NRW-Bauministerin Scharrenbach räumt nachher Spiegel-Bericht Fehler ein

Stand: 19.03.2026 • 20:25 Uhr

Die Vorwürfe gegen sie wiegen schwer. Ina Scharrenbach (CDU) teilte nun mit, sie nehme die Kritik an und werde an ihrem Verhalten arbeiten. Für die NRW-SPD sind die Vorwürfe damit nicht entkräftet, sie fordert Konsequenzen. Die FDP will das Thema auf die Tagesordnung des Landtags setzen.

Von Sabine Tenta

Wieviel ist dran an den Vorwürfen von Ministeriums-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern gegen NRW-Heimat- und Kommunalministerin Ina Scharrenbach (CDU)? Am Donnerstag ist der Spiegel-Artikel mit dem Titel „Machtmissbrauch im NRW-Heimatministerium: ‚Diese Frau hat mich zerstört'“ erschienen. Darin ist von einer Atmosphäre, die von „Angst und Schrecken“ geprägt sei die Rede, von „gesundheitsschädigenden Umgangsformen“ und einem „desaströsem Führungsverhalten“. Auch gegenüber dem WDR bestätigten Menschen, die mit den Vorgängen vertraut sind, dass Vorwürfe gegen die Ministerin erhoben worden sind.

Ina Scharrenbach erklärt ihr Bedauern

In einem schriftlichen Statement geht Ina Scharrenbach auf die im Spiegel erhobenen Vorwürfe ein. „Die darin geschilderten Aussagen machen mich betroffen“, schreibt sie.

Die Empfindungen der Mitarbeiter und ihre Kritik an der Zusammenarbeit nehme ich sehr ernst. Ich nehme diese Kritik an.

Ina Scharrenbach

Es sei ihr Ziel, mit ihrem Ministerium „bestmögliche Ergebnisse“ für das Land zu erreichen. Diesen hohen Anspruch richte sie nicht nur an die politische Arbeit, sondern auch an sich selbst und die tägliche Zusammenarbeit im Ministerium, betonte die 49-Jährige. „Weder hohe Ansprüche noch Drucksituationen dürfen dazu führen, dass sich Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr wertgeschätzt oder gar unwohl fühlen.“

Sie bedaure, „dass es in der Vergangenheit offenkundig solche Situationen gegeben und sich Mitarbeiter durch mein Führungsverhalten verletzt gefühlt haben“. Sie erkenne an, „durch meine persönliche Arbeitsweise nicht jedem Mitarbeiter immer gerecht geworden“ zu sein. „Dieser Verantwortung stelle ich mich.“

Neue Führungskultur im Ministerium angekündigt

Sie habe bereits erste Schritte eingeleitet, um die Führungskultur in ihrem Haus zu verbessern, teilte Scharrenbach mit. Dazu gehöre die Einrichtung einer Möglichkeit, „Kritik an der Arbeits- und Feedbackkultur in meinem Haus anonym äußern zu können“. Ziel sei, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „ihre Erfahrungen und Erwartungen“ offen einbringen könnten. Schon bald soll es eine Personalversammlung im Haus geben. Auf einer Klausur mit den Führungskräften des Ministeriums wolle sie darüber hinaus Verbesserungsmöglichkeiten besprechen, erklärte Scharrenbach.

Ich sehe diese Situation als Anlass, mein eigenes Führungsverhalten kritisch zu hinterfragen und daran zu arbeiten.

Ina Scharrenbach

Schließlich dankte Scharrenbach den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern „für ihre tägliche, oft aufopferungsvolle Arbeit“.

NRW-SPD: Vorwürfe sind nicht entkräftet

Der Generalsekretär des SPD-Landesverbands NRW, Frederick Cordes, sagte zu der Erklärung der Ministerin, die Vorwürfe seien dadurch nicht entkräftet. Im Raum stehe der Vorwurf, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter systematisch unter Druck gesetzt und sogar zerstört wurden.

Das ist ein System der Angst. Dem begegnet man nicht, indem man sich selbst auf vermeintlich gute Absichten beruft, während andere den Preis dafür zahlen.

Frederick Cordes

Die gewählte Rhetorik folge vielmehr dem Muster „einer klassischen Nicht-Entschuldigung und entkräftet die gravierenden Vorwürfe in keiner Weise“. Die Erklärung von Ministerin Scharrenbach erweckt laut Cordes den Eindruck, „dass sie die Schwere der Vorwürfe bislang nicht verstanden hat“. Dieses Verhalten müsse Konsequenzen haben. Und diese Verantwortung reicht nach Auffassung der NRW-SPD „bis in die Staatskanzlei“.

FDP fordert, dass sich der Landtag damit befasst

Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung NRW

Vor der Erklärung von Ina Scharrenbach hatte Marcel Hafke, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion NRW, die Vorwürfe so kommentiert: „Wenn Beschäftigte von ‚Angst und Schrecken‘ sprechen und sogar die Sorge im Raum steht, Menschen könnten daran zerbrechen, dann ist Alarmstufe Rot.“ Dieser Alarmruf liege laut Spiegel-Recherchen seit Monaten in der Staatskanzlei, so Hafke. „Wüsts Geräuschlosigkeit ist nur ein Tarnwort für Vertuschung, und das nicht zum ersten Mal.“

Gleichzeitig entstehe durch Scharrenbachs Führungsstil und dem Wegsehen von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) auch ein politischer Schaden, beklagt der FDP-Abgeordnete: Die Digitalisierung in Nordrhein-Westfalen stehe still, „weil im zuständigen Ministerium untragbare Zustände herrschen“. Hafke fordert, dass Ministerpräsident Wüst und die Ministerin „sich unverzüglich gegenüber Öffentlichkeit und Parlament zu diesen schweren Vorwürfen erklären“. Die FDP fordert eine Unterrichtung des Landtags noch in der laufenden Plenarwoche.

Staatskanzlei hat sich nach eigenen Angaben eingeschaltet

Ein Sprecher der Staatskanzlei sagte dem WDR, dass sich der Leiter der Staatskanzlei, Nathanael Liminski (CDU) sehr wohl um den Fall gekümmert habe. Das habe er trotz des sogenannten Ressortprinzips getan, wonach die Personalhoheit und damit die Verantwortung für Fragen der Personalführung der jeweiligen Hausleitung Sache der einzelnen Ministerien sei.

Sofern es „sachgerecht ist oder geboten scheint“, folge Liminski auch Bitten um persönliche Gespräche, um sich das Anliegen von den betroffenen Personen erläutern zu lassen und mögliche Handlungsoptionen zu erörtern. „Das hat in besagtem Fall stattgefunden, sowohl im Rahmen von persönlichen Gesprächen als auch telefonisch.“ Zu den Inhalten der Gespräche wollte sich die Staatskanzlei mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz der betroffenen Personen nicht äußern.

Scharrenbachs Ruf als „Aktenfresserin“

In der Öffentlichkeit wirkt Ina Scharrenbach stets sehr kontrolliert und um Sachlichkeit bemüht. Umso überraschender ist das Bild von ihr, das im Spiegel-Artikel gezeichnet wird. Was sich in den letzten Jahren aber allen politischen Beobachterinnen und Beobachtern vermittelt hat, ist der enorme Fleiß und die Akribie, mit der sich Ina Scharrenbach in Themen einarbeitet. Damit hat sie sich den Ruf der „Aktenfresserin“ erarbeitet.

Die 1976 in Unna geborene Politikerin hat sich selbst mal als „typische Westfälin“ bezeichnet, „eher etwas zurückhaltend und bisweilen stur“. Im Sommer 2025 machte sie ihre Krebsdiagnose öffentlich. Im November berichtete sie in einem Interview mit der Bunten, dass sie noch nicht geheilt sei.

Seit 2017 ist sie nicht nur Landesministerin, sondern auch Vorsitzende der Frauenunion in NRW. Auf dem CDU-Bundesparteitag im Februar in Stuttgart wurde Scharrenbach erneut ins Präsidium der Bundespartei gewählt.

Unsere Quellen:

  • Spiegel-Artikel „Machtmissbrauch im NRW-Heimatministerium: ‚Diese Frau hat mich zerstört'“
  • Mitteilung der FDP-Fraktion
  • Mitteilung der NRW-SPD
  • Statement von Ina Scharrenbach
  • Antwort der Staatskanzlei auf WDR-Anfrage
  • Eigene Recherche

Sendung: WDR.de / Machtmissbrauch? Schwere Vorwürfe gegen Ina Scharrenbach, 19.03.2026, 12:00 Uhr

Source: tagesschau.de