Nur Mord und Totschlag? Warum ich Tatort, Polizeiruf und andere deutsche Krimis schaue

In deutschen Krimis geht es gar nicht um Mord und Totschlag, jedenfalls nicht nur. Die Zuschauenden wollen wissen, wie Kommissare mit menschlichen Abgründen umgehen. Und am Ende suchen wir Hoffnung


Tatorte sind berechenbar, man weiß, was man kriegt, hier: Joachim Krol und Nina Kunzendorf am Rande der Dreharbeiten für den „Tatort-Der Tote im Nachtzug“

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa


Im Freitag wurde zuletzt gefragt, was es mit der Liebe zu deutschen Krimis auf sich hat: Wann fing sie an, meine Liebe zu Polizeiruf 100, Tatort und den anderen Krimis? Wahrscheinlich ging sie mit einem Film aus der Polizeiruf-Reihe los, den ich als früher Teenie 1988 im DDR-Fernsehen gesehen habe. Der Kreuzworträtselfall, mit Andreas Schmidt-Schaller als Leutnant Grawe. So hießen ostdeutsche Ermittler: Hauptmann, Leutnant, Major.

Ein Kind wird vermisst, der Junge wird später tot in einem Koffer gefunden, er wurde sexuell missbraucht. Anhaltspunkt sind haufenweise Kreuzworträtsel-Seiten, die Polizei macht Schriftproben, ruft einen Wettbewerb aus. Ich weiß noch, wie sehr mich der Film beschäftigt hat. Ich war wohl noch zu jung für solche Fälle.

Nach dem Mauerfall kam der „Tatort“, ein Ritual

Nach dem Mauerfall haben wir dann Tatort entdeckt. Bekannte von mir gingen dann auch noch als Erwachsene in Kneipen zum Public Viewing, so weit ging es bei mir nicht. Aber auch ich setzte mich am Sonntagabend um 20:15 Uhr dann vor den Bildschirm, um in Abgründe zu schauen.

Ich mochte den Italiener an der Seite von Ulrike Folkerts, der ermittlungstechnisch kaum eine große Rolle spielte. Dafür konnte Mario Kopper (Andreas Hoppe) herrlich Spaghetti zubereiten und holte seine Mörder jagende Chefin kurz in die Normalität zurück. Er verkörperte diesen Italiener-Typus, wie Deutsche ihn sich vorstellen. Ein bisschen pazzo, irgendwann taucht er in Sizilien unter.

Oder Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) in Frankfurt: Sie aufgemotzt in 80er-Jahre-Jeans, mit pink lackierten Fingernägeln und roten Cowboy-Boots. Er, still und grummelig, hängt an der Flasche. Sie sind genervt voneinander und dennoch unzertrennlich. Sie sind immer loyal.

Wie gehen Kommissare mit ihren Abgründen um?

Wie gehen Kommissare und Kommissarinnen mit ihren Abgründen um? Angesichts aufgeschlitzter und zerstümmelter Prostituierten-Leichen: Wie holen sie sich da wieder raus?

Es sind intime Beziehungen, aber sie sind kein Liebespaar. Und sie wissen oft mehr übereinander als ihre Lebenspartner, sofern sie in diesem Job überhaupt welche haben.

Eine Weile habe ich düstere Nordic Noirs verschlungen, diese skandinavischen Serien. Spannend, aber ich konnte danach selten ruhig schlafen. Weil da alle so kaputt sind, immer absturzgefährdet, die Gejagten und die Jagenden: traumatisiert, seelisch verwahrlost, asozial – lauter schwarze Löcher. Und allein.

Der Mensch ist böse, aber die Guten überwiegen

Das ist beim Tatort, Polizeiruf und den meisten deutschen Krimireihen anders. Bei Nord Nord Mord sind sie zum Beispiel zu dritt.

Der Mensch ist böse. Aber am Ende hat man bei deutschen Krimis das Gefühl, die Guten überwiegen. Da ist Hoffnung. Die Kommissare können sich auffangen. Sie haben so ihre Rituale. Die berühmte Stamm-Currywurstbude in Köln, wo sie sich am Ende immer wundern, was in der Welt da draußen los ist. Nina und Joachim trinken zusammen Whisky. Mark Waschke und Meret Becker konnten sich waidwund anschauen, allein durch ihre Blicke gaben sie sich Halt.

Am nächsten Tag machen sie weiter. Kann nur besser werden.

Womöglich steckt im Tatort eine Lebensphilosophie. In deutschen Krimis sind die Ermittler und Ermittlerinnen oft zu zweit, keine lonely Kult-Cops wie Montalbano in Italien oder Brunetti, den in Italien keiner kennt. Die Deutschen sind im Kollektiv unterwegs. Auch in der ZDF-Krimireihe Unter anderen Umständen ist Gemeinschaftsfeeling. Darin pflegen Natalia Wörner und Martin Brambach eine langjährige, enge berufliche Beziehung, die sich bis ins Private zieht. Sie sind Kollegen – und Freunde. Sie kennen ihre Schwächen, nutzen das aber niemals aus.

Die Krimis sind berechenbar, aber das muss nicht schlecht sein

Es wird gruselig, aber selten so, dass man danach im Dunkeln wachliegt. Man kann morgens seine Kinder wecken und lächeln.

Tatort-Sessions in Kneipen gibt es immer noch, manche sogar in Irish Pubs. Solche Lagerfeuer-Rituale gehen in unserem Alltag immer mehr verloren. Mittlerweile schaut jeder was anderes und zeitversetzt.

Filmfiguren, die wir alle kennen? Reine Glückssache. Haben Bekannte oder Kollegen und Kolleginnen zufällig gerade die gleiche Serie geschaut wie ich? Haben wir den gleichen Streamingdienst abonniert? Und dann die Gretchenfrage. Deutsche Krimiserien – da schalten viele gleich ab.

Tatorte sind berechenbar, man weiß, was man kriegt. Aber das muss nichts Schlechtes sein. So ein bisschen Stabilität im Alltag.

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