Rund um den Jahreswechsel denken viele Menschen verstärkt an Gemeinnützigkeit. Spenden und Freiwilligenarbeit sind zentrale Pfeiler. In Österreich gibt es in beiden Kategorien ein reges Engagement. „Licht ins Dunkel“ ist die größte karitative Spendenaktion in Österreich, sie hat eine lange Tradition. Mit der direkten und unbürokratischen Hilfe für Menschen mit Behinderung und in Not geratene Familien ist sie zu einer der stärksten Marken für sozialen Zusammenhalt geworden. In einer jährlichen Kampagne werden Spenden für Kinder, Familien und Menschen mit Behinderungen gesammelt. Initiator und engster Medienpartner ist der Österreichische Rundfunk (ORF). Es gibt Unterstützung für Familien in akuten Notlagen und Geld für Therapien, Hilfsmittel und barrierefreie Umbauten. Ebenso werden soziale Einrichtungen gefördert, inklusive Bildungs- und Betreuungsangebote sowie Behindertensport und -kultur. Zudem gibt es in einzelnen Jahren auch Hilfe bei negativen Folgen von Naturereignissen und krisenbedingten Notlagen in Österreich.
Im Mittelfeld
Es ist ein durchschlagender Erfolg. Insgesamt liegen die Österreicher aber im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Durchschnittlich spenden sie 117 Euro je Person im Jahr, in Deutschland sind es 150 Euro, in den Niederlanden 205 Euro, in der Schweiz 250 Euro, in Großbritannien 295 Euro und in den USA mehr als 1600 Euro. Das berichtet der Fundraising Verband Austria in seinem diesjährigen Spendenbericht auf Basis internationaler Spendenstudien.
„Dass Österreich beim Spenden trotz des überragenden Erfolges bestimmter Kampagnen, die vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk getragen werden, eher im hinteren Mittelfeld liegt, hat auch damit zu tun, dass Spenden lange Zeit steuerlich nicht begünstigt wurde“, erläutert Michael Meyer, Professor am Institut für Nonprofit Management der Wirtschaftsuniversität Wien.
In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten wurden in zwei Schritten Spenden steuerlich abzugsfähig bis maximal zehn Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte, zuerst nur für einige Hundert ausgewählte Organisationen in definierten Tätigkeitsfeldern, seit 2025 für den gesamten Bereich der gemeinnützigen Non-Profit-Organisationen (NPO). „Ob diese Erweiterung der Spendenabzugsfähigkeit auch die Spendenfreudigkeit ankurbeln wird, wird sich zeigen“, sagt Meyer. Doch war schon bisher erkennbar, dass die Absetzbarkeit die Spendenbereitschaft messbar erhöht (vor allem seit der automatischen Meldung an das Finanzamt).
Gütesiegel als Vertrauensanker
Als wichtiger Vertrauensanker für das Spendenverhalten erweist sich das Österreichische Spendengütesiegel, eine von der österreichischen Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (KSW) an Non-Profit-Organisationen vergebene Auszeichnung, die den NPO bestätigt, einem System von objektiven und nachvollziehbaren Standards sowohl bei der Spendenaufbringung als auch bei der Verwaltung der Spenden zu genügen.
Als herausragendes Beispiel für Gemeinnützigkeit gilt Marlene Engelhorn. Als Nachfahrin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn ist sie Erbin eines Millionenvermögens. Nachdem sich die Wienerin in den vergangenen Jahren vielfach gegen die ungleiche Verteilung von Vermögen in Österreich ausgesprochen und unter anderem eine faire Vermögensbesteuerung gefordert hat, sorgte sie 2022 mit ihrer Ankündigung, 25 Millionen Euro aus ihrem Erbe für gesellschaftliche Zwecke spenden zu wollen, international für Aufsehen.
Vier von fünf Österreichern spenden
Dafür initiierte Engelhorn den sogenannten „Guten Rat für Rückverteilung“, eine Gruppe von 50 zufällig ausgewählten Bürgern, die einen Querschnitt der Gesamtbevölkerung repräsentieren und über einen mehrmonatigen Zeitraum über die gesellschaftliche Verteilung der Millionen entscheiden sollten. Die Idee dahinter war es, das Geld möglichst gerecht und demokratisch „rückzuverteilen“. Im Sommer 2024 entschieden sie, dass 77 gemeinnützige Organisationen davon profitieren sollten. Die jeweiligen Förderbeträge bewegen sich zwischen 40.000 und 1,6 Millionen Euro und fördern Bildungsinitiativen, Klimaschutzprojekte sowie Organisationen, die sich für bezahlbaren Wohnraum und die Integration einsetzen.
Auch wenn solche Beträge für weite Teile der Bevölkerung unerreichbar sind – vier von fünf Österreichern haben im Vorjahr gespendet, wie der Fundraising Verband Austria berichtet. Am stärksten wirken persönliche Geschichten. Spender geben an, dass Einzelschicksale für sie ausschlaggebend sind. Fast ebenso wichtig ist die Sicherheit, dass Spenden wirklich ankommen. Das Ende des Jahres ist die spendenintensivste Zeit: 25 bis 30 Prozent der Spenden werden nach Angaben der Geschäftsführerin des Fundraising Verbands Austria, Ruth Williams, im November und Dezember eingenommen.
Manche Spendenorganisationen bieten über die steuerliche Absetzbarkeit hinaus weitere Vorteile: So bringt eine Fördermitgliedschaft für die Österreichische Bergrettung mit 36 Euro im Jahr gleichzeitig einen Versicherungsschutz für den Spender und dessen Familie im Fall von Verletzungen im Gebirge. Die Einsätze müssen bezahlt werden, wenngleich die alpinen Helfer ehrenamtlich unterwegs sind. Eine Suchaktion nach vermissten Alpinisten schlägt oft mit rund 5000 Euro zu Buche. Mittlere fünfstellige Eurobeträge kann das Lostreten einer Lawine kosten.
Weit vorn, was das Ehrenamt betrifft
Der Bergrettungsdienst ist einer von zahlreichen Freiwilligenorganisationen zwischen Bregenz und Eisenstadt. Das kleine Land liegt in der ehrenamtlichen Tätigkeit weit vorne in Europa, doch hinter nordischen Nationen. Das belegt der European Quality of Life Survey (EQLS). Vor allem auf dem Land ist die Beteiligung sehr hoch: Vereinswesen, Freiwilligenfeuerwehr, Bergrettung, Rotes Kreuz und kirchliche Strukturen sind tief in der Gesellschaft verankert. Ehrenamt hat ein hohes Sozialprestige und ist traditionell Teil lokaler Gemeinschaften.
Freiwillige leisten Millionen Arbeitsstunden im Jahr, wie Statistik Austria erhoben hat. Ohne sie wären etwa Brand- und Katastrophenschutz in weiten Teilen des Landes nicht im heutigen Umfang finanzierbar. Rund 3,8 Millionen Menschen engagieren sich in ihrer Freizeit freiwillig. Das ist fast jeder Zweite ab 15 Jahren. In einer Erhebung der Statistik Austria wird der volkswirtschaftliche Wert dieser ehrenamtlichen Tätigkeit mit 10,2 Milliarden Euro angegeben. Diese unbezahlten Aktivitäten würden die Gesamtwertschöpfung in Österreich um bis zu 2,8 Prozent erhöhen. Es gibt auch einen gesellschaftlichen Mehrwert über Integration, Gesundheits- und Bildungsangebote, Jugendförderung und kulturelle Vielfalt.
„Freiwilliges Engagement ist der Kitt in der Gesellschaft, der so wesentlich ist“, sagte die Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) anlässlich des Tags des Ehrenamts am 5. Dezember. Es sei neben dem gut ausgebauten Sozialstaat eine unverzichtbare Stütze. Außerdem nütze es nicht nur der Gesellschaft als Ganzes, „sondern hilft auch jenen, die sich engagieren“, erläuterte die Ministerin. So werde unter anderem die persönliche Zufriedenheit erhöht, auch sei es „ein wirksames Mittel gegen Einsamkeit“.
Österreicher sind Vereinsmeier
Österreicher sind außerdem noch größere Vereinsmeier als Deutsche. „Während es in Deutschland, dessen Bevölkerung zehnmal so groß ist, rund 600.000 Vereine gibt, sind es in Österreich 125.000 – also deutlich mehr auf die Einwohnerzahl bezogen. Das erleichtere niedrigschwellige Teilhabe von Sport über Kultur bis Soziales, sagt der WU-Wissenschaftler Meyer. Eine große Rolle spielten dabei die Vereins- und Versammlungsfreiheit als eines der frühen bürgerlichen Grundrechte in der Monarchie des späten 19. Jahrhunderts, die sozialdemokratische Tradition des Roten Wiens der Zwischenkriegszeit und die Öko-Bewegung der siebziger und achtziger Jahre.
Umfragen wie die European Values Study ordnen Österreicher eher kollektivitäts- und sicherheitsorientiert ein. Das kann prosoziales Verhalten und Engagement befördern. Umfragen zeigen ein hohes Vertrauen in gemeinnützige Einrichtungen. Vertrauen fördert Spenden und freiwilliges Engagement. Das ist derzeit im Fall von SOS-Kinderdorf erschüttert, wo im Sommer schwere, jahrzehntelange Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfe bekannt wurden, die sowohl den Gründer Hermann Gmeiner als auch weitere Mitarbeiter betreffen. Die Organisation hat die Vorwürfe öffentlich gemacht, Fehler eingeräumt und Maßnahmen zur Aufarbeitung eingeleitet. Die Auswirkungen auf die Spenden sind noch nicht vollständig messbar. Die Skandale haben zu neuen Kinderschutzrichtlinien und einem Umdenken im Umgang mit Spendern geführt. Man will die Transparenz erhöhen und künftige Vorfälle verhindern.