Die deutsche Wirtschaft wird 2026 voraussichtlich wachsen. Nicht stark, aber genug, um von einer Erholung zu sprechen. Die Inflation ist deutlich gesunken, die Tarifabschlüsse der vergangenen Jahre haben reale Verluste zumindest teilweise ausgeglichen. Vieles deutet auf Entspannung. Doch die entscheidende Frage bleibt offen: Für wen wirkt diese Erholung – und unter welchen Bedingungen wird sie organisiert?
Denn gerade in einer Phase mäßigen Wachstums entscheidet nicht die Höhe der Zuwächse, sondern ihre soziale und politische Verteilung darüber, ob sich ein Wirtschaftsmodell stabilisiert oder weiter unter Spannung gerät.
Die derzeitige Lage lässt sich nur verstehen, wenn man die lange Rezession ernst nimmt, aus der Deutschland sich bislang kaum befreit hat. Seit 2022/23 bewegt sich die Wirtschaft in einer Phase von Stagnation und Minimalwachstum, die in ihrer Dauer und Struktur ungewöhnlich ist. Anders als frühere Abschwünge war sie kein kurzer zyklischer Einbruch mit anschließender kräftiger Gegenbewegung, sondern eine anhaltende Schwächephase, überlagert von Pandemie-Folgen, Energiepreisschock, geopolitischer Fragmentierung und geldpolitischer Straffung. Ob man sie formal als Rezession oder als langgezogene Stagnation bezeichnet, ist zweitrangig. Entscheidend ist: Es handelt sich um eine Krise des Modells, nicht um eine bloße Konjunkturdelle.
Viele Haushalte machen die Erfahrung von Abstieg, ohne klaren sozialen Wendepunkt
Sozial wirkte diese Phase besonders erosiv. Sie ging weniger mit massiver Arbeitslosigkeit einher als mit kumulierten Reallohnverlusten in den Jahren 2021 bis 2023, wachsender Unsicherheit und schleichender Verarmung. Mit dem Ukrainekrieg und der folgenden Energiekrise setzte ein klarer ökonomischer Einschnitt ein, der – trotz Soforthilfen und Einmalzahlungen – sozial nie wieder vollständig aufgefangen wurde. Kaufkraft wurde entwertet, Wohnkosten stiegen, während sich Vermögen weiter konzentrierten. Die tarifpolitische Aufholbewegung der Jahre 2024 und 2025 kompensierte die Verluste nur teilweise – und vor allem nicht für alle Lohnabhängigen. Viele Haushalte machten Abstiegserfahrungen, ohne dass es einen klaren sozialen Wendepunkt gegeben hätte, der diese Entwicklung spürbar beendet hätte.
Hinzu kommt die industriepolitische Dimension dieser Dauerkrise. Die Schwäche der Industrie ist nicht nur zyklisch, sondern strukturell: Die Produktion verharrt unter dem Vor-Corona-Niveau, Investitionen bleiben aus, Monat für Monat gehen im verarbeitenden Gewerbe per Saldo mehrere Tausend Arbeitsplätze verloren, wie die Monatsberichte der Bundesagentur für Arbeit zeigen. Dass die Beschäftigung insgesamt dennoch stagniert oder leicht wächst, liegt allein an Zuwächsen außerhalb der Industrie. Damit geriet ausgerechnet jene Sphäre unter Druck, die historisch das Rückgrat tariflicher Ordnung und kollektiver Gegenmacht bildete. Die lange Rezession hat das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit bereits spürbar verschoben.
Politisch hat diese Dauerkrise den Blick auf Knappheit, Standortnotstand und Sachzwänge normalisiert. Wo Anpassung als dauerhaft erscheint, wächst die Versuchung, sie nicht mehr sozial auszuhandeln, sondern administrativ und disziplinierend zu organisieren. Die „Erholung“ von 2026 setzt deshalb nicht auf neutralem Boden auf. Sie ist kein Neubeginn, sondern ein Weitergehen auf einem bereits beschädigten Terrain.
Von einem Boom kann keine Rede sein, aber auch nicht von einer neuen Rezession
Makroökonomisch zeichnet sich für 2026 ein vertrautes Bild ab: ein Wachstumskorridor zwischen knapp einem und etwas über einem Prozent, getragen von Konsum und staatlichen Impulsen, gebremst durch eine weiterhin geschwächte Industrie und anhaltende Unsicherheit im Export. Von einem Boom kann keine Rede sein, ebenso wenig von einer neuen Rezession. Gerade diese Grauzone macht die Verteilungs- und Machtfrage so zentral. Denn mäßiges Wachstum schafft kaum Spielräume, um soziale Konflikte sozialpartnerschaftlich zu befrieden.
Der industrielle Kern der deutschen Wirtschaft bleibt strukturell geschwächt. Die Industrieproduktion liegt weiterhin unter dem Vorkrisenniveau, die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe geht zurück, und insbesondere die Ausrüstungsinvestitionen entwickeln sich schleppend. Wo Investitionen fehlen, wird Anpassung nicht über Innovation organisiert, sondern über Rationalisierung und Kostendruck – mit unmittelbaren Folgen für Beschäftigung und Arbeitsbeziehungen.
Hinzu kommt die weltwirtschaftliche Konstellation, in der sich diese Erholung vollziehen müsste. Die globale Ökonomie ist nicht von neuer Dynamik geprägt, sondern von anhaltender Unsicherheit: Geopolitische Blockbildung, industriepolitische Konkurrenz und sicherheitspolitisch motivierte Eingriffe ersetzen offene Märkte. Für eine exportabhängige Volkswirtschaft wie Deutschland bedeutet das dauerhaft eingeschränkte Wachstumsperspektiven. Das frühere Geschäftsmodell – industrielle Stärke, günstige Energie, offene Weltmärkte – trägt unter diesen Bedingungen nur noch begrenzt. Der schwache Aufschwung ist daher nicht nur hausgemacht, sondern Ausdruck einer veränderten Weltwirtschaft, in der Planbarkeit und externe Nachfrage fehlen.
Welche Tarifergebnisse und welche Inflation zu erwarten sind
Die Löhne scheinen auf den ersten Blick zur Beruhigung beizutragen. Nach den massiven Reallohnverlusten der Jahre 2021 bis 2023 kam es 2024 zu einer deutlichen tarifpolitischen Aufholbewegung. Hohe Abschlüsse trafen auf stark gesunkene Inflation, reale Zuwächse wurden erstmals wieder sichtbar. Für 2026 deutet vieles auf eine Phase nomineller Stabilisierung hin: Tarifsteigerungen im Bereich von zweieinhalb bis drei Prozent bei einer Inflation um zwei Prozent.
Doch diese Durchschnittswerte verdecken mehr, als sie erklären. Die deutsche Lohnstruktur ist stark gespreizt, und ein erheblicher Teil der Beschäftigten lebt von Einkommen, die nur knapp oberhalb des Existenzminimums liegen und kaum Spielraum für Rücklagen lassen. Gerade dort ist die Tarifbindung am schwächsten. Beschäftigte im Handel, in der Logistik, in privaten Dienstleistungen oder in kleinen Betrieben profitieren oft nicht oder nur verzögert von tariflichen Abschlüssen. Reallohngewinne wirken nicht flächendeckend: Sie stabilisieren tarifgebundene Kernbereiche, während große Gruppen außen vor bleiben.
Diese ungleiche Wirkung wird durch die Wohnkosten zusätzlich verschärft. Steigende Mieten und Energiekosten entziehen insbesondere unteren und mittleren Einkommen reale Kaufkraft. Selbst dort, wo Löhne nominal steigen, bleibt nach Abzug der Wohnkosten oft wenig Entlastung. Die wirtschaftliche Erholung wird so für viele Haushalte zu einer abstrakten Größe – sichtbar in Statistiken, aber kaum spürbar im Alltag.
Die schwindende Infrastruktur des Ausgleichs
Damit rückt die institutionelle Seite der Lohnentwicklung in den Fokus. Tarifpolitik wirkt nur dort integrierend, wo sie von kollektiver Durchsetzungsmacht getragen wird. Doch genau diese Infrastruktur erodiert seit Jahren. Die Betriebsratsabdeckung ist niedrig, die gewerkschaftlichen Organisationsgrade sinken, entsprechend rückläufig ist die Tarifbindung. Union Busting wird „normal“: Bei etwa jeder fünften Neugründung kommt es zu aktiven Gegenmaßnahmen von Arbeitgeberseite, ohne dass dies strafrechtliche Konsequenzen hätte.
Diese Entwicklungen sind kein Randphänomen, sondern verändern das Kräfteverhältnis im Alltag der Arbeitsbeziehungen. Wo Tarifbindung fehlt und Mitbestimmung geschwächt ist, werden Löhne individualisiert, Konflikte entkollektiviert und Risiken auf die einzelnen Beschäftigten verlagert.
An diesem Punkt wird deutlich, dass es nicht genügt, über Wachstum, Löhne oder Inflation zu sprechen. Entscheidend ist die Machtfrage – verstanden als die Fähigkeit, Interessen kollektiv durchzusetzen.
Wenn Löhne, Streiks und Mitbestimmung als „Standortrisiken“ gelten
Diese Macht verschiebt sich derzeit auf mehreren Ebenen: institutionell durch den Rückgang der Tarifbindung und die Schwächung betrieblicher Mitbestimmung; konfliktbezogen, weil Arbeitskämpfe zwar formal erlaubt bleiben, aber zunehmend delegitimiert, rechtlich verteuert und politisch problematisiert werden. Diskursiv, weil Begriffe wie Wettbewerbsfähigkeit, Standorttreue oder Sicherheit soziale Integrationsnarrative ersetzen. Löhne, Streiks und Mitbestimmung erscheinen dann nicht mehr als legitime Mittel demokratischer Aushandlung, sondern als Risiken für den „Standort“ und vielleicht bald schon für die „nationale Sicherheit“.
Kollektive Lohnabhängigen-Macht erodiert dabei weniger durch den offenen Abbau von Rechten, sondern durch ihre schwindende Wirksamkeit. Das Arbeitsrecht bleibt bestehen, verliert aber an Durchsetzungskraft im Alltag von Arbeit, Betrieb und öffentlicher Aushandlung. Genau hier setzt das an, was in der Debatte als neuer, aggressiver Rechtsautoritarismus oder – analytisch zugespitzt – als „demokratischer Faschismus“ beschrieben wird. Gemeint ist kein plötzlicher Systembruch und kein ausschließlich an den Erfolg der AfD gebundenes Phänomen, sondern eine Verschiebung politisch-sozialer Machtausübung innerhalb formell demokratischer Strukturen.
Diese Verschiebung materialisiert sich in unterschiedlichen Facetten: in einer zunehmend beschäftigtenfeindlichen Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie sie insbesondere von der Union vorangetrieben und von einer darauf reagierenden SPD häufig mitgetragen wird; in Unternehmenspraktiken, die auf Durchregieren statt Aushandlung setzen und autoritäre Führungsstile normalisieren; in der systematischen Behinderung von Betriebsräten und gewerkschaftlicher Organisierung; und nicht zuletzt in einem Mediendiskurs, der Arbeitskämpfe, Mitbestimmung und soziale Ansprüche als Störfaktoren für „Standort“ und „Ordnung“ markiert.
Der Druck aus der Weltwirtschaft wirkt auf den Binnenraum
Demokratie bleibt dabei formal intakt – Wahlen finden statt, Rechte existieren auf dem Papier. Doch die kollektive Gegenmacht, die diese Rechte mit Leben füllen könnte, wird schrittweise ausgedünnt. Autoritär wird diese Entwicklung nicht durch offene Repression, sondern durch die Normalisierung asymmetrischer Machtverhältnisse, in denen Anpassung erwartet, Konflikt delegitimiert und soziale Aushandlung als zu langsam oder zu kostspielig erscheint.
Hinzu kommt: Die weltwirtschaftlichen Verschiebungen wirken nicht neutral nach innen. Je weniger Wachstum aus Exporten, Investitionen und internationaler Nachfrage kommt, desto stärker verlagert sich der Anpassungsdruck in den Binnenraum. Kosten, Risiken und Unsicherheiten werden dann nicht über Expansion abgefedert, sondern über Löhne, Arbeitsbedingungen und institutionelle Arrangements weitergereicht. In diesem Sinne ist die Machtfrage keine rein nationale oder politische, sondern auch eine weltwirtschaftlich vermittelte.
Autoritarismus, Stabilisierung oder Konflikt: drei denkbare Pfade für das Jahr 2026
Vor diesem Hintergrund lassen sich für 2026 drei Entwicklungspfade skizzieren – nicht als gleichgewichtige Optionen, sondern als politische Richtungen, deren Wahrscheinlichkeit stark von den bereits verschobenen Machtverhältnissen abhängt.
- Eine autoritäre Stabilisierung: Das Wachstum bleibt schmal, die Industrie schrumpft weiter, Lohnspreizung und Unsicherheit verfestigen sich. Anpassung erfolgt nicht über Verteilung, sondern über Druck – auf Löhne, Arbeitszeiten und Mitbestimmung. Rechte bleiben formal bestehen, verlieren aber weiter an Durchsetzungskraft. Dieses Szenario knüpft nahtlos an die in der langen Rezession entstandenen Asymmetrien an.
- Eine integrierte Erholung: Investitionen ziehen an, die Industrie stabilisiert sich, Tarifbindung gewinnt wieder an Boden. Reallohngewinne erreichen breitere Gruppen, nicht nur tarifgebundene Kernbereiche. Dieses Szenario setzt voraus, dass soziale Aushandlung politisch gestärkt wird – durch aktive Industrie- und Investitionspolitik, Tariftreue und wirksamen Schutz kollektiver Rechte. Es wäre ein Bruch mit der Logik der vergangenen Krisenjahre, kein automatisches Resultat der Konjunktur.
- Eine konfliktive Repolitisierung: Enge ökonomische Spielräume führen zu offenen Auseinandersetzungen. Arbeitskämpfe, Organisierung und politische Konflikte nehmen zu, die Machtfrage wird explizit gestellt. Dieses Szenario ist konfliktträchtig und riskant, aber demokratisch produktiv: Es wäre der Versuch, soziale Gegensätze nicht zu verwalten, sondern neu auszuhandeln.
Es geht nicht um Konjunkturprognosen, sondern um Machrfragen
Welche dieser Pfade sich durchsetzt, entscheidet sich nicht an Konjunkturprognosen. Entscheidend ist, ob Beschäftigte über die kollektive Macht verfügen, ihre Lebensbedingungen wirksam auszuhandeln oder ob wirtschaftliche Stabilität zunehmend durch Disziplin statt durch Integration hergestellt wird. Die Frage ist auch, ob diese Macht durch strategisches Denken, politische Orientierung und handlungsfähige Führung gebündelt werden kann. Denn kollektive Gegenmacht entsteht nicht automatisch aus Unzufriedenheit oder Konflikten. Sie setzt Organisation, Prioritätensetzung und die Fähigkeit voraus, soziale Interessen politisch zu übersetzen.
Die Frage für 2026 lautet daher nicht, ob Löhne steigen oder stagnieren. Sondern ob eine mäßige Erholung genutzt wird, um soziale Gegensätze politisch zu bearbeiten – oder ob sie zum Vorwand wird, sie administrativ zu verwalten. Denn die Erholung setzt nicht auf neutralem Boden auf, sondern auf einem durch Jahre der Stagnation, der Reallohnverluste und der institutionellen Erosion strukturell geschwächten Ausgangsniveau.
Wo Lohnspreizung wächst, Tarifbindung schwindet und industrielle Beschäftigung weiter abgebaut wird, wird ökonomische Erholung zur Machtfrage. Ihre Beantwortung fällt nicht im Konjunkturzyklus, sondern in Betrieben, Tarifrunden und politischen Prioritätensetzungen – und in der Entscheidung, ob soziale Konflikte wieder als demokratische Ressource gelten oder dauerhaft als Störfaktor behandelt werden.