Die Spiele beginnen schrecklich, Samstag Mittag, Cortina d’Ampezzo, eine Minute vor zwölf: Lindsey Vonn, der zurückgekehrte Superstar des US-amerikanischen Alpinteams, bleibt kurz nach dem Start ihrer Abfahrt an einem Tor hängen und überschlägt sich. Die Bilder sind entsetzlich, im Livestream der ARD entfährt dem Experten Felix Neureuther ein Fluch, für den er sich sofort entschuldigt, in der linearen Berichterstattung des ZDF aber ist der Sturz wieder und wieder und wieder zu sehen und die Schreie der schwer verletzten Fahrerin zu hören – während parallel, in der ARD, Neureuther und der Kommentator Bernd Schmelzer darum flehen, bitte nicht schon wieder diese Bilder zu zeigen, den Ton abzudrehen, hat denn da niemand Empathie, rufen sie, Neureuther setzt seine Kopfhörer irgendwann ab, endlich transportiert ein Helikopter Vonn von der Piste, im Krankenhaus wird ein Schienbeinbruch im linken Bein diagnostiziert.
Und während sich die olympische Bildregie dazu entscheidet, vor der Medaillenehrung beim Zusammenschnitt der Siegesfahrten für Bronze (Sofia Goggia), Silber (Emma Aicher) und Gold (Breezy Johnson) auch noch mal Lindsey Vonns Sturz zu zeigen, als sei er Teil des Resultats, und die ARD in ihren Nachrichtenclips des Tages aber darauf verzichtet und die Szene ausblendet, bevor es passiert, wird das ZDF den Sturz an diesem Samstag in Dauerschleife zeigen. Statt aber darüber zu diskutieren, warum das notwendig sein sollte, entsteht in den Tagen danach eine Art Debatte, ob man es Lindsey Vonn, auch im Interesse der anderen Athletinnen, nicht hätte verbieten sollen, an den Start zu gehen – eine Frau mit Anfang vierzig, so eigensinnig! Die Abfahrt von Cortina ist so steil wie die Lernkurve der Programmverantwortlichen flach.
Hin und weg
Überhaupt könnte das ZDF das mit dem Hinschauen und Wegschalten für die nächsten Spiele vielleicht noch mal trainieren: Als dem Rennrodler Max Langenhan am Abend des nächsten Tages die Goldmedaille umgehängt wird und er mit dem Scheinwerferlicht in der Dunkelheit von Cortina um die Wette strahlt, schalten sie zurück ins ZDF-Studio, wo Jochen Breyer dann noch so ein bisschen mit dem (sympathischen) Rodelexperten Johannes Ludwig quatscht. Eine Woche später steht Lena Dürr im Riesenslalom vor dem zweiten Lauf auf Platz 2, die letzten vier Fahrerinnen machen sich bereit, es könnte also eine deutsche Medaille geben – da wechselt das ZDF ins Viertelfinale (!) vom Snowboard Cross-Mixed Team. Also schnell in den ARD-Stream. Dass es sich die beiden öffentlich-rechtlichen Sender leisten, Wettbewerbe parallel zu begleiten, der eine linear, der andere digital, ist eigenwillig, das netflixartige Kanalwechseln aber bei diesen Olympischen Spielen eine gute Sache. Und am schönsten, dass man es schafft, wenn man nur streamt, tagelang dabei zu sein, ohne ein einziges Mal „Ti amo, Italiano“ von Sportfreunde Stiller hören zu müssen. Sportfreunde il mio popò!
Pasta und Politik
Dass auch die Politik hineinschneit, wenn Athleten unter der Flagge ihres Landes für Ruhm und Ehre kämpfen, konnten bei diesen Spielen auch die übertragenden Sender nicht ignorieren. Und so zeigten sie brav und regelmäßig Beiträge über alle Nebengeräusche und Hintergründe, die hier gewissermaßen außer Konkurrenz mitliefen: über den Streit um den ukrainischen Skeleton-Fahrer Wladyslaw Heraskewytsch, der nicht antreten durfte, weil er darauf bestand, seinen Helm mit den Porträts gefallener ukrainischer Sportler zu tragen; über die vorsichtige Kritik amerikanischer Olympioniken an der Politik ihrer Regierung; oder über den routinemäßigen Dopingskandal, der diesmal dank der abenteuerlichen Nutella-Entschuldigung der italienischen Biathletin Rebecca Passler als besonderes Kuriosum behandelt werden konnte. „Sport ist immer politisch“, sagte ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein irgendwann, als wäre das eine Erkenntnis, die sich bei der Berichterstattung schon immer von selbst verstanden hat.
Aber immer noch wirkt die Beschäftigung mit den politischen Spannungen wie eine lästige Pflichtübung, outgesourct an Experten wie Hajo Seppelt, als gehe es um lustige Randgeschichten wie die der Pasta in der Form der olympischen Ringe. Dabei würde die Begeisterung für die sportlichen Leistungen oder die Tragik des Scheiterns überhaupt nicht davon kontaminiert, wenn man auch während der Wettbewerbe von den Dramen jenseits der Sprünge und Läufe erfahren würde, von den Umständen etwa, warum russische Eiskunstläufer für alle möglichen anderen Länder starten, nicht nur Nikita Volodin für Deutschland, oder ob die Spiele in Italien wirklich die „nachhaltigsten Winterspiele aller Zeiten“ sind. Viele Kommentatoren beweisen bei langen Live-Übertragungen auch sonst viel Talent für Bewegendes jenseits von Piste und Bahn, warum nicht mal ein paar Fun Facts über die Realität hinter der Show?
Spannende Langeweile
Es wird ja einiges dafür getan, den Sport und die Olympischen Spiele weiterhin attraktiv zu machen: Regelanpassungen, neue, spektakuläre Disziplinen. Das ist begrüßenswert und jedem Sportler, der Sportarten wie „Big Air“, Freestyle-Sprünge mit Skiern oder Snowboard, betreibt, zu gönnen. Brauchen täte man es nicht. Was ist spannender und gleichzeitig meditativer, als Menschen dabei zuzuschauen, wie sie um die Wette rennen und fahren? Auch Weltrekorde sind im Grunde überflüssig. Was für einen Unterschied macht es beim Gucken, ob jemand eine halbe Sekunde schneller ist als vor vier Jahren? Wer gewinnt, heute und jetzt? Nichts anderes will man wissen. Mehr Eisschnelllauf, mehr Bobfahren, mehr Langweile, bitte!
Wenn der Wald ruft
Der 25-jährige norwegische Skifahrer Atle Lie McGrath war beim Slalom in Bormio als Führender in den zweiten Durchgang gegangen, fädelte dann allerdings ein und schied aus. Verzweifelt und wütend warf er seine Skistöcke und Schienbeinschoner weg, zog seine Skier aus, kroch unter den Fangnetzen am Rand der Piste hindurch, fiel nach ein paar Schritten hin, rappelte sich wieder hoch und stapfte weiter, einfach davon. Sein Ziel: der Wald. Es war ein großartiger Moment, ein Bild, wie beim Abschlussrennen einer Kinderskischule, wo immer einer aus Frust und Erschöpfung heult, im Schnee zusammenbricht und mit Skiern und Stöcken um sich wirft, bis jemand kommt, der tröstet und mit einem Taschentuch Rotz und Tränen wegwischt. Es stimmt nicht, dass Dabeisein alles ist, wie einige Naive behaupten. Jeder will gewinnen und Atle Lie McGrath, dieser große Mann aus dem waldreichen Norden, hätte fast die Goldmedaille in der Tasche gehabt. Hinzu kam seine Trauer – während der Eröffnungsfeier hatte er vom Tod seines Großvaters erfahren, und wer weiß, vielleicht hätte er ihm die Medaille gern gewidmet. Er erklärte nichts, rechtfertigte sich nicht, blieb nicht vor den Kameras stehen. Er floh in den Wald, um geschützt vor Blicken mit seinem Scheitern fertigzuwerden. In dieser Geste steckt ein Bedürfnis, das alle kennen, und deshalb lieben wir Atle Lie McGrath. Jeder hat Momente im Leben, in denen man einen Wald am Rande der Piste braucht, um sich mal kurz auf Norwegisch zu verabschieden.
Kampf der Gladiatorenpaare
Zu den schönsten Erfahrungen der Olympischen Spiele gehört die vertraute Fremdheit beim Zuschauen der Sportarten, für die man sich nur während der Olympischen Spiele interessiert, das ist wie eine Rückkehr an einen Ort, an dem man alle vier Jahre Urlaub macht. Mit einer Mischung aus Neugier und Befremden guckt man dann darauf, was sich dort in der Zwischenzeit verändert hat, auf die neuen Regeln oder Moden. Beim Eiskunstlauf, jenem exotischen Land, in dem künstlerische Freiheit nur im Rahmen undurchschaubarer technischer Gesetze erlaubt ist, kommt einem auch die Musikauswahl vor, als unterliege sie einer inoffiziellen Vorschrift: ein bisschen Pop ist akzeptabel, zu viel Punk aber wird mit Punktabzug bestraft. Während man deshalb früher gern zu Klassikern wie „Boléro“ oder „Schwanensee“ seine Salchows hüpfte, scheint man heute mit Filmmusik gut zu fahren. Damals wie heute aber scheint die Auswahl so begrenzt zu sein, dass es immer wieder zu Überschneidungen kommt. Das kann seinen eigenen Reiz haben, wie bei der legendären „Battle of Carmens“, die Kati Witt 1988 in Calgary gegen Debi Thomas gewann, trägt aber meistens wenig zur Individualität einer Kür bei. 2018 in Pyeongchang hörte man auf dem Eis fünfmal Musik aus dem Film „Moulin Rouge!“.
Diesmal kam es im Paarlauf-Wettbewerb zum Kampf der Gladiatoren: Sowohl die Kanadier Lia Pereira und Trennt Michaud als auch kurz darauf das japanische Gewinner-Paar Riku Miura und Ryuichi Kihara zeigten zum Soundtrack von Hans Zimmer ihre Pirouetten. Die US-Amerikanerin Amber Glenn dagegen wurde für ihr Kurzprogramm zu „Like a Prayer“ genauso wenig belohnt wie das deutsche Duo Annika Hocke und Robert Kunkel für ihre Kür zu Meatloafs „I’d Do Anything for Love“. Aber vielleicht muss man auch froh sein, wenn sich die Originalität der Musikauswahl in Grenzen hält: Immerhin kam diesmal niemand auf die Idee, Todesspiralen zur Titelmusik aus „Schindlers Liste“ zu drehen, die die deutsche Eiskunstläuferin Nicole Schott 2018 für ihre Kür ausgewählt hatte.
Regelwidriger Schnee
Seit der Einführung eines komplizierten Systems aus Kompensations-Regeln und Bonuspunkten kann man Skispringen ohne Mathematikstudium kaum noch verstehen. Wäre ja langweilig, wenn einfach derjenige gewinnt, der am weitesten springt. Das kann durchaus die Spannung erhöhen: Seit auch die Trainer die Möglichkeit haben, den Anlauf durch einen „Coach Request“ zu verkürzen, spielt endlich auch bei diesem Sport die richtige Taktik eine Rolle. Das kann sogar ehemalige Skispringer wie den ZDF-Experten Severin Freund verwirren, der sonst einer der absoluten Gewinner in der Disziplin Ko-Kommentar war: Beim Mixed-Team-Springen war er sehr lange davon überzeugt, dass dem japanischen Springer, der der deutschen Mannschaft die Bronzerang wegschnappte, die Bonuspunkte nicht zustanden. Das klang sehr überzeugend, aber leider war er mit der Auslegung allein. Beim Superteam-Wettbewerb der Männer kapitulierte aber auch das ausgeklügelte Regelwerk vor einem Phänomen, mit dem bei Winterspielen kaum zu rechnen war: Es schneite. Das Springen musste abgebrochen werden.
Night, Night, Amerika!
Spott ist unsportlich, aber Andrea Giovannini, Eisschnellläufer der Azzuri, konnte es nach dem Gold gegen die USA im Mannschaftsverfolgungsrennen nicht lassen. Er machte die „Night, Night“- Geste (geneigter Kopf, zusammengelegte Hände an die Wange), die der NBA-Star Steph Curry als Zeichen von Dominanz geprägt hat. Etwas Saftiges aus Italiens großem Gebärdenrepertoire kam nicht infrage, denn die Amerikaner sollten die message ja auch verstehen. Winken wäre vielleicht eine gute Möglichkeit gewesen. Es bedeutet „Ciao, Ciao“.
Source: faz.net