„Operation Alice“: Polizei gelingt Schlag gegen Darknet-Seiten

Stand: 20.03.2026 • 16:39 Uhr

Das Bayerische Landeskriminalamt hat mehr als 370.000 Internetseiten im Darknet stillgelegt. Dort wurden Abbildungen von Kindesmissbrauch angeboten. Deutschlandweit wird gegen 14 Tatverdächtige ermittelt.

Von Jonas Wengert, BR

Deutschen Ermittlern ist ein internationaler Schlag gegen ein ganzes Netzwerk von Darknet-Plattformen gelungen. Dort wurde auf zigtausenden Internetseiten Aufnahmen sexueller Gewalt gegen Kinder zum Kauf angeboten. Dabei handelte es sich laut den Ermittlern um reine Betrugsseiten. Das bezahlte Material lieferte der Betreiber nicht. Allerdings waren auf den Vorschaubildern schwere Formen des sexuellen Kindesmissbrauchs zu sehen.

Mitte 2021 hatten das Dezernat Cybercrime beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) und das Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet (ZKI) bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg die Ermittlungen aufgenommen. Am Freitag stellte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) den aktuellen Stand zusammen mit ZKI-Leiter und Oberstaatsanwalt Stephan Schäl vor.

Unter dem Namen „Operation Alice“ erfolgte demnach zwischen dem 9. und 19. März eine weltweite Aktion gegen rund 600 Plattform-Nutzer, von denen bislang 440 identifiziert worden seien. Sie sollen zwischen Februar 2020 und Juli 2025 Zahlungen auf sogenannten kinderpornografischen Plattformen getätigt haben. Insgesamt waren 23 Staaten beteiligt, neben europäischen auch Australien, Kanada und die USA. Die europäische Polizeibehörde Europol übernahm die internationale Koordination.

14 Durchsuchungen in neun Bundesländern

In Deutschland fanden im Zuge der „Operation Alice“ 14 Durchsuchungen in neun Bundesländern statt, unter anderem in Bayern, Berlin, Niedersachsen und NRW. Laut BLKA wird gegen 14 Tatverdächtige ermittelt. Über den gesamten Zeitraum seit 2021 wurden demnach deutschlandweit Ermittlungsverfahren gegen 89 Beschuldigte geführt.

Trotz verschleierter Zahlungen habe man auch den Betreiber des Darknet-Netzwerks identifizieren können. Bei dem mutmaßlichen Haupttäter handelt es sich demnach um einen 36-jährigen Chinesen, der den Ermittlern zufolge auch in China wohnt. Nach ihm wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet.

Er soll das Betrugsnetzwerk mit mehr als 370.000 Internetseiten betrieben haben. Diese Seiten wurde vom BLKA im Zuge der „Operation Alice“ stillgelegt und mit einem Beschlagnahmebanner versehen. Das Fundament des Netzwerks bildeten laut Ermittlern insgesamt 122 Plattformvarianten, die tausendfach vervielfältigt worden seien. Neben Aufnahmen von sexueller Gewalt gegen Kinder soll der tatverdächtige Betreiber unter anderem auch Kreditkartendaten angeboten haben.

Zahlungen in Millionenhöhe auf Plattformen

Auf allen Plattformen habe es circa 10.000 Zahlungen über zusammengerechnet etwa 18 Bitcoins gegeben. Diese haben laut Oberstaatsanwalt Schäl aktuell einen Wert von rund 1,1 Millionen Euro. Der tatsächlich erbeutete Betrag dürfte jedoch deutlich höher liegen. Seit Stilllegung der Webseiten am 17. März habe es bereits über drei Millionen Zugriffsversuche gegeben. „Da sieht man die Dimensionen und das Interesse an Personen im Darknet, diese Seiten aufzurufen“, so Schäl. Die Ermittlungen im Gesamtkomplex dauern an.

Ihren Anfang nahmen sie 2021, nachdem das Dezernat Cybercrime und das ZKI auf die Darknet-Plattform „Alice with Violence CP“ gestoßen war. „An den Worten Violence für Gewalt und CP für Kinderpornografie – Child Pornographie – erkennen Sie schon, worum es auf diese Seite gegangen ist“, sagte Schäl. Auf den Startbildern seien verstörende, erschreckende Inhalte zu sehen gewesen.

Mithilfe des sogenannten Dark Web Monitors, einer Art Suchmaschine im Darknet, sei man auf das weitaus größere Gesamtnetzwerk gekommen. Durch ein Analysetool zur Verfolgung von Zahlungsströmen habe man die Zugriffe der Beschuldigten auf die Plattformen und die Käufe belegen können.

Handelsplatz für kriminelle Aktivitäten aller Art

Das sogenannte Darknet ist ein verborgener Teil des Internets, der nicht auf übliche Weise, über Suchmaschinen oder Browser auffindbar ist. Der Zugang erfolgt über Anonymisierungsnetzwerke wie „Tor“. Die Kommunikation wird verschlüsselt. Betreiber und Besucher von Seiten wollen möglichst anonym bleiben. Das Darknet gilt als Handelsplatz für kriminelle Aktivitäten aller Art. Die Bezahlung erfolgt meist mit Kryptowährungen.

Bei einer Gefahr für Kinder habe man das Verfahren an die zuständige Polizeibehörde abgegeben, um unmittelbar Maßnahmen zu ergreifen, so das BLKA – beispielsweise, wenn Kinder bei Tatverdächtigen wohnten. Demnach gab es zum Beispiel im August 2023 eine Durchsuchung bei einem 31-jährigen Familienvater aus dem Landkreis Starnberg, der für entsprechendes Material sexueller Gewalt bezahlt hatte. Er sei inzwischen rechtskräftig verurteilt.

Bundesregierung plant härteres Vorgehen

Die Bundesregierung will kriminellen Machenschaften im Darknet stärker entgegentreten. Im Dezember 2025 legte das Bundesjustizministerium einen Referentenentwurf für ein Gesetz zur Einführung einer IP-Adressspeicherung vor. Demnach sollen Internetanbieter verpflichtet werden, IP-Adresse für drei Monate zu speichern, bislang tun sie das, wenn überhaupt, nur wenige Tage. Ermittler sollen so gegebenenfalls Anschlussinhaber länger identifizieren können.

„Das ist gut, das ist wichtig, das ist notwendig, es ist aber auch überfällig“, sagte Bayerns Justizminister Eisenreich. Er forderte außerdem, die Mindeststrafe für Betreiber von Plattformen, auf denen Kinderpornografie angeboten wird, von sechs Monate auf drei Jahre zu erhöhen.

Source: tagesschau.de