An einem Montagabend gegen 18 Uhr deutet wenig darauf hin, dass der Hansaplatz mal das Zentrum der „Stadt von Morgen“ sein sollte. Seine ebenerdige Einkaufspassage wirkt nicht gerade wie die Auslage einer Mustersiedlung: Zwischen einem betagten Supermarkt und dem GRIPS-Theater scheinen die Bordsteine hochgeklappt. Ein paar verlorene Seelen suchen in den Gängen vor den Minustemperaturen Schutz. Bestens in Berlin-Mitte gelegen und mit viel Grün ringsum, ist das Hansaviertel ein Ort der Widersprüche: Die zur Interbau 1957 von namhaften Architekten entworfene Siedlung zieht mit ikonischen Gebäuden Designliebhaber:innen zu entsprechenden Mieten an. Gleichzeitig gilt der Platz nicht weit von der Drogenszene im Tiergarten manchem als Angstraum.
Auch das ausgeleuchtete Schaufenster des Bürgervereins, in dem vier silberne Stühle wie in einem Wartesaal aufgereiht stehen, verleiht dem Ort nicht unbedingt Lebendigkeit. Auf dem breiten Fensterbrett steht ein kleiner Aufsteller mit Broschüren und Karten zum Hansaviertel. Ein kantiges B, das Logo der Interbau, prangt auf einem Poster. 70 Jahre nach der Bauausstellung, die auf dem zu über 90 Prozent zerstörten Areal moderne Platten und Bungalows mit mehr oder weniger sozialen Wohnkonzepten errichtete, verweist dieses Schaufenster noch immer auf die Sehnsüchte von damals: Klarheit, Aufbruch, Moderne.
Kunst für alle und 24 Stunden Softeis
Nichts lässt darauf schließen, dass hier bis vor Kurzem die „Keimzelle“ von Grotto lag, einem 2023 gegründeten Raum für zeitgenössische Kunst und Kultur. Hier wurde die Nachbarschaft regelmäßig mit Kunstausstellungen und einmal für 24 Stunden mit Softeis beschenkt, mit Film- und Strickprogramm und sogar mit einer unabhängigen Buchmesse (in Kooperation mit der benachbarten Hansabibliothek). Mit der Schriftstellerin Theresia Enzensberger wurde lesend durch das Viertel spaziert, mit dem Modelabel Bless ein dreitägiger Adventsworkshopmarathon veranstaltet. Zwischen Rewe und Friseursalon schafften Leonie Herweg und Simon Freund hier für zwei Jahre ein Ding der Unmöglichkeit, in einem Berlin, das mittlerweile zwar immer noch arm, aber nicht mehr so sexy und umso teurer ist: einen utopischen Raum, der sich das Thema Nachbarschaften zu eigen machte. Und der für alle Passant:innen eine fast beiläufige Begegnung mit Kunst ermöglichte, ohne ihnen einen Pfennig abzuringen.
Nun aber müssen die beiden selbst tiefer in die eigene Tasche greifen als kalkuliert. „Kurz nach Neujahr traf uns eine massive Nachzahlung und eine zusätzliche Mieterhöhung“, schildert Freund das abrupte Ende von Grotto in der Hansaplatz-Passage. Gemeinsam zogen sie die Konsequenz: Pläne canceln, Vertrag beenden, aus den Räumen ausziehen.
Wir treffen uns zum Gespräch im neuen alten Café Tiergarten, einem weiteren Ort im Hansaviertel, den die beiden für die Nachbarschaft beleben. Im vergangenen Jahr haben sie es von Grund auf restauriert und mit einem befreundeten Gastronomen wiedereröffnet. Das Café liegt, nur wenige Gehminuten vom alten Standort von Grotto entfernt, im Erdgeschoss des sogenannten Schwedenhauses, einem Scheibenhochhaus auf der Altonaer Straße. Draußen ist es dunkel, die Stühle sind hochgestellt, die Kaffeemaschine lange aus, als Freund und Herwig mir die Tür öffnen: „Der Aufschrei ist immer groß, wenn etwas vorbeigeht“, stellt Freund resigniert fest, „als hieße es: Sonderschlussverkauf! Wir schließen“. Natürlich helfe die breite Resonanz, das Mitgefühl seit der Bekanntgabe der Schließung von Grotto am Hansaplatz. Doch es hätte sicher auch geholfen, zwischendrin etwas mehr Zuspruch zu erfahren. Die meisten machten sich keine Vorstellung davon, was es bedeute, so einen Ort wie Grotto oder jetzt auch das Café Tiergarten zu führen. Schaut man in die Gesichter der beiden zur fortgeschrittenen Stunde und lässt den Blick durch den Raum wandern, wo von der ikonischen Kuchengabel „Pott 29“ des Architekten Hans Schwippert bis zur metallenen Toilettenspülabdeckung der Berliner Künstlerin Antonia Nannt nichts dem Zufall überlassen ist, kann man sich gut vorstellen, wie viel Kraft und Ressourcen sie das kostet.
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Die Schwere verfliegt rasch, als das Gespräch auf die Kunstprojekte von Grotto fällt. Leonie Herweg springt auf und kommt mit einer Kiste zurück: Postkarten, eine zu jedem Ausstellungsprojekt. „Grotto war nie nur der Raum“, sagt sie, „sondern ein Wirken hinein in die Nachbarschaft“.
Wie dieses von Anfang an über den kleinen Raum hinter der großen Scheibe in der Einkaufspassage hinausreichte, zeigte schon das erste Projekt, „16 Hintergrundflächen“, das Herweg gemeinsam mit dem Künstler Stefan Marx initiierte. Marx ist für seine schwarz-weißen Schriftbilder bekannt, die nicht nur in Museen und Galerien, sondern auch im Stadtraum auftauchen. Im Januar 2024 bekleideten aufgeschnappte Gesprächsfetzen und Liedzeilen den Bereich der U9 am Hansaplatz. Wo sonst Werbung ihre schnellen Versprechen abgibt, wurden Wartende nun besänftigt mit Sätzen wie: „I’m here to sing you songs“. Um die Vielsprachigkeit des Viertels mitzudenken, fanden sich auch Textbilder auf Vietnamesisch oder Ukrainisch.
Dass es Herweg in diese unaufgeregte Nachbarschaft verschlug, hatte sie ihrem Großonkel zu verdanken. Die Geschichte von einem, der auszog, etwas zu erleben: und zwar im Alter von 80 Jahren von Bremen in die Hauptstadt. Kurz nachdem die D-Mark ging, kam Klaus, durch dessen Augen Herweg das Viertel bei ihren Besuchen kennen und lieben lernte, 2023 zog sie mit Mitte 20 dann selbst her.
Wo erfährt man, was in der Nachbarschaft wirklich vor sich geht?
Ihr Umzug in einen Stadtbezirk, der tapfer in einer porösen Moderne ausharrte, muss einem Sprung in der Zeitkapsel gleichgekommen sein. Sieben Jahrzehnte zurück: als man noch davon träumte, auf der vermeintlichen Tabula rasa Zukunftsvisionen einer heilen Welt zu pflanzen – zumindest, solange es einem gelang, die Geister der Vergangenheit unter den Teppich zu kehren. Hier gab es nach wie vor Lücken und Leerstand und so kam Herweg die Idee, sich im Bürgerverein anzumelden; nirgends lässt sich schneller in Erfahrung bringen, was in der Nachbarschaft vor sich geht. Auf der Tagesordnung stand die Suche nach neuen Untermietern für eine Räumlichkeit des Bürgervereins in der ebenerdigen Einkaufspassage am Hansaplatz. Ein Nagelstudio und eine Lokalität für kubistische Cocktails waren im Rennen, doch konnte das Neumitglied Herweg überzeugen: Es brauche einen Raum für Kunst und Kultur, der Begegnungsstätte für die Bewohner:innen ringsum ist.
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Die Sache war abgemacht, der Bürgerverein beteiligte sich an der Miete. Dafür gab es im Kunstraum weiterhin seine Broschüren und Publikationen zu kaufen. In der Einkaufspassage des „Disneylands der Moderne“, wie die Grotto-Direktorin ihre Nachbarschaft halb scherzhaft nennt, füllte das Konzept eine Lücke. Die Schwelle zur Kunst war niedrig, die Tür zu den „Sprechstunden“ für alle offen. Die ältere Dame von nebenan musste beim Namen der international erfolgreichen Künstlerin Ayşe Erkmen, ebenfalls eine entfernte Nachbarin und im Frühjahr 2025 bei Grotto ausgestellt, nicht wissend nicken. Stattdessen konnte sie Herweg beim Plaudern vor Erkmens Videoarbeit Emre & Dario (1998) damit überraschen, dass sie selbst hier schon als Kundin in einem Briefmarkengeschäft anstand. Hinter dem großen Schaufenster bot sich Vorbeischlendernden ein Raum des spontanen Austauschs.
Der Faktor Miete
Gute zwei Jahre finanzierten sich Herweg und Freund den Kunstraum, ihre eigene „ultimative Freiheit“, mit ihren Jobs quer. Die Miete war ein großer Faktor, besonders bei kostenfreiem Programm. Dass das Ende am Hansaplatz der Anfang von etwas Neuem sein kann, liegt auch daran, dass Grotto längst über seinen Ursprungsort hinausgewachsen war und sich durch Kooperationen, wie mit der leer stehenden Kirche oder der Akademie der Künste am Hanseatenweg, in das Viertel hineingewoben hat. Eine neue und diesmal sogar mietfreie Anlaufstelle in der Nachbarschaft hat sich bereits aufgetan: Auf der lang gezogenen Vitrinen-Glasscheibe, rückseitig des Café Tiergarten, klebt ein Zettel: „Hier entsteht unsere neue Ausstellung“.
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Was bedeutet der Umzug in die Vitrine für das Publikum? Die beiläufige Kunstbegegnung gehe dabei verloren, sagt Herweg, zugleich könne das Café nebenan für manche zugänglicher sein als ein Kunstraum. Vielleicht profitierten die beiden Orte sogar voneinander. Während wir, in Jacken und Mützen gehüllt, im nachbetrieblichen Café in die Abendstunden hineinreden, gerate ich in den Bann dieses Ortes und zweier Menschen, die entgegen aller Vernunft, Rat- und Rückschläge Räume für Kunst öffnen und sie teilen. Und doch bleibt der Zweifel: Wie zugänglich sind sie für ein Publikum, das nicht aus ästhetischer Überzeugung ins Viertel zog, sondern in den sozialen Wohnbau? Ist die Hemmschwelle, so ein Café zu betreten, wirklich niedriger? Da zückt Leonie Herweg ihr Handy und zeigt mir, wie ihre Nachbarin Shirley mit der wunderbaren Bauschfrisur sich das Café zu eigen macht, wenn sie hier Bingo-Runden ausrichtet. Leute kommen vorbei, sehen die Inneneinrichtung aus Eiermann-Stühlen, Alvar-Aalto-Tischen und Porzellanleuchten von Ifö, KPM Berlin und Mawa und rufen: Mensch, hier sieht’s ja aus wie damals, als wir hergezogen sind.
„Der alte Standort von Grotto war ein utopischer Ort, der nach zwei Jahren einfach nicht mehr aufrechtzuerhalten war“
„Der alte Standort von Grotto war ein utopischer Ort, der nach zwei Jahren einfach nicht mehr aufrechtzuerhalten war“, sagt Freund gegen Ende des Gesprächs. Wie stark Grotto im Hansaviertel verankert ist, zeigt sich an ihrem Lieblingsprojekt: eine von Herweg herausgegebene Publikation mit den Fotograf*innen Heinz Peter Knes und Heidi Specker, die einem Spaziergang durchs Viertel folgt. Das 28-seitige Bildheft wurde per Bollerwagen an alle rund 1.300 Wohnungen ausgeteilt, finanziert wurde der Druck über Anzeigen. Auf zwei Doppelseiten verdichtet sich da die lokale Topografie: Windelhersteller und Interbau e. V. werben neben der Apotheke am U-Bahnhof und dem Schinkel Pavillon – dessen Leiterin Nina Pohl, auch sie eine Nachbarin, eben noch auf dem Heimweg an die Scheibe des Café Tiergarten klopfte.
Sie haben schon den Eindruck, dass etwas ins Rollen gekommen sei im Hansaviertel seit Grotto. Am Konzept halten sie fest, sagt Herweg. „Wir verwandeln uns jetzt einfach.“