Lange Zeit war Viktor Orbán in Brüssel so etwas wie das „Enfant terrible“ am Tisch der Staats- und Regierungschefs. „Wie der alte Onkel am Familientisch, der peinliche Witze erzählt“, sagt einer. Unangenehm, jenseits des Mainstreams, aber jemand, auf den man am Ende zählen kann. Im persönlichen Gespräch habe man mit dem nationalkonservativen Ministerpräsidenten Ungarns vernünftig reden können, sagen Diplomaten. Seine wiederholten Blockaden wichtiger Dossiers waren eher Teil eines politischen Spiels als eine ernsthafte Bedrohung für die Handlungsfähigkeit der EU. Orbán sei noch immer rechtzeitig abgebogen, bevor es zum Eklat gekommen sei, heißt es in Brüssel.
Für Orbán lohnte sich dieses Spiel in mehrfacher Hinsicht. Er konnte ein EU-skeptisches Publikum in der Heimat zufriedenstellen, hinter den Kulissen Zugeständnisse durchsetzen und so zugleich seine Machtbasis stärken. Legendär ist der Gipfel am 14. Dezember 2023. An dessen Vorabend gab die Europäische Kommission 10,2 Milliarden Euro aus Kohäsionsfonds für Ungarn frei. Die waren wegen gravierender Rechtsstaatsmängel gesperrt. Fast genau 24 Stunden später entschied der Europäische Rat, Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine aufzunehmen. Diese hatte Orbán zuvor blockiert. In der Abstimmung verließ er aber den Raum und ersparte den anderen damit sein Veto – ein bisher einmaliger Vorgang in der Geschichte der EU.
90-Milliarden-Euro-Kredit für Ukraine blockiert
In den vergangenen Wochen hat sich all das grundlegend gewandelt. Orbán ist vom peinlichen Onkel zum Paria geworden. So kühl wie auf dem EU-Gipfel im März sei der Ungar noch nie empfangen und verabschiedet worden, hieß es hinterher. Er habe in der Runde der Staatslenker faktisch keine Freunde mehr. Dahinter steckt seine Blockade eines 90-Milliarden-Euro-Kredits für die Ukraine. Dem hatte Orbán im Dezember schon zugestimmt – und im Gegenzug durchgesetzt, dass Ungarn dafür nicht haftet.
Die neue Blockade hat eine neue Dimension. Dieses Mal stellt Orbán die Handlungsfähigkeit der EU infrage. Von einem Akt grober Illoyalität sprach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Die Affäre um die jüngst aufgedeckten Russlandkontakte des ungarischen Außenministers Péter Szijjártó zum russischen Außenminister Sergej Lawrow belastet das Verhältnis der EU zu Orbán zusätzlich. Szijjártó soll Lawrow in Sitzungspausen des Rates regelmäßig mit „Liveberichten über die besprochenen Themen“ versorgt haben.
Früher galt er als liberaler Hoffnungsträger
Die Wandlung Orbáns vom irgendwie doch liebenswerten „alten Onkel“ zum „Illoyalen“ hat nur einen Grund, da sind sich die Beobachter einig: den Urnengang am kommenden Sonntag. Der populistische Politiker ringt um seine Wiederwahl. Es wäre die fünfte Amtsperiode ohne Unterbrechung, er ist der dienstälteste Regierungschef in der EU. Diesmal hat er jedoch mit einem ernst zu nehmenden Herausforderer zu kämpfen, der in unabhängigen Umfragen deutlich führt, mit bis zu 16 Prozentpunkten: Péter Magyar mit seiner liberalen und proeuropäischen Tisza-Bewegung kommt zwar aus dem Orbán-Lager, hat sich jedoch vor Jahren von ihm abgewandt. Entscheiden sich die Ungarn für ihn, könnte das Land wieder Anschluss finden und den Dauerkonflikt mit Brüssel beenden.
Ein Blick in die Geschichte zeigt: Orbán war nicht immer so polarisierend. Vielmehr hat er sich früher als liberaler Hoffnungsträger profiliert – bis er als Architekt einer „illiberalen“ Ordnung auftrat und sich zum Spitzenpolitiker wandelte, der die ungarische Wirtschaft mit niedrigen Steuern, selektiver Industriepolitik und straffer Institutionenkontrolle auf Kurs hielt, bis Inflation und geopolitische Spannungen die Rechnung verteuerten.
Regierungschef mit 35 Jahren
Geboren 1963 in Székesfehérvár, studierte Orbán Rechtswissenschaft in Budapest und Oxford. 1988 gründete er mit Kommilitonen Fidesz, den Bund junger Demokraten. Der Ton dort war forsch, der Gestus westwärts. Fidesz präsentierte sich als libertär, antikommunistisch und jung. Ein Angebot, dem die politische Geographie der frühen Republik nur wenig Raum ließ. Orbán zog 1993 die Konsequenz: Er verschob Fidesz nach rechts, um bürgerlich-konservative Milieus zu gewinnen – ein erster Beleg strategischer Beweglichkeit.
Schon 1998 wurde Orbán, gerade 35 Jahre alt, Regierungsvorsitzender. Seine Koalition bremste Privatisierungen in strategischen Sektoren, warb Investoren an und forcierte Infrastrukturprojekte – eine Mischung aus Modernisierung und Protektion. Die Arbeitslosigkeit sank, die Autoindustrie wurde zur Leitbranche mit Deutschland als wichtigster Investorengruppe.
Unterstützung durch US-Vizepräsident Vance
In den Jahren 2002 bis 2010 formte Orbán sein Lager neu. Seine politische Maxime: Rückgewinn nationaler Handlungsfähigkeit und sozialer Stabilität durch politische Führung. Das zog. 2010 gewann Fidesz mit Zweidrittelmehrheit. Orbán nutzte sie, um die Architektur des Staates umzubauen: mit neuer Verfassung, verlängerten Amtszeiten für Schlüsselinstitutionen, einem mächtigen Medienrat, neu zugeschnittenen Wahlkreisen. 2014 lieferte Orbán den ideologischen Rahmen nach: „Illiberale Demokratie“, wie es offiziell heißt, beinhaltet Exekutivstärke, kulturelle Selbstdefinition sowie wirtschaftliche Souveränität innerhalb von EU und NATO. Kritiker sehen darin einen Rechtsstaatsabbau. Denn faktisch verschieben sich die Gewichte: Die Kontrollinstanzen verlieren an Einfluss, die Regierung gewinnt an Einfluss.
Rückhalt findet Orbáns „Illiberale Demokratie“ auf der anderen Seite des Atlantiks im MAGA-Lager von US-Präsident Donald Trump. An diesem Dienstag reist dessen Vizepräsident J.D. Vance extra nach Budapest, um Orbán in den letzten Tagen des Wahlkampfs zu unterstützen. Der geplante gemeinsame Auftritt bei einer Kundgebung zum Tag der ungarisch-amerikanischen Freundschaft soll die Wende zugunsten Orbáns bringen.
Zentrale Sektoren werden renationalisiert
Wohin dieser will, zeigt er deutlich in seiner Wirtschaftspolitik. Die ist unter seiner Führung unorthodox, aber in sich geschlossen. Fiskalisch geht es um Balance, steuerlich um Attraktivität, in der Strukturpolitik um Lenkung. Eine Pauschalsteuer auf Arbeitseinkommen von 15 Prozent entlastet mittlere und höhere Einkommen. Großzügige Kinderfreibeträge und zinsgünstige Darlehen machen Familienförderung zur Konjunkturstütze. 2017 sinkt die Körperschaftsteuer auf neun Prozent, das ist der niedrigste Satz in der gesamten EU. Mit Subventionen, Grundstücken und beschleunigten Genehmigungen lockt die Regierung Konzerne an. All das lässt Orbán in der Wählergunst steigen.
Zugleich veranlasst der Fidesz-Chef Eigentümerwechsel in Medien, im Finanz- und Energiesektor. Es geht ihm um eine Renationalisierung zentraler Sektoren. Und Orbán belässt es nicht bei wirtschaftspolitisch einschneidenden Schritten. Die Migrationskrise wird zu einer seiner politischen Hauptbühnen – passend zum von ihm propagierten Thema ungarische Identität. An der Südgrenze lässt er einen Zaun errichten, er verschärft die Asylregeln. Innenpolitisch steigen die Zustimmungswerte des fünffachen Familienvaters.
„Die Ukrainer haben den Krieg verloren“
Jenseits von Ungarns Grenzen wachsen dagegen die Sorgen. Zunehmender Isolationismus, abnehmende Rechtsstaatlichkeit, wachsende Korruption – das kommt in Brüssel nicht gut an. Noch weniger gut an kommen Sätze wie dieser: „Wir wussten bereits, dass unsere wahren Gegner nicht die ungarischen Oppositionsparteien (…) sind. Unsere wahren Gegner sind deren Herren in Brüssel“, polterte Orbán im Februar in einer Rede an die Nation. Dabei weiß er nur zu gut, welche Vorteile die Mitgliedschaft im europäischen Länderklub mit sich bringt. Ungarn erhält reichlich Kohäsionsmittel, also EU-Fördergelder für regionale Entwicklung. Es ist sogar eines der größten Empfängerländer. Vorteile, auf die Orbán nicht verzichten will.
Zugleich macht der Ministerpräsident immer wieder deutlich, wie fundamental gegensätzlich zur EU er bestimmte Themen, unter anderem das Thema Ukraine, sieht. „Wir reden jetzt, als wäre dies eine Kriegssituation mit offenem Ausgang, aber das ist nicht der Fall. Die Ukrainer haben den Krieg verloren. Russland hat diesen Krieg gewonnen“, sagte Orbán im August 2025 im Youtube-Kanal Patriot. Kein Wunder, dass sich der 62-Jährige einen Ruf als Putin-Verbündeter erarbeitet hat – und nicht auf Energie aus dessen Herrschaftsbereich verzichten will. „Es gibt Sanktionen gegen bestimmte russische Ölkonzerne (…). Wir arbeiten an Wegen, diese Sanktionen zu umgehen“, gestand er unverblümt in einem Radiointerview ein. Und betonte zugleich: „Wer eine Senkung der Energiepreise will, muss Ungarns Recht verteidigen, Öl und Gas aus Russland zu kaufen, oder zum gleichen Preis wie in Russland oder billiger.“
Und so ist der magyarische Weg Versuchsanordnung und Zumutung zugleich: ein Stresstest für Europa. Ob Orbán als Wahlsieger die derzeit nach Einschätzung von EU-Diplomaten „höchste Konfrontationsstufe“ mit der Union wieder nach unten regeln und so das Verhältnis reparieren kann, gilt als zweifelhaft. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dürfte ihm nicht verzeihen, dass sie Ende Februar ohne den 90-Milliarden-Euro-Kredit zum vierten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine nach Kiew reisen musste.
Orbán jedenfalls bleibt wohl, was ihn groß machte: ein Machtpolitiker, der lieber Regeln schreiben will als ihnen zu folgen. Ob er das auch künftig kann, weiß Europa nach dem kommenden Sonntag.