Die Fragerunde auf der Bühne in San Francisco ist fast vorbei, als Stefan Oelrich zwei bemerkenswerte Sätze sagt: „Mit Nubeqa haben wir potentiell das größte Produkt in der Geschichte unseres Unternehmens. Das wird richtig groß.“ Oelrich ist Pharmavorstand des Dax-Konzerns Bayer. Auf der jährlichen Gesundheitskonferenz der Investmentbank JP Morgan in Kalifornien hat er am Dienstagvormittag (Ortszeit) kurz zuvor einen Jahresausblick für das Gesundheitsgeschäft gegeben. Und der ist ziemlich optimistisch.
Oelrich hat schon seine Ausbildung bei Bayer gemacht und vor seinem Aufstieg in den Vorstand zig Stationen in dem Unternehmen durchlaufen. Er kennt die Organisation also gut. Und wenn der Pharmavorstand eines 163 Jahre alten Unternehmens historische Vergleiche zieht, sollte das was heißen. Nubeqa ist ein Arzneimittel zur Behandlung erwachsener Männer mit Prostatakrebs, in bald 90 Ländern wird es vertrieben. Und es ist einer der größten Hoffnungsträger für den lange Zeit taumeldenden Pharma- und Agrarchemiekonzern.
Um 60 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro gewachsen sind die Umsätze mit dem Arzneimittel nach den aktuellesten Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025. Und für das laufende Jahr stellt Oelrich ein ungebrochen positives Verkaufsmomentum in Aussicht. Nubeqa mit dem Wirkstoff Darolutamid hat kurz nach Marktführung in den freigegebenen Indikationen schnell marktführende Positionen erreicht.
Patentklippe abgefedert
Das Mittel ist der größte Wachstumstreiber für die Pharmasparte und hat großen Anteil daran, dass die Patentklippe für Bayer weniger schlimm wird als befürchtet. Als Oelrich im Jahr 2018 von Sanofi zurück zu Bayer kam, war die Sparte geprägt davon, dass für die zwei mit Abstand wichtigsten Blockbuster-Präparate mittelfristig die Patente auslaufen. Die Umsätze des Gerinnungshemmers Xarelto und der Augenspritze Eylea, die über Jahre zuverlässige Milliardenbringer waren, gehen deutlich zurück.
Im Geschäftsjahr 2022 etwa hat Bayer mit Xarelto allein noch 4,5 Milliarden Euro umgesetzt. In den ersten neun Monaten 2025 büßte der Gerinnungshemmer gegenüber dem Vorjahr 30 Prozent ein und liegt mit 1,8 Milliarden Euro Umsatz nur noch leicht über dem des Krebsmedikaments Nubeqa. Insgesamt rechnet Bayer mit einem Umsatzverlust von knapp vier Milliarden Euro, allerdings hat der Konzern es geschafft, dies früher als erwartet mit neuem Umsatzwachstum auszugleichen. Das laufende Jahr soll das letzte werden, in dem Bayer durch den Patentablauf belastet wird.
Auf der anderen Seite stehen gleich mehrere vielversprechende Kandidaten aus der Medikamentenpipeline, und die Vielfalt ist es, die Oelrich zuversichtlich stimmt. Neben Nubeqa läuft das Nierenmedikament Kerendia gut an und ist auf gutem Weg, ein Blockbuster zu werden, also mehr als eine Milliarde Euro im Jahr umzusetzen. Auch das Herzmittel Beyonntra und Lynkuet, das Beschwerden in den Wechseljahren lindern soll, sowie der Gerinnungshemmer Asundexian sollen das Wachstum tragen. Asundexian hatte vor etwas mehr als zwei Jahren in einer wichtigen Phase-III-Studie seine Ziele verfehlt, was den Aktienkurs hatte abstürzen lassen. Das Mittel hat aber kürzlich in einer Schlaganfallstudie ermutigende Wirkung gezeigt und sich damit wieder zu einem Blockbuster-Kandidaten gemausert.
Den Spruch „Ihr müsst erst mal liefern“, habe er jahrelang immer wieder gehört, sagte Oelrich nun in San Francisco: „Bayer hat gezeigt, dass das Unternehmen eine sehr schwierige Situation tatsächlich überwinden kann.“ Nicht mehr nur Licht am Ende des Tunnels sei sichtbar, das Unternehmen habe ihn inzwischen ganz verlassen. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 bekräftigte der Pharmavorstand das Ziel für seine Sparte, wonach der Umsatz währungs- und portfoliobereinigt im schlechtesten Fall stagnieren und im besten um bis zu drei Prozent zulegen soll. Die bereinigte operative Umsatzrendite (Ebitda-Marge) soll zwischen 24 und 26 Prozent liegen. Von 2028 an, so kündigte Oelrich an, solle die operative Marge steigen und bis 2030 einen Wert um die 30 Prozent erreichen.
Stärkster Wert im Dax
An der Börse kam der Optimismus am Mittwoch gut an, Bayer-Aktien lagen im Tagesverlauf um mehr als sechs Prozent im Plus und waren damit der stärkste Wert im Dax. Damit kostete das Papier erstmals seit Herbst 2023 wieder mehr als 40 Euro. Seit einem Jahr hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. Zwar ist der Aktienkurs noch weit entfernt von früheren Höhen, und für manch leidgeplagten Aktionär dürfte auch der gute Jahresauftakt noch kein Grund zum Jubeln sein. Doch ist die Entwicklung getragen von mehreren positiven Signalen, zusätzlich zur ermutigenden Medikamenten-Pipeline.
Der vom Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson angestoßene Konzernumbau trägt erste Früchte – was nicht nur in Tausenden gestrichenen Stellen und Einsparungen sichtbar wird, sondern vor allem auch darin, wie Teams zusammenarbeiten. Verantwortung für die Geschäfte, Budgets und Projekte liegen bei kleineren Gruppen, die mehr wie Start-ups agieren sollen. Davon profitiert auch die Pharmasparte. „Das hat die Hierarchien aufgebrochen und die Effizienz gesteigert“, sagte Oelrich kürzlich im Interview mit der F.A.Z.
Wichtige Gerichtsentscheidung steht aus
Noch in diesem Monat könnte ein weiterer Meilenstein für Bayer folgen, wenn der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten wie erwartet noch im Januar darüber entscheidet, ob es einen Glyphosat-Fall verhandelt. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch. Denn im Dezember hat der Solicitor General, also der höchste Anwalt der Regierung von Präsident Donald Trump, den Supreme Court dazu aufgefordert. Wenn der Fall verhandelt wird, könnte noch in der zweiten Jahreshälfte ein Urteil gefällt werden. Dabei geht es um Warnhinweise auf den Flaschen des Unkrautvernichters und die Frage, ob Bundesrecht über dem Recht von Bundesstaaten steht. In der Vergangenheit hatte es nämlich unterschiedliche Auslegungen von Gerichten in der Frage gegeben.
Auf regulatorische Klarheit wartet Bayer seit Jahren: Für Vergleiche, Schadenersatzzahlungen und Gerichtskosten hat der Konzern in den vergangenen fünf Jahren mehr Geld ausgegeben als für die Forschung und Entwicklung. Aktuell hat das Unternehmen noch sieben Milliarden Euro zurückgestellt für die Beilegung von Gerichtsstreitigkeiten, die sich Bayer mit der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto im Jahr 2018 eingekauft hat. Bill Anderson hatte mehrfach betont, das Rechtsrisiko rund um Glyphosat bis Ende des Jahres 2026 „signifikant eindämmen“ zu wollen.
Denn Glyphosat und der Gerichtsstreit darum hat sich für Bayer über die Jahre zu einem Milliardengrab entwickelt. Mehr als zehn Milliarden Euro hat das Unternehmen bezahlt und damit mehr als 100.000 Fälle verglichen. Trotzdem sieht sich der Leverkusener Traditionskonzern immer noch mit rund 65.000 Klagen konfrontiert, die ihm vorwerfen, dass sein Unkrautvernichtungsmittel krebserregend sei. Bayer bestreitet das, ist von mehreren Gerichten aber immer wieder zu hohem Schadenersatz verurteilt worden, zum Teil in Milliardenhöhe.