Viel Häme gab es schon im Vorfeld für das Outfit der deutschen Athleten zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina. Dabei zählte die Kombi aus Funktions-Poncho und Anglerhut zu den wenigen modischen Highlights
Hat Grund zum Lachen. Rennrodler Felix Loch bei der Anprobe des deutschen Winterolympioniken-Outfits
Foto: Beautiful Sports International/Imago Images
Jetzt weiß man gar nicht, was typischer für Deutsche ist: sich geschmacklos zu kleiden oder sich über die angeblich geschmacklose Kleidung anderer zu echauffieren? Wirklich typisch deutsch ist jedenfalls alles an der Aufregung um das Outfit der deutschen Athletinnen und Athleten bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Die liefen nämlich bei der Eröffnungsfeier im ehrwürdigen Stadion San Siro in Poncho und Anglerhut des Sportartikelherstellers Adidas auf und das Internet zeigte sich geschockt!
Eiskunstläuferin Katarina Witt, bisher nicht unbedingt als Modeexpertin in Erscheinung getreten, fragte sich im TV, ob es sich um einen Poncho, eine Tagesdecke oder eine Luftmatratze handele. Rennrodler Max Langenhan witzelte auf Instagram, es fehlten jetzt nur noch die Socken in Sandalen zu diesem Outfit. Bobfahrer Joshua Tasche chargierte einen Fisch am Haken, indem er sich zappelnd über den Boden bewegte.
Man angele sich nun die Medaillen, scherzten die Olympioniken als Antwort auf die Häme, die der deutsche Kommentarspaltenfüller zum Ausdruck brachte, war er doch außer sich, weil er sich nun wieder für sein Land schämen müsse.
Italien? Langweilig. Schweden? Zum Einschlafen
Jetzt schämt sich der deutsche Kommentarschreiber natürlich fast immer aus falschem Grund für sein Land, aber ist denn das olympische Outfit wirklich so viel schlimmer als die Anzüge des Bundeskanzlers? Ein ausgestellter Umhang, ein eng anliegender Bucket Hat. Grundfarbe schwarz, darauf in der Bewegung etwas unklare Linien in Farbverläufen zwischen Rot und Gelb. Ja, verglichen mit den Outfits für Haiti von Stella Jean, die in Farbe und Form Spaß und Stolz gleichzeitig verstrahlten, wirken die deutschen Kostüme ein bisschen bedrückend funktional.
Aber selbst die Modenation Italien, ausgestattet von EA7, der Sportlinie von Emporio Armani, lief in langweiligen weißen Anzügen auf. Schweden in Uniqlo? Zum Einschlafen. Österreich? So lustvoll wie die „Designs“ von Victory für Deichmann. Glaubt man dem Internet, sind besonders die Kleider vom mongolischen Team beliebt. Das sagt allerdings auch nur etwas über die Betrachter aus, die anscheinend Ethno-Kitsch brauchen, um ihr Bild vom Jurtenland zu bestätigen.
Viel aussagekräftiger waren da vor allem die USA in Ralph Lauren. Verkörpert der Aspenartige Preppy-Chic doch eine Nation, die sich den Patriotismus noch nicht versauen lassen will und in Ivy-League-Style das gute alte Saubermann-Image zurück sehnt.
Der Anglerhut ist natürlich etwas in Verruf geraten, spätestens als er in Deutschlandfahnenfarben auf dem Kopf eines Pegida-Demonstranten saß, der in einem viralen Video von 2018 ein Kamerateam anging.
Passt ein Poncho zur „deutschen Identität“?
Auch wird der Anglerhut gern von alkoholisierten Männergruppen bei Sport- oder Musikveranstaltungen getragen. Unsympathische Auskenner-Typen im Rave der Nullerjahre trugen ihn. Aber im Hip-Hop ist und bleibt der Anglerhut ein absolut tragbares und klassisches Accessoire. Vielleicht kommt es also eher darauf an, wer ihn trägt?
Und der Poncho? Als fledermausartig beschrieb ihn jemand, als absolut wärmend jemand anderes. Sich allerdings der klassischen Jacke zu entledigen, ist doch modisch gesehen erst mal keine schlechte Idee!
Nun ist es so: Die Deutschen suchen zwar immer noch recht erfolglos nach einer Identität. Aber schlägt man ihnen eine vor, fühlen sie sich auch wieder unwohl. Peinlich berührt und gleichzeitig heimlich erregt, wie der adoleszente Mann, der sich für den Karneval ein Frauenkleid anzieht.
Die Outfits der deutschen Athleten wollen zumindest modisch etwas. Wie gut das gelungen ist, steht auf einem anderen Stück Stoff. Ärgerlich eindimensional gedacht ist hier eher die Farbgestaltung, die sich an Schwarz-Rot-Gold orientiert, und die Musterung, die ernsthaft Fragmente des Bundesadlers aufnimmt.
So als habe im Team Adidas kurz jemand eine modische Vision gehabt, die dann aber von einem Herrn aus einer höheren Position ängstlich eingehegt werden musste, indem man sich doch auf den sicheren Patriotismus zurückbesinnt. Kämpfen für Deutschland, siegen für Deutschland – na klar. Aber modisch etwas wagen? Bitte nicht! So sagt die Scham, aufzufallen, dann doch mehr über die deutsche Identität aus als Cape und Hut.