Nord-Stream-Sprengung: Wow, Wahnsinn, sagt Lanz

Einen „Krimi“ versprach Markus Lanz seinen Zuschauern am Donnerstagabend. Das liege an Bojan Pancevski, dem Investigativreporter des „Wall Street Journal“, dem im Spätsommer 2024 ein „journalistischer Coup“ gelungen sei – mit seiner Recherche zur Sprengung der Pipeline Nord Stream 2. Der Coup gelang Pancevski tatsächlich.

Die Geschichte, die er in seinem gerade erschienenen Buch „Die Nord-Stream-Sprengung“ noch einmal entfaltet, handelt von einem ukrainischen Kommando – eine Frau und sechs Männer –, das für die Aktion verantwortlich sei. Unter abenteuerlichen Bedingungen sei es ihnen gelungen, in 80 Metern Meerestiefe Sprengladungen anzubringen und einen Sabotageakt auszuführen, der „Europa erschütterte“. Als ebenso außergewöhnlich beschreibt der Journalist die Ermittlungen der deutschen Polizei, die den Tätern mit geduldiger kriminalistischer Akribie auf die Spur gekommen sei. „Wow“, sagt Lanz immer wieder, oder „Wahnsinn“, wovon Pancevski berichte.

Als hätte ein Thriller-Autor sich das ausgedacht

„Wow“ und „Wahnsinn“ sind als Zuschreibung insofern verständlich, als Pancevski Umstände schildert, die so klingen, als habe sie sich ein Thrillerautor ausgedacht. Ein Kommando von Soldaten und Zivilisten besorgt sich Sprengstoff, mietet ein Segelboot – die „Andromeda“ –, sticht von Rügen aus in See. Trotz Sturm und hohem Wellengang gelingt es den Tauchern, Sprengladungen an der Pipeline anzubringen.

Sie verschwinden unerkannt, hinterlassen auf dem Boot allerdings so viele Spuren, dass die Spekulationen, ob es sich tatsächlich so zutrug und wer den Sabotageakt in Auftrag gab, bis heute anhalten – die Ukrainer, die Russen, die Polen oder die Amerikaner?

Bojan Pancevski vom „Wall Street Journal“.ZDF und Markus Hertrich

Für den Bundesgerichtshof (BGH) ist die Sache inzwischen klar. Es habe sich um einen „geheimdienstlich gesteuerten Gewaltakt“ im Auftrag eines fremden Staats gehandelt, heißt es in dem Mitte Januar ergangenen Beschluss, mit dem der BGH die Haftbeschwerde des tatverdächtigen Ukrainers Serhij K. verwarf. Das Gericht ist – wie die deutschen Ermittler – der Überzeugung, dass die Täterschaft der Ukraine zuzurechnen ist. Serhij K. ist einer der sieben Tatverdächtigen, in Italien wurde er im August des vergangenen Jahres geschnappt und nach Deutschland überstellt, er sitzt in Hamburg in Haft und wartet auf seinen Prozess.

Was bedeutet das für die aktuelle Bundesregierung, und wie verhielt sich Olaf Scholz zu alldem als Bundeskanzler? Das will Markus Lanz von dem ehemaligen Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt wissen, nach dessen Darstellung Scholz die ganze Sache souverän gemanagt hat.

Hinweise auf Täter aus der Ukraine habe es früh gegeben, doch habe er die geheimdienstlichen und polizeilichen Erkenntnisse vom Politischen, also dem Umgang mit der ukrainischen Regierung unter Wolodymyr Selenskyj, getrennt. Er habe, sagt Schmidt dann noch, seine Aufgabe darin gesehen, die Erkenntnisse der Geheimdienste – die er nicht weitergeben darf – wenigstens „in abstrakter Form“ der Polizei zur Verfügung zu stellen. In „abstrakter Form“, wie geht das? Und hat Schmidt mal mit Journalisten geredet?

Was der superschlaue Lanz nicht fragt

Das fragt der superschlaue Markus Lanz leider nicht. Und er kommt auch nicht auf die Version der Geschichte zu sprechen, die man in dem vor ein paar Tagen erschienenen Buch „Die Sprengung“ von Oliver Schröm und Ulrich Thiele nachlesen kann. Die beiden haben ebenfalls umfassend recherchiert, sie schildern die Sabotageaktion und deren Hintergründe ähnlich wie Pancevski, widersprechen ihm aber in einem entscheidenden Punkt – dass Wolodymyr Selenskyj die Sprengung genehmigt habe. Bei Schröm und Thiele erscheinen die Nord-Stream-Sprenger als dezidierte Gegner Selenskyjs, die die Sache auf eigene Faust durchzogen.

In der Berliner Bubble hätten sich derweil Informationsleaks aufgetan, als deren Hauptverursacher Schröm und Thiele den damaligen Kanzleramtsminister und Lanz-Studiogast Schmidt ausmachen. Er habe es meisterhaft verstanden, Journalisten zu umgarnen und für eine Berichterstattung zu sorgen, die Olaf Scholz als Zeitenwender und Ukraineunterstützer darstellte.

Dabei habe es aus dem Hintergrund stets geheißen, man könne den Ukrainern nicht trauen. Den ukrainischen Präsidenten Selenskyj habe Scholz unmittelbar nach dem russischen Angriff sogar aufgefordert, er solle kapitulieren. Diese Haltung – nach außen hin Entschlossenheit gegen Russland und Solidarität mit der Ukraine zu zeigen, diese aber in Wahrheit zu diskreditieren und nur zögerlich zu unterstützen – ist „Deutschlands Verrat an der Ukraine“, von dem im Untertitel des Buches von Schröm und Thiele die Rede ist.

„Teils hanebüchener, teils strafrechtlich relevanter Unsinn“

Sie nennen – im Unterschied zu Pancevski, der in seinem Buch mit Klarnamen und Tarnnamen arbeitet – Ross und Reiter und dabei auch Journalisten, die sie Schmidts Infozirkel zuordnen. Da ist Bojan Pancevski dabei, der frühere „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo und der Investigativchef der „Zeit“, Holger Stark. Das sei „teils hanebüchener, teils strafrechtlich relevanter Unsinn“, wendete Stark in einem Linkedin-Post ein.

Das Kanzleramt habe keine Staatsgeheimnisse über die Nord-Stream-Ermittlungen an Medien verraten, Wolfgang Schmidt und die Bundesregierung seien nicht die Quelle für die Enthüllung vom 7. März 2023 gewesen. Damals erschien in der „Zeit“ und in der ARD ein Bericht, der davon handelte, dass die deutschen Ermittler ein ukrainisches Kommando im Visier hätten. Wolfgang Schmidt sei auch nicht die Quelle für die Namen der Verdächtigen gewesen, die man bei einer späteren, gemeinsam mit der „Süddeutschen Zeitung“ geleisteten Recherche herausbekommen habe.

Das behaupten Schröm und Thiele in ihrem Buch so dezidiert auch nicht, sie beschreiben vielmehr eine Nähe zwischen Politik und Journalisten, die dazu führte, dass Olaf Scholz mit seiner Tapferkeitserzählung doch recht gut durchkam.

Dass er tatsächlich einem fatalen Restvertrauen in die Vernunft des Kriegsverbrechers Wladimir Putin erlag und sich die Bundesrepublik seit Gerhard Schröders und unter Angela Merkels Kanzlerschaft in eine selbstmörderische Abhängigkeit von Russland begeben hat, ist der Subtext sowohl bei Pancevski als auch bei Schröm und Thiele.

Ob der Prozess gegen einen der mutmaßlichen Saboteure nicht auch ein Sprengsatz für die ohnehin lädierte schwarz-rote Koalition ist, war bei Lanz die abschließende Frage. Wolfgang Schmidt gab sich recht gelassen. Das meiste sei über den Fall doch längst bekannt. Wir werden sehen.

Source: faz.net