Ein Teil der Gaming-Branche arbeitet seit jeher daran, Videospiele und Realität optisch engzuführen. Das ähnelt gewissermaßen der Berechnung der Kreiszahl Pi auf visueller Ebene. Wer Videospiele aus den Neunzigerjahren mit heutigen Titeln vergleicht, wird rasch erkennen, was gemeint ist. Lichtreflexionen, Oberflächenbeschaffenheit, Textur von Haut und Haaren, Bodeneigenschaften (Schnee, Matsch, Pfützen), die Fließeigenschaften diverser Flüssigkeiten, die Mimik von Spielfiguren: Alles wirkt zunehmend runder. Man muss dafür allerdings einiges in die Hardware (sei es Konsole oder rechenstarker PC) investieren.
Auf der GTC-Konferenz im kalifornischen San José hat Nvidia nun die neueste Version dieser KI-Anwendung vorgestellt: „DLSS 5“. Im entsprechenden Werbevideo sieht man im „DLSS 5 on/off“-Vergleich, wie beispielsweise Gesichter plötzlich genauer belichtet werden, mehr Falten, Härchen und Kontraste bekommen. Normalerweise braucht es dafür enorme Rechenleistung. Gleichzeitig ist die Ähnlichkeit zu KI-generierten Videos (er)schlagend. Dennoch haben einige große Studios, darunter Bethesda, Capcom, Ubisoft, Tencent und Warner Bros. Games, bereits angekündigt, die Technik in ihre Produkte zu implementieren.
Im Netz sind die Plattformen nun voller Häme für Nvidias KI-Werkzeug – auch weil sowohl einige Entwickler als auch Videospieler fürchten, dass „DLSS 5“ die ursprüngliche Idee und das intendierte Design der Entwickler verwässert, respektive dazu führt, dass diese Entwicklungssparten künftig mit weniger Sorgfalt bedacht werden. Frei nach dem Motto: Die KI wird’s schon richten.
So schön wie ein frittiertes Hühnchen
Einige Entwickler und Marketingexperten sprechen sich hingegen deutlich für die neue Technik aus. Sie betonen, es handele sich um weit mehr als einen läppischen KI-Filter. So schreibt JP (Jean Pierre) Kellams auf der Plattform X: „All die Typen, die DLSS 5 kritisieren, als würde es nicht besser aussehen/von der künstlerischen Intention ablenken: Ihr seid verrückt.“ Die erzielten Effekte seien der Wahnsinn, und würde es sich nicht um KI-Technik handeln, sondern um „Hardware der nächsten Generation“, würden alle vor Glück durchdrehen. Der KI-Technik sei es egal, ob man sie mag. Sie sei nicht etwas, das komme, sondern ist längst hier.
Der Techpublizist Ryan Shrout äußerte sich ähnlich: Man könne im Netz schnell den Eindruck haben, Nvidia habe einen „Instagram-Beauty-Filter“ für Videospiele entwickelt. Stattdessen aber richte sich das Werkzeug streng nach den Vorgaben, die die Optik des Spieles setzten. Frühe Reaktionen in sozialen Medien seien sehr „berechenbar“, schreibt Shrout. Neue Technik, die das Aussehen von Videospielen verändere, werde immer „starke Meinungen“ generieren, „vor allem, wenn KI involviert ist“. Die „Nur-ein-Gesichtsfilter“-Kritik werde dem, wozu „DLSS 5“ fähig sei, kaum gerecht.
Analysiert werde von der KI jedes einzelne Bild, um dann anhand dessen die Belichtung und die Beschaffenheit der unterschiedlichen Materialien nachzuschärfen – und zwar in Echtzeit. „Sie erkennt den Unterschied zwischen Haut, Metall, Wasser, Stein und Laub und berechnet die Optik jedes dieser Materialien unterschiedlich, je nachdem wie das Licht mit ihnen interagieren soll.“ Die Kritiker sollten sich ansehen, wie „DLSS 5“ die Textur von Stein verändert, oder „die Art und Weise wie Licht durch ein Laubblatt fällt. Das ist die echte Story.“
So reden in Sachen KI mal wieder einige auf die übliche Art und Weise aneinander vorbei: Hier diejenigen, die (berechtigterweise) den künstlerischen Ausverkauf durch automatisierte KI-Werkzeuge kritisieren. Dort jene, die (berechtigterweise) auf ihr Potential auf allen visuellen Spielwiesen hinweisen. Eine unfreiwillige oder vielleicht einfach nur konsequente Volte in Shrouts Replik ist jene, auf die ein X-Nutzer (@YokaiSmile) unter Shrouts Veröffentlichung hinwies, indem er Shrouts Text mit „GPTZero“ daraufhin überprüfte, ob er selbst KI-generiert sei. Und siehe, so war’s laut „GPTZero“. „KI-generierte Artikel posten, die KI-generierte Gesichter verteidigen … kannste dir nicht ausdenken“, schrieb der Nutzer dazu.
Source: faz.net