Am Sonntag sind die XXV. Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo zu Ende gegangen. Die Abschlussfeier in der Arena von Verona war der zweite Teil einer Liebeserklärung der Italiener an die Welt (des Sports) – und an sich selbst. Schon über der Eröffnungsshow im San-Siro-Stadion zu Mailand hatte eine virtuelle grün-weiß-rote Trikolore geweht.
Zum Nationalstolz hat jedes Gastgeberland von Großereignissen des Weltsports das gute Recht. Die Olympischen Spiele der Neuzeit sind Wettkämpfe der Nationen. Auf den Siegerpodesten stehen Vertreter von Nationalstaaten, die weder ethnisch noch sonst wie homogen sind.
Eklat beim Wettbewerb im Viererbob in Cortina d’Ampezzo
Der Gastgeber Italien hat bei seinem „Heimspiel“ so viele Medaillen abgeräumt wie noch nie bei Olympia. Fast jede vierte holten Athleten aus der überwiegend deutschsprachigen Provinz Südtirol, wo gerade einmal ein Prozent aller Italiener leben. Über diese krasse Form der Überrepräsentierung einer ethnischen Minderheit beim Gewinnen von Edelmetall hat sich in der großen Sportnation Italien noch niemand beschwert.
Als kleingeistige Gastgebernation hat sich Italien jedoch im Umgang mit den Olympioniken aus Israel gezeigt. Schon bei der Eröffnungsfeier wurden die neun Athleten aus Israel vom Mailänder Publikum ausgebuht. Zu einem weiteren Eklat kam es beim Wettbewerb im Viererbob in Cortina d’Ampezzo.
Ins versehentlich offene Mikrofon legte der Kommentator des öffentlich-rechtlichen Fernsehens RAI bei seiner Liveübertragung des Rennens der Regie nahe, rasch eine Werbeunterbrechung zu schalten: „Lasst uns das Team mit der Nummer 21 meiden, das ist die israelische Mannschaft.“ Nachdem der Skandal Wellen geschlagen hatte, folgten wortreiche Entschuldigungen der Intendanz. Adam Edelman, orthodoxer Jude, geboren in den Vereinigten Staaten, ist Pilot des israelischen Bobs und nennt sein Olympiateam, zu dem ein Angehöriger der drusischen Minderheit gehört, ironisch „Shul Runnings“.
Das jiddische Wort „Shul“ heißt „Synagoge“, und „Cool Runnings“ war der Titel der Kinokomödie von 1993 über das legendäre Bobteam Jamaikas, das 1988 erstmals bei den Winterspielen in Calgary angetreten war. Edelman, den schon vor dem RAI-Skandal ein Kommentator des Schweizer Fernsehens der „Unterstützung des Genozids“ an den Palästinensern bezichtigt hatte, sagte zum Abschluss der Wettbewerbe: „Shul Runnings besteht aus sechs stolzen Israelis, die es bis zu den Olympischen Spielen geschafft haben. Kein Trainer, kein Geld, kein ausgeklügeltes Programm. Nur ein Traum, unbändiger Wille und unerschütterlicher Stolz auf das, was wir repräsentieren.“ Im Zweier- und im Viererbob landete „Shul Runnings“ bei der ersten Teilnahme an olympischen Bobwettbewerben jeweils auf dem letzten Rang. Vier beziehungsweise zwei Plätze hinter Jamaika.
Source: faz.net