Verena Keßler hat sich ein ganz besonderes, ein sportliches Soziotop vorgenommen: „Gym“ erzählt von einer Frau, die dem Fitnesswahn verfällt
Es ist äußerst erfreulich, dass sich Verena Keßler des Soziotyps „Gym“ annimmt
Foto: Jacintha Nolte
Pumpen, posen, prahlen – wer schon einmal in einem Fitnessstudio war, kennt diesen Dreiklang. Im „Gym“ hat das testosterongesteuerte Heldentum noch ein letztes Refugium. Dass diese Einrichtung mit ihren Stereotypen, Riten und theatralen Gebärden bislang kaum Eingang in die Literatur gefunden hat, ist mehr als überraschend. Äußerst erfreulich ist daher, dass sich nun Verena Keßler dieses Soziotops angenommen hat. Passend dazu sind die Abschnitte ihres Romans Gym (Hanser, 192 S., 23 €) mit Trainingseinheiten überschrieben.
Je häufiger man sie wiederholt, desto mehr verändert sich der eigene Körper. Diese reizvolle Erfahrung macht auch die Ich-Erzählerin, die anfangs nur einen Job an der Shake-Theke annimmt, um über die Runden zu kommen. Doch binnen Kürze wird sie von den aufgepimpten Bodys angefixt. Nachdem sie von einer Wettkampfsportlerin beeindruckt ist, beginnt sie ihr nachzueifern, allerdings bald nicht nur mit gesundem Work-out. Anabolika machen es möglich, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern. Aus dem Willen zur Fitness wird so ein Wahn, aus einer normalen Frau eine Maschine ohne Empathie.
Doch die eigentliche Misere beginnt noch früher. Das Dogma der Optimierungsgesellschaft steht von Anfang an mit im Raum. Daher stellt schon der „Erdnussflipbauch“ der Protagonistin bei ihrem Einstellungsgespräch ein Problem dar. Ihre Lösung, die ihr letztlich kein gutes Ende bereiten sollte: die Lüge. Sie erfindet ein kürzlich entbundenes Kind. Jener durchaus noch harmlose Fake fügt sich im Laufe der Geschichte jedoch zu einem großen Mosaikbild, das mehr und mehr eine kriminelle Persönlichkeit zu erkennen gibt.
„Gym“ von Verena Keßler: Psychogramm einer gewaltbereiten Frau
Dass uns die 1988 in Hamburg geborene Autorin dazu nur sukzessive die Informationen liefert, lässt sich als kluge Strategie bezeichnen, da wir uns in der Zwischenzeit mit der Hauptfigur identifizieren. Wir sind auf ihrer Seite, bis wir in ihre kruden Seelenabgründe schauen und von ihrem Wahn mitgerissen werden. Letzterer scheint die Schriftstellerin, die am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte, übrigens nachhaltig zu beeindrucken. Bereits in ihrem Roman Eva (2023) präsentiert sie uns mit der Protagonistin, ihres Zeichens Umwelt- und Klimaaktivistin, eine Figur, die zunehmend radikal denkt und handelt. Politische Themen werden so bei Keßler stets mit aller Vehemenz und Konzentration auf das Individuum runtergebrochen.
Mit häufig fatalen Folgen, wie das Psychogramm einer zunehmend enthemmten und gewaltbereiten Frau in Gym demonstriert. Einzig auf sprachlicher Ebene scheitert der Text. Sätze wie „Die Aufgaben waren klar und einfach, ich (…) musste bloß da sein und machen“, zeugen von einer oft grobschlächtigen Erzählweise. Ganz unplausibel mutet sie indessen nicht an, passt sie doch schlussendlich zu einer Geschichte, die immer wieder mit einfachen Wiederholungen arbeitet.
Der Alltag der Protagonistin erstarrt in der selbst auferlegten Struktur. Aus dem Fitness- und Leistungskorsett führt nur die Fiktion, eben die Erfindung eines zweiten Lebens als Mutter. Nur das Echte bleibt außen vor. Dazu gehören Grenzen und der Schmerz. Fehlen diese existenziellen Schwellenerfahrungen, verkümmert die Menschlichkeit. Indem Keßler diese Dialektik entfaltet, die die Verbesserung sucht und das Schlechte hervorbringt, ist ihr trotz der stellenweise etwas mageren Handlung ein solides Porträt unserer Zeit gelungen.