In „Agram“ solle sie aussteigen, hatte der Schlepper noch gesagt, als er die durchnässte und entkräftete Frau an der ersten jugoslawischen Bahnstation abgesetzt hatte. Endlich, im dritten Anlauf und nach wochenlangem Zittern, schien der Berlinerin Gertrude Najman die Flucht gelungen. Nur: Einen Bahnhof namens Agram gab es auf der ganzen Strecke nicht.
Da sei sie schon zu weit gefahren, meinte der Schaffner, und schickte sie wieder zurück in die Gegenrichtung. Aber wieder kein Agram! Endlich klärte ein Mitreisender sie auf: Ihr Reiseziel hieß in der Landessprache „Zagreb“. Da war die Unglückliche an der zweitgrößten Stadt des Landes schon zweimal vorbeigefahren. Es ist nur eine skurrile Anekdote in der tragischen Geschichte von Flucht und Emigration aus Deutschland nach Südosteuropa.
Aber eine bezeichnende: Die Menschen im Gastland wussten viel mehr von Deutschland als umgekehrt die Deutschen von Jugoslawien. Die politischen Aktivisten, die Künstler und die Journalisten, die sich gleich 1933 vor der einsetzenden Verfolgung in Sicherheit bringen mussten, flohen meistens nach Paris, nach Amsterdam oder nach Zürich, die Sozialdemokraten nach Prag, die Kommunisten nach Moskau.
Marie-Janine Calic betreibt einen enormen Rechercheaufwand
Der Südosten war alles andere als eine bevorzugte Himmelsrichtung; für die meisten der düstere, schluchtenreiche „Balkan“, bekannt allenfalls aus Karl May, zurückgeblieben, womöglich gewalttätig. Was die Forscherin Marie-Janine Calic unter enormem Rechercheaufwand an Flüchtlingsschicksalen der Nazi-Jahre zusammengetragen hat, stellt die verrufene Weltgegend in ein ganz anderes Licht. Das Königreich Jugoslawien der 1930er-Jahre, alles andere als sozialistisch oder liberal regiert, ließ bis zu seiner Zerschlagung durch die Wehrmacht 1941 rund 55.000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich ins Land, mehr als die Niederlande, Belgien oder die Tschechoslowakei.
Nicht nur der Staat war offener, auch die Gesellschaft nahm die Fremden freundlich auf. Antisemitismus war wenig verbreitet, je südöstlicher, desto weniger. Mit Schlussfolgerungen wie dieser hält sich Calic allerdings zurück. Dafür zeichnet sie als führende Südosteuropa-Historikerin mit sicheren Strichen den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Der Fokus auf lebendig geschilderte, ergreifende Einzelfälle ist die Stärke des Buches. Jede Verallgemeinerung, muss man fürchten, würde sofort wieder in den Strudel der Balkan-Vorurteile geraten.
Albert Einstein, Thomas Mann, Otto Klemperer landeten 1933 in den USA, Alfred Döblin und Hannah Arendt flohen nach Paris, Walter Gropius nach London. Keine bekannte Geistesgröße kam nach Jugoslawien, keinen linken Politiker zog es in das antikommunistische Königreich. Nur einige, meist jüdische Mediziner und Naturwissenschaftler bekamen Lehrstühle an der jungen Universität in Belgrad. Eine prominente Ausnahme war die große Schauspielerin Tilla Durieux.
Jugoslawien war für viele nur eine Zwischenstation
Sie nahm mit ihrem Ehemann, jüdischer Herkunft und seit einem Bankrott das ikonische Feindbild der Nazis, nach kurzen Stationen in Prag und Ascona eine kleine Wohnung in Zagreb, das sie von einem Gastspiel kannte. Tilla Durieux blieb, unterbrochen nur durch ein Intermezzo im damals italienischen Opatija, noch bis 1954 in Jugoslawien, zuletzt als Schneiderin für ein Puppentheater. Der Name des Bühnenstars aus Wien hallt in Zagreb bis heute nach, der wichtigste Literaturverlag trägt ihren Namen.
Als 1941 die Deutschen kamen, flüchtete die inzwischen 60-Jährige auf abenteuerlichen Wegen aus Südserbien zurück nach Zagreb und hielt sich dort bis Kriegsende versteckt. Calic verfolgt die unheilvolle Dramaturgie ihrer Flucht bis in Einzelheiten nach. Anders als für die Durieux blieb Jugoslawien für die allermeisten Emigranten der ersten Jahre nur eine Zwischenstation. Der junge, erst später prominente Manès Sperber blieb ein gutes Jahr.
Als linientreuer Stalinist geriet er ins Visier der politischen Polizei und zog weiter nach Paris. Ernst Toller, der Autor von Masse Mensch, genoss seit seinem mutigen Auftritt auf dem PEN-Kongress 1933 in Dubrovnik, dem ersten internationalen Aufbegehren gegen das Terrorregime der Nazis, in Jugoslawien beträchtliche Sympathie.
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In dem malerischen Fischerdorf Zaton Mali bei Dubrovnik bildete sich sogar eine Art dalmatinisches Sanary-sur-Mer: eine kleine Emigrantenkolonie. Spiritus Rector der deutschen Gemeinde dort war der Berliner Bonvivant Ado von Achenbach. 1939 kam in Zagreb seine Tochter Marina zur Welt. Vater Achenbach zog mit seiner jungen Frau Marija („Seka“), gebürtig aus Sarajevo, und der kleinen Tochter noch im Krieg nach Berlin.
Marina Achenbach spann später, während der Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre, als Journalistin und Mitgründerin des Freitag einen der dünnen Fäden, die das deutsche Jugoslawienbild der ersten Hälfte mit dem Ende des 20. Jahrhunderts verbanden. In ihrem reichen, poetischen Roman Ein Krokodil für Zagreb (Nautilus 2017) hat Achenbach das bewegte Leben ihrer Eltern in den Mittelpunkt gestellt.
Als 1935 in Deutschland die Nürnberger Gesetze in Kraft traten, begann mit der jüdischen Auswanderung eine zweite, größere Welle der deutschen Emigration nach Südosteuropa. Jugoslawien betrieb zwar keine Politik der offenen Tür, verhielt sich gegen jüdische Flüchtlinge aber auch lange nicht so restriktiv wie etwa Schweden oder die Schweiz. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 und der organisierten Vertreibungspolitik schwoll die Welle noch einmal kräftig an. Europas und Amerikas Regierungen wiesen die Verzweifelten kalt ab.
Das letzte Land, das die Einreise noch duldete
Auf einer „Flüchtlingskonferenz“ im Juli 1938 im französischen Évian-les-Bains stand ein Delegierter nach dem anderen auf und erklärte, dass sein Land leider, leider keine Flüchtlinge aufnehmen könne. Kein südosteuropäisches Land war vertreten. Jugoslawien aber blieb, obwohl es sich vor einem schon drohend auftretenden Deutschland fürchten musste, verhältnismäßig offen. Erst recht galt das bis dahin für das Nachbarland Albanien, wo kaum autochthone Juden lebten, wo aber der junge, bettelarme Staat gern Migranten aus dem weiter entwickelten Westen aufnahm. Einige Hundert Flüchtlinge schafften es dorthin und bildeten in der Hafenstadt Durrës eine kleine Kolonie.
Eine letzte Phase begann 1939/40 mit der Invasion in Polen, dann der Besetzung der Benelux-Staaten, der Niederwerfung Frankreichs. Jugoslawien war jetzt das letzte Land, das die Einreise noch duldete; die anderen erlaubten nicht einmal mehr den Transit. Manche Flüchtlinge hatten fiktive Visa für Länder wie Liberia oder Panama, die meisten wollten aber nach Palästina.
Adolf Eichmann, Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, genehmigte noch Schiffstransporte über die exterritoriale, international verwaltete Donau. Organisieren und zahlen mussten die deutschen Juden. Mittelmeerschiffe waren bald nur noch zu horrenden Preisen oder gar nicht mehr verfügbar, Tausende hingen in den Schwarzmeerhäfen Sulina und Konstanza fest. Alternativen gab es nicht mehr.
Das rettende Schiff kam nie
Mehr als tausend Verfolgte, die meisten aus Wien und zu einem Drittel Kinder, bestiegen im Dezember 1939 in Bratislava einen Dampfer namens Uranus. Es begann eine wahre Höllenfahrt. Am Eisernen Tor, an der rumänischen Grenze, wurde die Uranus aufgehalten, machte kehrt und legte beim serbischen Städtchen Kladovo an. Händeringend suchte der Verband der Jüdischen Kultusgemeinden in Jugoslawien nach Rettung für die Gruppe. Einmal hieß es, in Konstanza liege ein seetaugliches Schiff bereit.
Als sich endlich ein Flussdampfer fand, der die Menschen von Kladovo ans Schwarze Meer bringen wollte, war das Schiff schon weg. Monatelang pendelten die Wartenden, eingepfercht auf der Uranus, zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Jugoslawiens Juden sorgten aufopfernd für karge Verpflegung. In der Sommerhitze ließen die Behörden die Menschen schließlich an Land.
Das rettende Schiff kam nie. Im April 1941 griff die Wehrmacht Jugoslawien an und besetzte Serbien. Die Männer von der Uranus wurden allesamt erschossen. Die Frauen und Kinder aus Kladovo kamen in das neu errichtete KZ Sajmište und wurden später auf einer Fahrt durch Belgrad in Gaswagen erstickt. Nazi-Deutschland hatte Anfang 1942 umgeschaltet: von Vertreibung auf Deportation und Mord.
Balkan-Odyssee 1933 – 1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa Marie-Janine Calic C. H. Beck 2025, 380 S., 28,80 €