Was wird aus der rationalen Entscheidung gegen Kinder, wenn eine Frau plötzlich von ihrem Körper damit konfrontiert wird, nie eine Tochter zu haben? Frisch notoperiert reist Waleria mit drei Löchern im Bauch und nur noch einem Eierstock quer durch Deutschland zu ihrer Mutter Róża, obgleich sie sich nie viel zu sagen hatten. Anders als mit der Großmutter Marianna. Die Reise führt daher auch zurück zu „Babcia“, die Waleria immer „dzieko moje“ – mein Kind nannte. Bereits sie erfuhr als „Babciakind“ ein einziges Mal im Leben Geborgenheit, bis die Eltern sie in die brutale Realität familiärer Ausbeutung rissen, von der der Pfarrer lustvoll profitierte und gegen die die progressive Lehrerin machtlos blieb. Für das polnische Bauernmädchen steht im Geburtsregister nur „Tochter“ neben dem Namen des Bruders, der sie zeitlebens beherrscht.
„Wir sind Magd, Köchin, Frau / wir werden schwanger, ohne zu wissen warum / wir bekommen Kinder, obwohl wir keine wollen“, heißt es in einer der lyrischen Passagen, die den Roman „Wir Töchter“ durchziehen. Ist das die Stimme Marinnas? Oder die Walerias? Marianna bricht weder aus mit dem feinen und sensiblen Miłosz vom Zeltlager, noch rebelliert sie gegen den niederträchtigen Bruder, die Bevormundung durch Vater, Mutter, Kirche und später böse Schwiegermutter. Sie schweigt und bleibt, verwurzelt im polnischen Sand.
Róża hingegen will nur eines: weg. Während ihre – früh von Różas Onkel missbrauchte – Freundin Ewa in die Stadt und in den Kampf der Solidarność zieht, sucht Róża dort eine Welt der schönen Kleider, Hotels, Fa-Seife und klappernden Absätze. Die Hoffnung darauf heißt Szymek. Der liebenswürdige, mit allem Möglichen handelnde Filou stielt Różas Herz und fährt mit ihr auf seinen Geschäftstouren queer durch die Sowjetunion. Dass er sie wie nebenbei heiratet, überrascht Róża und noch mehr, dass er dabei ihren Namen annimmt – eigentlich undenkbar im patriarchalen Polen.
Wird die Tochterkette abreißen?
Mit diesem Coup schreibt der Roman den Vater in die matrilineare Erbfolge ein und sorgt dafür, dass die Enkelin den Namen ihrer Babcia tragen wird. Doch nach der Zeugung verschwindet Szymek gen Westen. Róża bekommt ihre Tochter zurück im Dorf und verfolgt von da an zäh das Ziel, mit dem von Szymek geschicktem Geld und von ihm gelernten Tricks gegen eine korrupte Bürokratie nach Deutschland zu entkommen. Doch es hält vor allem Enttäuschungen bereit. Die größte ist zugleich eine erzählerische. Denn warum scheidet ausgerechnet der Feminist unter den Männerfiguren so spektakulär aus der Erzählung? Welche Rolle spielen Töchter und Söhne dabei, und warum akzeptiert die in jeder Hinsicht rebellische Waleria ausgerechnet das mütterliche Totschweigen des Vaters? Bereits der Großvater verschwandet nach der Zeugung Różas, ohne dass Art, Zeitpunkt oder Folgen seines Ablebens dem sonst so beredten Text einer Silbe wert waren. Väter sind Samenbanken.
Auch für Waleria spielt bei der Frage, ob die Tochterkette abreißen wird, keine Rolle, ob sie für ein Kind einen Vater hätte oder bräuchte. Sie führen in „Wir Töchter“ jenes Schattendasein, dass in postmigrantischen Texten häufig die Mütter trifft, weil – wie Mithu Sanyal ihre Protagonistin in „Identitti“ reflektieren lässt – just Töchter sich vor allem für die väterliche Abstammung interessieren und diesem patriarchalen Muster folgend nicht selten folkloristisch die patriarchalen Strukturen von dessen Herkunftskultur romantisieren.
Die Hauptfigur fühlt sich als Transitwesen
„Wir Töchter“ dagegen findet immer neue Wendungen für den polnischen Machismo, der weibliche Menschen als „zbędne – unnütz“ bezeichnet, Marianna in die Knie zwingt und die auf ihre Weise starke Róża vertreibt. So bleibt von Polen vor allem das großmütterliche Essen mit viel Fett, Zucker, Eingemachtem und Selbstgeschlachtetem. Różas Emanzipation in Deutschland auch davon heißt Miracoli. Wenn Waleria polnische Süßigkeiten- und Zigarettenverpackungen zu einem Altar aufbaut und im Kinderzimmer Polen spielt, wird die postmigrantische Romantisierung des Kulturraums, aus dem die Mutter flüchtete, zum pubertären Trotz-Zustand. Aus ihm heraus beklagt Waleria Różas Kampf um ein würdiges Leben in Deutschland als Verrat an der Herkunft: „Warum bist du nicht im Dorf geblieben?“
Waleria fühlt sich als Transitwesen, für das in der mittelständischen Welt ihrer Mitschülerinnen kein Platz ist. Sie sitzt die Deutschlandzeit ab bis zum polnischen Feriensommer, jenem alljährlichen Elysium aus Freiheit, Freundschaft, ersten Küssen, Zigaretten und Alkohol unter großzügiger großmütterlicher Obhut. Nur die ist dort zu Hause, wo sie zu Hause ist. Von Saša Stanišić bis zu Ronya Othmann sind die daheimgebliebenen Großmütter die heimlichen Heldinnen und Brückenpfeiler der Enkelgeneration auf ihrer Suche nach Identität. Auch oder gerade, wenn sie nicht viel mehr tun als kochen, backen und sprechen.
Eine Zeit, in der niemand migrantischer Erfahrung zuhört
Unter Mariannas Händen aber wird alles zu Kunst: Essen, Häkeldecken, Blumenstickereien und die Sprache. Sie hütet mit dem ersten Telefon die Geheimnisse des Dorfes, schreibt Gedichte in kleine karierte Notizblöcke und Stücke für die Theatergruppe. Róża hingegen putzt. Aus der gelernten Bürofrau wird in Deutschland ohne Sprachkenntnisse keine feine Dame, sondern die polnische „Putzi“. Die auf Knien deutschem Dreck hinterherkriecht, bei ihrer Garderobe nur noch darauf achtet, keinen der Bezahlung abträglichen Eindruck zu hinterlassen, zu rassistischen Witzen nett lächelt und in der Öffentlichkeit kein Polnisch mehr spricht. Schließlich auch nicht mehr zu ihrer Tochter. Polnische Kinder erben keine Muttersprache, sondern „die Zunge des Vaters“. Weil Waleria keinen Vater hat, erbt sie die Zunge der Oma. Der von Marianna entworfene Ring aus vielfachem slawischem Gold ist ein unübersehbar symbolisches Vermächtnis an Waleria.
Im Sprach-Transit gewinnt „Wir Töchter“ Bedeutungen aus Bedeutungsverschiebungen. Leider ist die Dechiffrierung der polnischen Begriffe, Wendungen und Textpassagen selbst mit Kenntnissen in einer slawischen Sprache mühsam. Vieles, das sich nicht aus dem Kontext erschließt, fehlt im beigefügten Glossar. Vor allem aber zerschlägt das Nachschlagen den Lektürefluss und macht den Text etwas didaktisch. Direkte Verweise auf der jeweiligen Seite wären ein Segen, und einmal mehr bleibt unverständlich, warum Publikumsverlage sich vor Fußnoten fürchten.
Dass ausformulierte philologische oder sprachphilosophische Überlegungen in einem literarischen Text immer die beste Lösung sind, zeigen die Schlusspassagen. Darin gewinnt die bei ihrer Ankunft in Deutschland verstummte und in Walerias Kindheitsberichten einsilbige Róża plötzlich ein Idiom für ihr Martyrium als „Ausländerin“ in einer Zeit, in der niemand migrantischen Erfahrungen zuhörte. Es verleiht ihr auch eine bis dahin verschwiegene emotionale Kontur und eigenständige Position zwischen „auf seine Herkunft stolz sein und sich verstecken“. Damit sie zum „du“ für ihre Tochter und zum „ich“ der Gedichteinschübe werden kann, muss diese aber ebenfalls ihre „polnische Zunge“ verlieren. Lässt sich so das vererbte „unsichtbare Schweigen“ zwischen den Generationen auflösen, gegen das sich die Körper mit Myomen, Wucherungen und Zysten wehren, deren Wunden und Narben „Wir Töchter“ alle tragen?
Oliwia Hälterlein: „Wir Töchter“. Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2026. 357 S., geb., 25,– €.
Source: faz.net