NS-Gedenkstätten: Mehr Angriffe gen Orte des Erinnerns

Stand: 27.02.2026 • 08:48 Uhr

NS-Gedenkstätten sehen sich vermehrt Angriffen ausgesetzt. Entsprechende Straftaten haben in der Mehrzahl einen rechtsextremen Hintergrund, bei jeder siebten Tat besteht ein Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt.

Von Jan Körner, NDR

Gedenkstätten in Deutschland beobachten mit Sorge eine Zunahme rechtsextremer Vorfälle, die sich gegen das Gedenken an den Holocaust richten. Auch antisemitische Vorfälle im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt nehmen in diesem Umfeld zu.

Das ARD-Politikmagazin Panorama hat die Verwaltungen von etwa 130 Gedenkstätten befragt, die an den Holocaust und andere NS-Verbrechen erinnern. Insbesondere bei großen KZ-Gedenkstätten kommt es regelmäßig zu Schmierereien und anderen Vorfällen. Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald beobachtet etwa einen „Trend von Straftaten sowie Provokationen aus den Reihen junger Besuchender, auch aus Schulklassen heraus“. Jugendliche würden etwa durch ihre Kleidung ihre rechtsextreme Einstellung zeigen, heißt es von der Gedenkstätte.

Auch Taten mit Nahost-Bezug

Die Zahl der Vorfälle in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen habe sich in den letzten Jahren verdoppelt, sagt ein Sprecher der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten auf Panorama-Anfrage. Dazu zählt die Stiftung neben rassistischen Beleidigungen und dem Zeigen des Hitlergrußes auch Sachbeschädigungen und Hakenkreuz- und israelfeindliche Schmierereien.

„Was sich massiv verändert hat, ist das politische Umfeld, ablesbar am Erstarken der AfD und dem gesellschaftlichen Rechtsruck“, so die Einschätzung aus Brandenburg.

Oliver von Wrochem, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland, sieht ebenfalls eine drastische Entwicklung in den vergangenen Jahren. Einerseits hätten die konkreten Übergriffe zugenommen, zum anderen hätte sich die Qualität der Angriffe verändert. „Früher hatten wir fast ausschließlich mit rechtsextremistisch motivierten Vorfällen zu tun“, sagt er. Heute gebe es auch linksextremistische Angriffe, insbesondere mit Palästina-Bezug.

An eine Wand in der KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme, die von Wrochem leitet, hatten Unbekannte etwa großflächig eine Hamas-Parole gesprüht.

Einheitliche Erfassung seit 2019

Politisch-motivierte Straftaten gegen Gedenkstätten werden bundesweit seit 2019 einheitlich erfasst. In der polizeilichen Statistik zählen zu dem „Angriffsziel Gedenkstätte“ auch Mahnmale oder sogenannte Stolpersteine, die in vielen Städten an das Schicksal von NS-Opfern erinnern.

Mit 352 Taten wurden 2024 die meisten Straftaten seit 2019 gezählt. Für 2025 liegen noch keine vollständigen Zahlen vor, eine Umfrage von Panorama bei den Landeskriminalämtern zeigt jedoch, dass die Zahl der Straftaten mindestens auf einem ähnlichen Niveau bleibt.

Seit dem Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat die Polizei bundesweit mindestens 81 Straftaten gegen Gedenkstätten erfasst, die im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt stehen. Dazu gehören etwa israelfeindliche Schmierereien. Rund jede siebte Straftat gegen eine Gedenkstätte hat demnach einen Nahost-Bezug. Vor dem 7. Oktober 2023 gab es nur vereinzelte Fälle. Die meisten Straftaten gegen Gedenkstätten werden von der Polizei allerdings weiterhin als rechtsmotiviert eingestuft.

Messerangriff am Holocaust-Mahnmal

Die schwerste Straftat in Zusammenhang mit einem Erinnerungsort ereignete sich im Februar 2025 am Berliner Holocaust-Mahnmal. Mit einem Messer griff ein damals 19-Jähriger einen Besucher in dem Stelenfeld an. Laut Behörden hatte der in Leipzig wohnende Syrer gezielt das Holocaust-Mahnmal aufgesucht, um „Juden zu töten“. Das Opfer überlebte den Anschlag. Der Täter muss sich derzeit vor dem Kammergericht wegen versuchten Mordes und der versuchten Mitgliedschaft im sogenannten Islamischen Staat verantworten. Er hat die Tat eingeräumt.

Bei den meisten politisch-motivierten Taten gegen Gedenkstätten kann die Polizei allerdings keine Tatverdächtigen ermitteln. Insbesondere bei Sachbeschädigungen und Propagandadelikten bleiben die Täter oftmals unbekannt. Die Aufklärungsquote lag zuletzt bei unter zehn Prozent.

Dass es auch anders laufen kann, zeigt ein Fall aus Niedersachsen. Die Holocaust-Gedenkstätte Hannover-Ahlem war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel von Angriffen geworden. Immer wieder zerstörten Unbekannte Gedenkkränze und beschmierten Gedenktafeln mit antisemitischen Parolen. Nach einer Tat im Januar 2025 überführte die Polizei anhand von Videoaufnahmen einen Rechtsextremisten, der zum Tatzeitpunkt AfD-Mitglied war. Die Partei annullierte später die Mitgliedschaft.

Mehr Besucher in Gedenkstätten

Trotz der Angriffe stellen die Gedenkstätten weiterhin ein großes Interesse fest. Die Zahlen der Besucher und der Führungen sind fast überall stabil oder sogar gestiegen, berichten die Erinnerungsorte auf Panorama-Anfrage.

„Viele Menschen gehen bewusst in Gedenkstätten, um ein Zeichen zu setzen, dass diese Orte relevant bleiben“, beobachtet der Hamburger Gedenkstättenleiter von Wrochem. „Das Bewusstsein kommt daher, dass es immer stärkere Angriffe gibt und die Gedenkstättenkultur und die Geschichtskultur insgesamt unter Druck gerät.“

Source: tagesschau.de