Ölpreis | 200 Dollar z. Hd. Öl? Warum Trump an seiner Preisschock-Strategie scheitern könnte

Die USA könnten den globalen Ölpreis gezielt auf bis zu 200 Dollar treiben, sagt ein Energiemarkt-Experte. Doch selbst für den US-Binnenmarkt wäre ein solcher Preisschock kaum verkraftbar


So könnten Donald Trumps Erdöl-Träume bald zerfließen

Illustration: der Freitag, Material: KI



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Während Donald Trump sich rühmt, iranische Ölfelder in Brand schießen zu lassen, erklärt die iranische Führung, sie werde die wichtige Meerenge von Hormus auf Dauer schließen. Das würde den globalen Ölhandel empfindlich treffen. Wer wird sich bei einer derartigen Konfrontation durchsetzen und vor allem: Welche Wirtschaftsstrategie verfolgen die USA mit ihrem Angriffskrieg genau?

Seit der begonnen hat, ist der Referenzölpreis Brent von rund 65 Dollar pro Barrel auf mehr als 100 Dollar gestiegen. Donald Trump verkauft dies als Sieg: „Die Vereinigten Staaten sind mit Abstand der größte Ölproduzent der Welt, deshalb verdienen wir viel Geld, wenn die Ölpreise steigen“, teilte er mit.

Tatsächlich dürften die US-Ölkonzerne bis zum Jahresende Übergewinne von mehr als 60 Milliarden Dollar erzielen, sollte der Ölpreis auf dem jetzigen Niveau verharren. Die Einnahmen könnten dabei besonders der US-Fracking-Industrie zugutekommen. Schließlich muss sie nicht unter den Widrigkeiten des Krieges produzieren. Die US-Ölmultis, die im Nahen Osten agieren, werden kurzfristige Gewinne hingegen in die Erneuerung zerstörter Infrastruktur stecken und Lieferausfälle kompensieren müssen.

Ursprünglich war Präsident Trump mit dem Versprechen angetreten, die Ölpreise niedrig zu halten. Er räumte Umweltstandards ab und feuerte die Energieriesen an, die Vorkommen im Land schneller auszubeuten – „Drill, baby, drill“, skandierte er im Wahlkampf und nach seinem Wahlsieg im November 2024. Durch steigende Fördermengen wollte er eine günstigere Versorgung im Inland, bessere Produktionsbedingungen für Unternehmen und niedrigere Verbraucherpreise durchsetzen. Um dauerhaft unter dem Wert von 65 Dollar pro Barrel zu liegen, kündigte er an, Druck auf die OPEC Plus auszuüben, etwa durch die Drohung, Sicherheitsgarantien für Verbündete im Nahen Osten zurückzuziehen.

USA könnten Ölpreis auf 200 US-Dollar steigen lassen

Was treibt den US-Präsidenten nun zu einer jähen Kehrtwende, wenn sein Krieg die Ölpreise in die Höhe treibt? Ein Regime Change in Teheran scheint vorerst in weite Ferne gerückt. Die Führung des Landes wirkt nicht so erschüttert, wie das von außen womöglich erwartet wurde. Der Rückhalt in der Bevölkerung, der noch vor wenigen Wochen bei Massenprotesten zu schwinden schien, ist nach dem Tod von mittlerweile mehr als anderthalbtausend Zivilisten offenbar intakt. Zu Kriegsbeginn wurde spekuliert, dass Trump auf eine „venezolanische Lösung“ setze.

Wie bei der Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro sollte die politische Führung des Iran geschwächt und der herrschenden Klasse signalisiert werden, dass sie nur bei erheblichen Konzessionen verschont bleibe. US-Ölkonzerne hätten erste Geschäfte im Iran machen dürfen, dazu wären wohl einige Sanktionen entfallen. Doch spätestens nach der gezielten Tötung des religiösen Oberhauptes Ajatollah Ali Chamenei erweist sich der iranische Widerstand als zäh und entschlossen. Hat sich Trump verkalkuliert?

Der Energiemarkt-Analyst Anas Alhajji hält es nicht für ausgeschlossen, dass die US-Regierung Größeres im Schilde führt. Die USA seien wegen ihrer geografischen Lage und ergiebigen Energievorkommen relativ autark, argumentiert er. Sie könnten ihre Ölexporte drosseln, um den US-Ölpreis West Texas Intermediate (WTI) zu senken. Durch ein solches Manöver würde der globale Ölpreis weiter steigen, möglicherweise auf bis zu 200 Dollar pro Barrel, während in den USA lediglich ein Preis von 50 Dollar vorherrsche, schreibt Alhajji.

Gas-Exporteure im Vorteil

Von einer langfristigen Krise im Nahen Osten würden zudem US-Exporteure von Flüssiggas (Liquified Natural Gas/LNG) profitieren, da große LNG-Produzenten wie Katar durch die Hormus-Blockade nicht liefern können. Auch über genug Düngemittel für den Agrarsektor und Helium, das zur Herstellung von Halbleitern wichtig ist, verfügten die Amerikaner. Andere Länder sind auf den Bezug dieser Grundstoffe über die Straße von Hormus angewiesen. In einem Skript mag ein solches Szenario leicht zu entwerfen sein, aber unter realen Bedingungen dürften erhebliche Nebenwirkungen zu beachten sein.

Mehmet Ögütcü, Vorsitzender des Energieforums London Energy Club, hält ein solches Drehbuch auf Dauer für nicht realistisch. „Öl ist ein global gehandelter Rohstoff“, urteilt er. „Auch wenn die Vereinigten Staaten über Vorteile verfügen, die sich aus ihrer großen Fracking-Industrie, strategischen Reserven und einer flexiblen Logistik ergeben, können sie ihren Binnenmarkt nicht vom globalen Preisschock abschotten, während der Rest der Welt damit zu kämpfen hat. Kurz gesagt, was auch immer auf den globalen Märkten geschieht, wirkt sich unweigerlich auf die US-Wirtschaft aus.“

Tatsächlich sei der Rhetorik aus Washington zu entnehmen, dass die Ölpreise gesenkt statt in die Höhe getrieben werden sollen. Aus politischer Sicht sei dies logisch, meint der Energiemarkt-Analyst. Schließlich würden angesichts der bevorstehenden US-Zwischenwahlen höhere Kraftstoffpreise die innenpolitische Unterstützung für jede Regierung merklich schwächen. Zwar habe Brent-Rohöl mit dem jüngsten Schub kurzzeitig 120 Dollar erreicht. „Doch auch wenn die Märkte volatil sind, halten wir noch Abstand zu einem Preisniveau von stabil 200 Dollar pro Barrel, das wahrscheinlich eine globale Rezession auslösen würde“, so Ögütcü.

Die Strategie der USA bei ihrem Krieg gegen den Iran bestehe vielmehr darin, sicherzustellen, dass keine rivalisierende Macht – sei es Iran, Russland oder China – die Energieengpässe der Region gegen westliche Volkswirtschaften als Waffe einsetzen könne. Diese Strategie sei jedoch von Natur aus kostspielig und schwer zu handhaben. „Kurzfristig erhöht sie die Volatilität und die Preisunsicherheit. Langfristig beschleunigt sie die Suche nach alternativen Energierouten, alternativen Lieferanten und letztendlich nach einer weniger vom Öl abhängigen geopolitischen Ordnung.“

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