Opfer welcher Blockbildung: Pirelli zwischen allen Stühlen

Der italienische Reifenhersteller und Gummiverarbeiter Pirelli ist zwischen zwei stahlharte Fronten geraten. Wie Hammer und Amboss bedrängen ihn auf der einen Seite die Regierung der Vereinigten Staaten und auf der anderen die Chinas. Wegen der antichinesischen Politik von Donald Trump, die schon unter seinem Vorgänger Joe Biden begann, droht Pirelli in wenigen Wochen den Zugang zum wichtigen amerikanischen Markt zu verlieren. Denn der größte Aktionär des mehr als 150 Jahre alten Unternehmens aus Mailand ist mit 34 Prozent der chinesische Staatskonzern Sinochem . Am 17. März soll die amerikanische Gesetzgebung in Kraft treten, nach der „vernetzte Fahrzeuge von Herstellern, die von chinesischen oder russischen Eignern kontrolliert werden oder ihrer Gesetzgebung unterliegen, nicht mehr verkauft werden dürfen“. Die neuesten Pirelli-Reifen, die mit Sensoren etwa Daten über das Fahrzeug, den Straßenzustand und die Lokalisierung sammeln, stehen damit im Visier der Vereinigten Staaten.

Nun suchen die Beteiligten einschließlich der italienischen Regierung händeringend nach einem Ausweg. Drei Optionen liegen auf dem Tisch: Die Beteiligung von Sinochem könnte einem „blinden Trust“ mit begrenztem chinesischem Einfluss übertragen werden. Zweitens könnte der Geschäftsbereich der „vernetzten Reifen“ in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert werden. Oder drittens: Sinochem verkauft seine Anteile bis auf einen Rest von zehn Prozent. Doch kein Vorschlag fand bisher allseitige Zustimmung. Die Verkaufsoption lehnen die Chinesen ab, weil sie die verlangte Prämie auf den Verkaufspreis nicht zugestanden bekommen. Gegen eine Ausgliederung wendet sich die Pirelli-Führung unter Leitung des langjährigen Konzernlenkers Marco Tronchetti Provera, der mit den 25 Prozent seiner Holding Camfin selbst ein großer Aktionär ist – diese schade „dem Geschäftsmodell und der technologischen Entwicklung“. An dem Vorschlag des blinden Trusts schließlich scheiden sich die Geister ebenfalls. Und wie eine Einigung auch ausfällt, sie braucht die Zustimmung der amerikanischen Behörden.

Eine bewegte Geschichte mit den chinesischen Investoren

Pirelli und China blicken auf eine bewegte Geschichte. Das chinesische Staatsunternehmen Chemchina hatte den Reifenhersteller vor mehr als einem Jahrzehnt vollständig erworben, dann zunächst von der Börse genommen und im Oktober 2017 wieder aufs Parkett gebracht. Dabei sank der Anteil sukzessive. Chemchina ging vor rund fünf Jahren in dem Unternehmen Sinochem auf, das an der Börse gelistet ist, aber direkt der Zentralregierung Pekings untersteht. Gegen Ende der ersten Amtszeit von Präsident Trump setzte das Pentagon den Konzern auf eine Liste von Unternehmen, die mit der chinesischen Volksbefreiungsarmee zusammenarbeiten. US-Investoren dürfen seitdem keine Anteile mehr an Sinochem halten. Sinochem-Chef Ning Gaoning klagte danach über „Anti-Globalisierung und Populismus“.

Ende Januar 2026 teilte Tronchetti Proveras Camfin-Holding mit, dass man eine Aktionärsvereinbarung mit Sinochem im Mai auslaufen lassen wolle. Den Anforderungen der US-Gesetze Folge zu leisten, sei auf dieser Basis nicht möglich. Sinochem steht unter wirtschaftlichem Druck. Der Umsatz sank innerhalb von zwei Jahren um zwei Fünftel auf umgerechnet nur noch 6,5 Milliarden Euro. Aus einem jährlichen Gewinn von rund 315 Millionen Euro im Jahr 2022 wurde bis zum Jahr 2024 ein Verlust von rund 370 Millionen Euro. Zahlen für das Jahr 2025 liegen auf der Internetseite des Unternehmens noch nicht vor.

Heikle Balanceakte mit wechselnden Großaktionären

So ist Pirelli zum Opfer der wachsenden Blockbildung geworden und auch der Fehleinschätzungen von Tronchetti Provera. Der Manager, der vor 40 Jahren bei Pirelli begann und eine Erbin der Gründerfamilie heiratete, suchte ohne jegliche politische Erwägungen Investoren in aller Welt. Bis zur Ukraine-Krise 2014 und der russischen Krim-Annexion hatte Pirelli den russischen Staatskonzern Rosneft als strategischen Aktionär. Ein Jahr danach holte er sich stattdessen Chemchina ins Kapital. Beim Eintritt der Chinesen im Oktober 2015 schwärmte Tronchetti Provera in einer Pressemitteilung noch von „neuen Wachstums- und Entwicklungschancen dank eines komplementären Fußabdrucks und der zu erwartenden industriellen Synergien mit dem neuen Partner“.

Doch daraus wurde nichts. Bald schon setzte Streit um die Führung ein, sodass Tronchetti Provera im Jahr 2023 die italienische Regierung um Hilfe bat. Diese schränkte auf Basis der italienischen „Golden-Power“-Gesetzgebung den Einfluss der Chinesen ein. Sie verloren die Entscheidungsmacht über die Besetzung von Spitzenposten. Es durfte auch keine Zentralisierung des Finanzmanagements oder der Informationstechnologie auf Ebene von Sinochem stattfinden, wie von den Chinesen damals gefordert. Die operative und finanzielle Kontrolle behielt vor allem Tronchetti Provera. Wieder einmal zog er seinen Kopf aus der Schlinge. Schon vor den Chinesen und vor Rosneft hatte der italienische Manager immer wieder mit wechselnden Ankeraktionären heikle Balanceakte hingelegt.

Die Ruhe der Anleger, denn das Geschäft läuft

Nun muss der inzwischen 78-jährige Manager aber einen noch schwierigeren Test bestehen, zumal ihn nun auch die Amerikaner bedrängen. Um dem Dilemma zu entgehen, sollte Pirelli den Chinesen mehr bieten, meint etwa Carlo Altomonte, Ökonomie-Professor an der Universität Bocconi in Mailand. „Die Chinesen wollen, dass die ausländischen Unternehmen in China etwas für die Chinesen tun“, zusätzliche Investitionen vor Ort könnten ihnen eine Einigung schmackhaft machen. Pirelli hält dagegen, dass man schon viel in China tue.

Drei seiner 18 Fabriken befinden sich in Yanzhou, Jiaozuo und Shenzhou, mit mehr als 5000 Mitarbeitern. 17 Prozent des Umsatzes entfielen auf den asiatisch-pazifischen Raum, wovon China den Löwenanteil stelle. Ansonsten erinnern Pirelli-Kreise auch daran, wie umfangreich die Chinesen von ihrer Investition in den Reifenhersteller profitiert hätten. Schon zur Rückkehr an die Börse im Jahr 2017 habe Sinochem 580 Millionen Euro an Nettoerlösen erzielt. Schätzungen zufolge gingen in den vergangenen zehn Jahren zudem Dividenden von rund 340 Millionen Euro an die chinesischen Investoren.

Trotz all der Unsicherheiten bleiben die Analysten und die Anleger derzeit vergleichsweise ruhig. Pirelli habe von 2019 bis 2025 ein deutlich besseres Wachstum des Umsatzes und operativen Gewinns hingelegt als Continental oder Michelin, stellt JP-Morgan-Analyst Akshat Kacker fest. Das liege nicht zuletzt an der konsequenten Konzentration auf hochwertige Reifen. In den vergangenen zwölf Monaten gewann die Pirelli-Aktie rund 13 Prozent an Wert. Dabei gehen die Anleger allerdings davon aus, dass Pirelli nicht den amerikanischen Markt verliert, der für ein Fünftel des Gesamtumsatzes steht.

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