzen will. Anthropic will nicht, dass die Technologie für die Massenüberwachung von US-Bürgern und für vollständig autonome Waffensysteme eingesetzt wird. Die Trump-Regierung setzt das Unternehmen gehörig unter Druck, damit diese Grenzen fallen. Europa sollte versuchen, Anthropic hierher zu holen. Und mit offenen Armen empfangen. Gleichzeitig müsste Europa signalisieren, dass es ernsthaft daran interessiert ist, ein funktionsfähiges Geschäftsumfeld für solche Unternehmen zu schaffen.
Müsste Europa hinsichtlich KI auch industriepolitisch nachhelfen?
Da bin ich sehr skeptisch. Manche plädieren ja für die Förderung eines großen europäischen Sprachmodells, um mit Open AI oder Gemini zu konkurrieren. Nach dem Vorbild von Airbus in der Luftfahrt. Airbus wurde 1970 gegründet, um der amerikanischen Dominanz im zivilen Flugzeugbau etwas europäisches entgegenzusetzen. Das hat zwar funktioniert, aber das war eine andere Situation als heute: Die Flugzeugtechnologie war schon ausgereift. Der letzte große Durchbruch hin zum Düsenantrieb lag schon fast zwei Jahrzehnte zurück. Es ging also um Aufholwachstum. Übersehen wird auch, dass viele andere europäische industriepolitische Initiativen, etwa um die hiesige Halbleiterunternehmen zu fördern, gescheitert sind. Ein wichtiger Grund dafür war, dass die Halbleiterindustrie viel dynamischer war. Und die KI-Entwicklung derzeit läuft noch viele dynamischer. Da hilft kein großer nationaler Champion, eher viele kleine Akteure, die verschiedene Wege ausprobieren.
Zur Person: Carl Benedikt Frey
Der Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey ist außerordentlicher Professor für Künstliche Intelligenz und Arbeit an der Universität Oxford. Er wuchs in Schweden auf, sein Vater ist Deutscher. Frey forscht seit Jahren darüber, wie sich der technische Fortschritt über die Jahrtausende entwickelt hat. Größere Bekanntheit erlangte er vor 13 Jahren, als er damals prophezeite, dass bis 2030 die Hälfte aller Jobs durch Automatisierung wegfallen könnten. In seinem neuen Buch „Wie Fortschritt endet“ (Campus Verlag, 547 Seiten, 34 Euro) geht er der Frage nach, warum Phasen mit technologischem und wirtschaftlichem Fortschritt oft Phasen der Stagnation folgen. Warum gelingt es manchen Ländern, sich dem Wandel anzupassen, während andere daran scheitern?