„Wir arme Leut!“ Vier Töne auf vier Silben: In Alban Bergs „Wozzeck“ bilden sie nicht nur musikalisch ein zentrales Leitmotiv. Der Komponist, aber auch schon Georg Büchner, auf dessen Drama „Woyzeck“ die Oper des Schönberg-Schülers basiert, rücken mit dieser wiederholt getätigten Äußerung ihres Titelhelden den sozialkritischen Aspekt der Handlung in den Mittelpunkt. Beide ergreifen für die Ärmsten Partei, deren trostloses Leben ungerechten Verhältnissen geschuldet sind, gegen die Büchner anschreibt und die Berg anklagt. Die meisten Produktionen der Oper „Wozzeck“, von Peter Konwitschnys Hamburger Inszenierung vielleicht abgesehen, bringen denn auch ein mehr oder weniger naturalistisches Drama auf die Bühne, in dem das soziale Elend unmittelbar anschaulich wird.
Nicht so Evgeny Titov an der Grazer Oper: Der 1980 in Russland geborene Schauspieler, der in Wien zum Regisseur ausgebildet wurde und mit Schauspiel- sowie mit Operninszenierungen unter anderem in Dresden, Berlin, Düsseldorf, den Salzburger Festspielen und an der Wiener Staatsoper für Aufsehen gesorgt hatte, versteht „Wir arme Leut!“ nicht in einem sozialen, sondern in einem existenzialistischen Sinn. „Arme Leut“ – das sind wir alle, die wir uns in einer Welt zurechtfinden müssen, in die wir ohne unser Zutun hineingeboren wurden und in der wir zu einer Existenz verdammt sind, ohne dafür selbst auch die Voraussetzungen geschaffen zu haben.
Der Philosoph Martin Heidegger hat das mit der Metapher des „Geworfen-Seins“ bildmächtig beschrieben. Bei Titov wird dies gleich in der ersten Szene mit einem starken Bild sinnfällig dargestellt: In schutzloser Nacktheit steht Wozzeck den anderen Protagonisten gegenüber, in einer dunklen Waldlandschaft (Bühnenbild: Gideon Davey), die es mit ihren großen Steinen und Sträuchern, welche nur noch spärlich mit welkem Laub bedeckt sind, schwer macht, sich darin zu orientieren, geschweige denn, einen Weg hinauszufinden.
Aus diesem Labyrinth des Waldes, Symbol für eine Natur, derer wir trotz aller Beherrschung letzten Endes niemals Herr werden können, gibt es bis zuletzt kein Entrinnen. Dennoch variieren diese Wald-Bilder dank des Einsatzes der Drehbühne und einiger zusätzlicher Elemente, seien es dräuend dunkle Wolken, zuckende Blitze am Horizont, der sich auch mal rot färbt, oder ein bedrohlich groß aufgehender Mond.
Da tauchen die sieben Todsünden auf
Wozzeck steht für den Menschen schlechthin, der, in diese Welt geworfen, seine Existenz bewältigen muss. Aber woran sich orientieren, wo Wegmarken für ein sinnerfülltes Dasein finden? Titov hat den Text genau gelesen und ist dabei auf zahlreiche Bezüge zur Religion gestoßen. Drei schwarz gekleidete Engel samt Heiligenschein in der ersten Szene geben die Richtung vor: Für Wozzeck heißt das, sich an den sieben Todsünden abzuarbeiten, für die allegorisch, so Titovs Überlegung, die anderen Hauptfiguren der Oper einstehen.
Der Hauptmann, von Thomas Ebenstein mit souveräner Diktion und expressiver Schärfe gesungen, verkörpert dabei wohl die Trägheit, während der Hochmut im gewissenlosen Doktor seine Personifizierung findet, der Wozzeck für pseudowissenschaftliche Experimente missbraucht und vom großen Ruhm träumt. Er kommt als im wahrsten Sinne des Wortes aufgeblasene Figur (Kostüme: Klaus Bruns) daher, nicht ganz passend dazu allerdings der allzu schmächtige Bass von Daeho Kim.
Weniger eindeutig fällt die Zuordnung zu den Todsünden bei den restlichen Figuren aus, was der Idee etwas von ihrer Wirkung nimmt, wie auch die Tatsache, dass in säkularen Zeiten ein solcher Bezug leicht anachronistisch wirken kann.
Sängerisch luxuriös besetzt
Der kraftstrotzende Tambourmajor von Matthias Koziorowski lässt jedenfalls wollüstige, aber auch jähzornige Züge erkennen, während Wozzecks Freund Andres, von Ted Black mit lyrischer Sensibilität ausgestattet, nicht so ganz in die Sündenliste passen will. Auch die kahlköpfige Marie, mit Annette Dasch wahrhaft luxuriös besetzt, bleibt diesbezüglich ambivalent. Ist es Wollust, die sie in die Arme des Tambourmajors treibt und damit Wozzecks Eifersucht entfacht? Oder giert sie bloß nach dessen Geschenken? Jedenfalls ist ihr stilisierter und seitlich versetzter, auffällig großer Mühlsteinkragen ganz mit glitzerndem Belag übersät.
Daschs intensive Darstellung dieser nach Leben gierenden, aber trotzdem vom Gewissen gequälten Figur wird nur noch von Daniel Schmutzhards stimmlich wie darstellerisch grandiosem Wozzeck an Dringlichkeit übertroffen. Man erlebt einen verzweifelten Mann, der, von Visionen geplagt, keinen Ausweg aus seiner Misere findet. Immer stärker wird sein Wahn, der zwangsläufig im Femizid an Marie mündet. Doch der verhängnisvolle Kreislauf ist damit keineswegs durchbrochen. Am Schluss tritt Maries und Wozzecks verwaistem kleinem Sohn eine Kinderschar in den Kostümen der Todsünden entgegen. Das Spiel kann von vorne beginnen.
Der szenischen Dichte korrespondiert eine ebenso fulminante musikalische Darbietung. Mit dem Engagement Vassillis Christopoulos’ als Musikdirektor hat die Grazer Oper einen wahren Glückstreffer gemacht. Bei aller Liebe zum sorgfältig ausformulierten Detail, was manch Kostbarkeiten hörbar machte – etwa das überirdisch schön klingende Piano, mit dem der Solohornist Athanasios Ioannou Maries Bibellesung einleitete –, verlor Christopoulos den großen Bogen dennoch niemals aus den Augen. Seine Fähigkeit zur formalen Disposition kam nicht erst beim letzten großen Zwischenspiel zum Tragen, in dem das „Wir arme Leut!“-Motiv in einem mächtigen Crescendo zum Höhepunkt hinführt, der mit seinen harten, von der Pauke grundierten Akkorden jede Hoffnung zunichtemacht. Ein großer, heftig akklamierter Abend für die Grazer Oper und ein weiterer Erfolg für ihren Intendant Ulrich Lenz, der dem Haus zu neuem Glanz verhilft.
Source: faz.net