Online-Betrug: Kopf jener „Milton Group“ angeklagt

Die Nähe zu den Luxusboutiquen und Juweliergeschäften war von den Hintermännern bewusst gewählt. So schöpfte in den Jahren ab 2014 wohl niemand Verdacht, dass sich in den oberen Büroetagen der edlen Einkaufspassage Mandarin Plaza in der Kiewer Innenstadt ein straff organisierter Betrug an Kapitalanlegern auf mehreren Kontinenten abspielte.

Von hier und aus zahlreichen anderen Callcentern in Städten in Südosteuropa und auf dem Balkan versprachen Mitarbeiter der „Milton Group“ leichtgläubigen Privatanlegern aus der ganzen Welt risikofreie und gewinnbringende Investments.

Privatanlegern wurde Geld aus der Tasche gezogen

Oft wurden Anleger durch gefälschte Werbekampagnen mit prominenten Personen, Politikern oder Fußballvereinen angelockt. Dabei täuschten die Berater in den „Boiler Rooms“ am Telefon vor, digitale Plattformen für den Handel mit unterschiedlichsten Finanzinstrumenten zur Verfügung zu stellen. Häufig konnten Anleger schon mit kleineren Beträgen von 250 Euro investieren.

Die Investments gab es jedoch nicht. Und in den allermeisten Fällen war das investierte Kapital nach kurzer Zeit vollständig verloren. Kritische Nachfrager wurden von Mitarbeitern der Callcenter vertröstet oder schlichtweg ignoriert.

Ein Whistleblower wandte sich im Jahr 2020 an schwedische Medien. Spätere Recherchen der BBC zeigten auffallend viele Beziehungen der „Milton Group“ zum früheren georgischen Verteidigungsministers Dawit Keseraschwili. Der Politiker wiederum wies alle Vorwürfe vehement zurück.

Ermittlungen in mehreren Ländern

Zwischenzeitlich beschleunigten sich die Ermittlungen, die zu dem Zeitpunkt schon in mehreren europäischen Ländern gegen das internationale Netzwerk liefen, erheblich. Auch Staatsanwälte aus Bayern und Sachsen hatten Mitglieder des Netzwerks schon länger wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, der Bildung einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche im Visier.

Im Herbst 2022 folgte dann, koordiniert durch Eurojust in Den Haag, ein konzertierter Schlag gegen die Kriminellen: In fünf Ländern, darunter Albanien und die Ukraine, durchsuchten zahlreiche Fahnder Büros, Callcenter und Privatwohnungen. Sie beschlagnahmten Computer, Mobiltelefone und Bitcoin-Wallets und sicherten Vermögen in zweistelliger Millionenhöhe. Mehrere Mitarbeiter der „Milton Group“ wurden festgenommen.

Die Ermittler der Zentralstellen Cybercrime in Bayern (ZCB) und in Sachsen sprachen damals davon, dass mit Hunderttausenden Geschädigten auf der ganzen Welt zu rechnen sei. In einer Mitteilung hieß es: „Der geschätzte Gesamtschaden liegt im Milliardenbereich; allein in Deutschland ist von einem Schaden von deutlich mehr als 100 Millionen Euro auszugehen.“ Weil viele geschädigte Anleger den Betrug nicht anzeigen, agieren die Strafverfolgungsbehörden gemeinhin bei konkreten Angaben mit Vorsicht und verweisen bei ihren Schätzungen entsprechend auf die hohe Dunkelziffer.

Festnahme in Armenien

Nach den ersten Festnahmen konzen­trierten sich die Ermittlungen auf die mutmaßliche Führungsebene der „Milton Group“. Auf Betreiben deutscher Staatsanwälte konnte 2023 ein Verdächtiger in Armenien festgenommen werden. Der heute 50 Jahre alte Mann besitzt neben der israelischen auch die georgische Staatsbürgerschaft und gilt den Ermittlern zufolge als einer der mutmaßlichen Köpfe der „Milton Group“. Seit Mai 2024 sitzt er in einem bayerischen Gefängnis in Untersuchungshaft.

Wie die bayerische Justiz nun mitteilte, muss er sich ab Mitte Januar in einem Strafprozess vor einer Cyberwirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Bamberg wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verantworten. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe. Der durch Strafanzeigen belegte Schaden betrage rund 52 Millionen Euro, teilte das ZCB vorab mit. Global gehe man von „Dunkelfeldschaden“ in Höhe von etwa 180 Millionen Euro aus. Der Gewinn des ranghohen Mitglieds der „Milton Group“ soll rund 29 Millionen Euro betragen haben.

Die Anklage basiert auf Erkenntnissen aus sechs Jahren Ermittlungsarbeit von Beamten der Kriminalpolizeiinspektion für Zentralaufgaben Oberfranken und von sächsischen Ermittlungsbehörden. Die Strafverfolger werfen dem Angeschuldigten zwei größere Tatkomplexe vor.

Führungskraft und Entscheider

Zum einen soll er vom Jahresende 2014 bis zum Mai 2019 ein Callcenter in der albanischen Hauptstadt Tirana geleitet haben, in dem zeitweise rund 600 Mitarbeiter beschäftigt waren. Über diesen „Boiler Room“ sollen über die Jahre hinweg mindestens 28 Onlinehandelsplattformen betrieben worden sein. Den festgestellten Schaden, der für 180 Anleger aus dem deutschsprachigen Raum entstanden ist, beziffern die Ermittler auf acht Millionen Euro.

Vom Jahr 2017 an soll der Verdächtige zudem für die Entwicklung einer Software zum betrügerischen Cybertrading verantwortlich sein, die in einem kleineren Callcenter in Tiflis zum Einsatz kam. Laut Anklage konnten bis zur Durchsuchung im November 2022 von Georgien aus knapp 400 Betrugsplattformen betrieben worden sein.

Hier soll sich der festgestellte Schaden für deutschsprachige Kapitalanleger auf rund 44 Millionen Euro belaufen: In einem Fall soll ein Anleger aus Österreich den Ermittlern zufolge in nur sieben Monaten mehr als elf Millionen Euro verloren haben.

Die Fahnder gehen wieder von einem vielfach höheren Dunkelfeldschaden aus. Denn: Sichergestellte Unterlagen legen allein für den Zeitraum von Februar 2019 bis Dezember 2020 einen globalen Gesamtschaden in Höhe von rund 130 Millionen Euro zumindest nahe.

Source: faz.net