Otto und Nvidia: Roboter mit dem Segen des Betriebsrats

Spot stößt nicht überall sofort auf Begeisterung. Der vierbeinige Roboter, der an einen Hund erinnert, kommt manchen Menschen erst einmal etwas bedrohlich vor. Das war auch Kay Schiebur bewusst, der im Konzernvorstand der Otto-Gruppe für Logistik verantwortlich ist. Im Gespräch mit der F.A.Z. erzählt er, er habe zum Beispiel gehört, Spot habe im Werk des Autoherstellers BMW im amerikanischen Spartanburg anfangs für einige Unruhe gesorgt. Der Hersteller von Spot, Boston Dynamics , habe Otto daher den Rat gegeben, die Mitarbeiter erst einmal an den Roboter zu gewöhnen, bevor er in den Logistikzentren des Versandhändlers zum Einsatz komme.

Und so habe Otto ihn zum Beispiel in der Kantine herumlaufen und die Beschäftigten mit ihm interagieren lassen. Schiebur sagt, das habe funktioniert, und Spot sei in der Belegschaft schnell akzeptiert worden. Mittlerweile bekomme jedes Exemplar des Roboters sogar einen Namen, über den die Mitarbeiter abstimmten. Einer heiße Pluto, wie der Hund von Mickey Mouse.

Otto fing vor rund drei Jahren an, Roboter in seine Lager zu bringen. Spot ist nur eines von mehreren Modellen. Der Hunderoboter ist für Otto eine Art Inspektor, der in den Logistikzentren nach dem Rechten sieht. Er läuft herum und sucht zum Beispiel nach Unregelmäßigkeiten wie Gaslecks. Zur Roboterflotte von Otto gehört auch Stretch, ein deutlich größeres Modell, das ebenfalls von Boston Dynamics kommt und zum Entladen von Containern genutzt wird. Stretch hat für Otto mittlerweile mehr als eine Million Pakete aus Containern geholt. Daneben hat der Händler auch Roboterarme des kalifornischen Unternehmens Covariant im Einsatz.

„Orchestrierung“ der Roboterflotte

Laut Schiebur hat Otto eine niedrige dreistellige Zahl von Robotern. Roboter seien aber nur eines von mehreren Elementen in der Automatisierung von Warenhäusern. An vielen Standorten betreibe Otto sogenannte Shuttlesysteme mit kleinen automatisierten Fahrgeräten, die Waren transportierten.

Für seine Roboterflotte hat Otto nun eine Allianz mit dem Halbleiterkonzern Nvidia geschlossen, die sich um Künstliche Intelligenz dreht. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, die Roboter besser zu koordinieren. Schieber sagt, bislang seien die Roboter einzeln mit dem Computersystem für die Logistikzentren verbunden gewesen, nun würden sie in einer Art „virtuellem Kontrollturm“ zusammengeschaltet, der Manager nennt das auch „Orchestrierung“.

Nvidia stellt dafür seine KI-Plattform zur Verfügung, zu der Hardware wie KI-Chips ebenso gehört wie Software. Auf Basis dieser Plattform hat die italienische Reply-Gruppe für Otto einen sogenannten digitalen Zwilling entwickelt, ein virtuelles Abbild der Logistikzentren. Dieser digitale Zwilling zeigt in Echtzeit an, wo sich die Roboter an den Otto-Standorten gerade befinden, und er kann über Simulationen den optimalen Bedarf an Robotern und Personal ermitteln.

Nach Darstellung von Azita Martin, die bei Nvidia für Anwendungen im Handel zuständig ist, kann er „Millionen von Szenarien“ durchspielen und etwa einen Roboter umleiten, wenn eine Kiste aus dem Regal fällt und einen Gang blockiert.

Sorge um Arbeitsplätze

Solche digitalen Zwillinge sind in jüngster Zeit allgemein zu einer wichtigen industriellen Anwendung von KI geworden. Schiebur zufolge wird das neue System es erleichtern, neue Roboter in die Flotte zu integrieren. Und es soll auf längere Sicht über Roboter hinaus ausgeweitet werden, zum Beispiel auf Shuttles. Als erstes soll es im Logistikzentrum in Löhne implementiert werden, Otto beziffert die anfängliche Investition auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Mit dem Einsatz von Robotern und KI im Allgemeinen geht oft die Sorge einher, dass damit Arbeitsplätze ersetzt werden. Schiebur gibt zu, der Betriebsrat von Otto und Gewerkschaften seien anfangs „skeptisch“ gegenüber Robotern gewesen. Mittlerweile aber herrsche bei ihnen mit Blick auf dieses Thema „völlig Stille“.

Otto habe versucht, Arbeitnehmervertreter von Beginn an einzubinden. Ihnen sei versprochen worden, der Einsatz von Robotern werde keine Arbeitsplätze kosten, und das Unternehmen habe sich daran gehalten. Schiebur sagt, Aufgaben wie das Entladen von Containern, die jetzt der Stretch-Roboter erledige, seien „nicht allzu attraktiv“ und körperlich anstrengend. Otto habe zunehmend Schwierigkeiten gehabt, dafür Mitarbeiter zu finden, hauptsächlich habe es sich um Zeitarbeiter gehandelt.

Welche Produktivitätsgewinne Roboter Otto bringen, will Schiebur nicht beziffern. Er sagt lediglich: „Wir würden nicht so viel Leidenschaft in dieses Projekt stecken, wenn wir nur drei Prozent erwarten würden.“ Otto setzt bislang noch deutlich weniger Roboter ein als der Wettbewerber Amazon, der einige seiner Roboter sogar selbst herstellt. Darunter sind flache Roboter, die in Logistikzentren herumfahren und ganze Regale transportieren können. Amazon nennt sich selbst den größten Hersteller und Betreiber von mobilen Robotern auf der Welt und teilte vor einigen Monaten mit, mittlerweile eine Million Roboter an seinen Standorten eingesetzt zu haben.

Humanoide Roboter

Schiebur betont, auch wenn sein Unternehmen weniger Roboter als Amazon nutze, heiße dies nicht, dass es insgesamt weniger automatisiert sei. Einige der Logistikzentren von Otto hätten einen höheren Automatisierungsgrad als Amazons Standorte. Sie hätten zwar nicht so viele Roboter, dafür aber andere Automatisierungslösungen wie Shuttles.

Schiebur hofft, die Flotte künftig um humanoide Roboter zu erweitern. Boston Dynamics entwickelt einen solchen Roboter, der Atlas heißt, und hat ihn gerade auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas gezeigt. „Wann immer ich mit Boston Dynamics spreche, frage ich, wann wir unseren ersten Atlas bekommen können.“ Der Otto-Manager rechnet damit frühestens Ende dieses Jahres. Boston Dynamics werde Atlas wohl zunächst einmal hauptsächlich in seinem Mutterkonzern einsetzen, dem koreanischen Autohersteller Hyundai. Schiebur kann sich einige Aufgaben für humanoide Roboter vorstellen, zum Beispiel den Transport von Waschmaschinen in Logistikzentren. Bei besonders sperrigen Waren könnten auch zwei Roboter zusammenarbeiten. Was Schiebur nicht erwartet, ist, dass Atlas-Roboter Bestellungen an Kunden ausliefern – „zumindest in den nächsten fünf bis sieben Jahren“.

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