Am 15. Oktober 1943 erreicht den Kommandanten der Ordnungspolizei in Krakau ein Bericht aus dem Bezirk Lublin, der ungeheuerliche Ereignisse meldet: „Am 14.10.43, gegen 17.00 Uhr, Aufstand der Juden im SS-Lager Sobibór, 40 km nördl. Cholm. Sie überwältigten die Wachmannschaft, setzten sich in Besitz der Waffenkammer und flohen nach Feuerkampf mit der übrigen Lagerbesatzung in unbekannter Richtung. 9 SS-Männer ermordet, 1 SS-Mann vermisst, 1 SS-Mann verwundet, 2 fremdvölkische Wachmänner erschossen.“ Unter der Führung von Alexander Petscherski und Lejba (Leon) Feldhendler war Häftlingen des Vernichtungslagers Sobibór das schier Unmögliche gelungen: In einer konzertierten Aktion hatten sie ihre Peiniger in eine Falle gelockt und überwältigt, sie überwanden die Stacheldrahtzäune und flohen in die umliegenden Wälder. Es entkamen etwa 300 Jüdinnen und Juden.
Mit der „Aktion Reinhardt“ ist die Ermordung von zwei Millionen Menschen in Polen geplant
Der Überlebende Chaim Engel schilderte Jahre später in einem Interview die Ereignisse: „Die Leute rannten überall hin, sodass man im ganzen Lager wusste, was los war. Einige liefen in die Minenfelder und wurden getötet. Manche liefen überhaupt nicht – sie gaben auf … Wir begannen auch zu rennen, und dann sah ich Frenzel (SS-Oberscharführer Karl Frenzel) mit einem Maschinengewehr. Er begann zu schießen … Ich wollte zurückweichen, weil ich Angst hatte, aber dann begriff ich, hier wartet der sichere Tod, dort vielleicht etwas anderes. Also packte ich Selmas Hand, wir stürmten los und irgendwie schafften wir es durch das Haupttor.“
Wer verstehen will, was sich in Sobibór abgespielt hat, muss sich mit einem der monströsesten Verbrechen des NS-Regimes befassen: der „Aktion Reinhardt“. Unter diesem Decknamen war die systematische Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung im „Generalgouvernement“ geplant, einem Teil des besetzten Polens. Fast zwei Millionen Menschen sollten diesem Massenmord zum Opfer fallen.
Der Weg zu den Gaskammern Ostpolens war das Ergebnis einer beispiellosen Radikalisierung. Was mit Pogromen und der Ghettoisierung begann, hatte sich bis zum Massenmord durch Erschießungskommandos gesteigert. Bald suchte die SS-Führung nach einer Methode, die das Morden effektiver machen und die psychische Belastung der Täter verringern sollte. Man entschied sich für den Einsatz von Giftgas – eine Technik, die zuvor mit der „Aktion T4“ zur Ermordung kranker und behinderter Menschen erprobt worden war.
Mit dieser Mordpraxis gelangten auch deren Vollstrecker nach Polen: Gut 120 Männer der „Aktion T4“ wurden dem Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik unterstellt, der von SS-Führer Heinrich Himmler mit dem Vollzug des Genozids beauftragt war. Globocnik hatte sich 1938 als Gauleiter von Wien durch rücksichtslose Brutalität hervorgetan und galt als skrupelloser Antreiber. Unter seiner Leitung begann der Bau der Mordfabriken Bełżec, Sobibór und Treblinka.
Wer aus dem Waggon stieg, hatte so gut wie keine Überlebenschance
Wie der Historiker Stephan Lehnstaedt schreibt, waren hier „Weltanschauungstäter bei der ‚Arbeit‘, die ihre Handlungsspielräume nutzten und eigenverantwortlich Juden ermordeten“. Unter ihnen wurde die „Aktion Reinhardt“ zu einem improvisierten, lernenden System des Todes. Das erste Vernichtungslager Bełżec fungierte als Prototyp, um die Logistik der Vergasung zu erproben.
Die dort gewonnenen Erfahrungen wurden auf die nachfolgenden Lager übertragen und weiterentwickelt. Wer dort aus den Waggons stieg, hatte kaum eine Überlebenschance. In den wenigen Monaten ihres Betriebs wurden in den drei Lagern mehr als anderthalb Millionen Menschen vernichtet. Nur etwa 150 Menschen überlebten – darunter Chaim und Selma Engel (geborene Wijnberg).
Zusammen mit seinem Bruder und einem Freund war Engel im 1942 nach Sobibór deportiert worden, wo er die Kleidung der Ermordeten sortieren musste. Wusste Chaim Engel anfangs, an welchem Ort er sich befand? Man habe Gerüchte gehört, dass man Juden tötete, sie vergaste, erzählte er. „Wir als junge Menschen konnten wirklich nicht glauben, dass so etwas möglich ist.“ Die Realität holte ihn ein. „Ich begann, die Sachen zu sortieren … Dabei fand ich Fotos meiner Familie und die Kleider meines Bruders. Da wusste ich, dass er mit meinem Freund in die Gaskammer gegangen war – und ich stand hier und sortierte seine Sachen.“
Täglich rollen neue Transporte an, die Choreografie des Terrors folgt dem immer gleichen Rhythmus: entladen, entkleiden, Haare scheren, vergasen, Leichen verscharren. Sobibór sei ein Todeslager, kein Konzentrationslager gewesen, so Engel. Es habe keine Selektionen der Art wie in Auschwitz gegeben. Die Menschen kamen nur zum Sterben hierher.
Wie haben Selma und Chaim Engel überlebt? „Meine Großeltern waren sehr starke Menschen“, erzählt ihre Enkeltochter Tagan Engel, die heute in den USA lebt, bei einem Telefonat. Sie erinnert sich an Chaim und Selma als liebevolle, hart arbeitende und engagierte Bürger, die immer wieder über die Schrecken des Holocaust aufgeklärt hätten. „Ich glaube, dass neben Zufall und Glück ihre Liebe zueinander ein entscheidender Grund für ihr Überleben war“, sagt Tagan Engel. „Sie gab ihnen Hoffnung, einen Sinn, Verbindung und Stärke.“
Inmitten von Agonie und Tod trafen sich Selma Wijnberg, eine junge Jüdin aus den Niederlanden, und Chaim Engel – und verliebten sich. „Ukrainische Wachmänner zwangen sie, zur Unterhaltung der SS-Männer miteinander zu tanzen. So lernten sie sich kennen. Danach nutzten sie jede Gelegenheit, um sich zu sehen“, erzählt Taga Engel, auch wenn über ihnen ständig der Tod schwebte. Immer wieder sei im Lager über einen Ausbruch gesprochen worden. Nur wie? Sobibór war von Wachen umstellt, von Stacheldraht und einem Gürtel aus Landminen umschlossen.
Dass die Zeit für eine Flucht langsam ablief, zeigte sich Chaim Engel eines Tages beim Durchsuchen der Kleiderberge. In einer Hosentasche steckte ein Zettel. Darauf stand auf Jiddisch: „Wir kommen aus Bełżec. Wir sind von dort, wir wissen, wohin wir gehen. Rächt uns!“ Bełżec war zu diesem Zeitpunkt bereits liquidiert, die letzten Zeugen erschossen. In Sobibór und Treblinka drohte den Häftlingen das gleiche Schicksal.
Die Gelegenheit zur Rache kam mit einem Transport jüdischer Kriegsgefangener aus Minsk. Die neuen Häftlinge brachten etwas mit, das im Lager bislang fehlte: militärische Erfahrung. Unter der Führung des sowjetischen Offiziers Alexander Petscherski und von Leon Feldhendler wurden einzelne SS-Männer mit der Ankündigung in die Effektenkammer gelockt, es gäbe neue Stiefel und Mäntel. Dort wurden sie mit Äxten und Messern getötet. Auch Chaim Engel beteiligte sich daran.
Einer der für den Aufstand im Lagerbüro eingeteilten Häftlinge verlor im entscheidenden Moment die Nerven. Engel wusste, dass bereits mehrere SS-Männer ausgeschaltet worden waren – es gab keinen Rückzug mehr. Entweder töten oder getötet werden. Selma verschaffte ihm ein Messer aus dem Lagerbestand. Gemeinsam mit einem anderen Häftling betrat er das Büro und erstach den dortigen SS-Mann. Mit jedem Stoß rief er: „Das ist für meinen Vater, für meine Mutter, für all die Juden, die ihr ermordet habt!“ Danach retteten sich Chaim und Selma in die Wälder. Sie gehörten zu den 60 Häftlingen aus Sobibór, die den Krieg überlebten.
Über allem lag der Schatten des Holocaust
Unmittelbar nach dem Aufstand befahl Himmler das Ende der „Aktion Reinhardt“. Wie in Bełżec und Treblinka, wo es im August 1943 ebenfalls zu einem Aufstand gekommen war, ermordeten die Deutschen die zurückgebliebenen Gefangenen, ließen die Gebäude einebnen und pflanzten Bäume auf dem Gelände, um die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Vergeblich.
Heute erzählen ein Museum und eine Gedenkstätte die Geschichte des einstigen Vernichtungslagers. „Die Geschichte meiner Großeltern hat mich sehr geprägt“, sagt Tagan Engel. „Sie gingen oft in Schulen und Bibliotheken, um zu berichten, was in Sobibór geschehen war.“ Sie selbst war mehrmals am Ort der Verbrechen, trägt die Geschichte von Selma und Chaim weiter. Tagan meint, sie sei gewissermaßen im Schatten des Holocaust aufgewachsen. Sie erinnere ihre Großeltern als zwei Menschen, die sich ein gutes Leben aufbauten, als das Grauen vorbei war.
Entkommen aber seien sie dem Horror nie. Ihre Großmutter litt ständig unter Albträumen, vor allem dann, wenn sie in einer Schule über das Erlebte gesprochen habe. Der Geschichte ihrer Familie müsse und wolle sie jederzeit gerecht werden, versichert die Enkeltochter. „Ich fühle mich der Freiheit aller zutiefst verpflichtet. Es gibt diesen Satz: Niemand von uns ist frei, solange nicht alle frei sind. Den fühle ich in meinem Herzen.“
Maria Krell arbeitet als Journalistin in Warschau. Sie schreibt vorzugsweise über mittel- und osteuropäische Geschichte