Nord Stream: „Eine Sabotage-Operation von Ukrainern, mit sehr guten Verbindungen zur CIA“

Mehr als drei Jahre ist es her, als die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream zwischen Russland und Deutschland durch ein Attentat in die Luft gesprengt wurde. Im Zuge ihrer Recherchen haben die Investigativjournalisten Oliver Schröm und Ulrich Thiele die Hintermänner der Anschläge ausfindig gemacht.

Beide kritisieren den mangelnden Willen zur Aufklärung der damaligen Bundesregierung und wie sich die Hauptstadtpresse einbinden ließ. Im Gespräch mit dem Freitag antworten sie auf die heftige Kritik des Zeit-Journalisten Holger Stark an ihrem Buch. Stark selbst spielt in diesem eine gewichtige Rolle.

der Freitag: Herr Thiele, Herr Schröm, Sie haben die Attentäter des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipeline ausfindig gemacht. Wer sind die Täter und was war deren Motiv?

Ulrich Thiele: Wir haben uns 2025 mit Hintermännern der Sabotage in Kiew getroffen. Wir können aus Quellenschutzgründen nicht sagen, mit wem wir uns getroffen haben. Aber die zentralen Strippenzieher können wir nennen. Es waren zwei ehemalige ukrainische Geheimdienstagenten, Wassyl Burba und Roman Cherwinsky, die ab 2015 von dem US-Auslandsgeheimdienst CIA ausgebildet wurden. Nach dem Kriegsbeginn im Donbas und nach der Annexion der Krim stand die CIA vor dem Problem, dass der ukrainische Geheimdienst noch extrem von Russland infiltriert war. Schätzungsweise haben damals 60 Prozent der ukrainischen Agenten für Russland gearbeitet. Also hat die CIA im Inlandsgeheimdienst der Ukraine, SBU, eine Sondereinheit eingebaut, die 5. Direktion. Das war sozusagen ein amerikanischer Geheimdienst im ukrainischen Geheimdienst.

Der frühere ukrainische Militärgeheimdienstchef fährt heute noch mit einem gepanzerten Auto der CIA durch die Gegend

Oliver Schröm

Welche Aufgaben hatte diese geheime US-Abteilung im ukrainischen Geheimdienst?

Thiele: Diese Sondereinheit hat unter anderem Quellcodes zu russischen Cyberangriffen geliefert und Informanten in den von Russland besetzten Gebieten angeworben. Sie hat auch waghalsige Sabotageoperationen in der Ostukraine durchgeführt, sehr viele Mordanschläge auf pro-russische Kommandanten, die oft durch ferngezündete Bomben ausgelöst wurden. Das waren Aktionen, die die Amerikaner offiziell gar nicht durchführen durften. Offiziell haben die Amerikaner die Attentate auch nicht gutgeheißen, aber es ist hinreichend bekannt, dass den ukrainischen Geheimdienstagenten hinter verschlossenen Türen auf die Schulter geklopft wurde.

Wie groß ist der Anteil der USA an dem Anschlag auf die Nord-Stream-Pipeline?

Thiele: Es war keine Sabotage der USA. Aber es war eine Sabotageoperation von Ukrainern, die sehr gute CIA-Verbindungen hatten.

Oliver Schröm: Ich nenne die beiden Strippenzieher „Kinder der CIA“. Die Ausbildungsprogramme fanden unter anderem in den Niederlanden und in der CIA-Zentrale in Langley statt. Der frühere ukrainische Militärgeheimdienstchef Burba wurde 2020 vom ukrainischen Präsidenten Selenskyj abgesetzt, trotzdem hat die CIA ihn weiter unterstützt. Er fährt heute noch mit einem gepanzerten Auto der CIA durch die Gegend.

Die ukrainischen Saboteure hatten die CIA über ihre Nord-Stream-Pläne sehr früh eingeweiht

Oliver Schröm

Die USA wollten Nord Stream stoppen. Präsident Biden sagte auf einer Pressekonferenz, bei einem russischen Einmarsch in die Ukraine „wird es kein Nord Stream geben“. Gab es einen Auftrag aus Washington für die Sprengung?

Schröm: Nein, nicht, dass wir wüssten. Aber die ukrainischen Saboteure hatten die CIA über ihre Pläne sehr früh eingeweiht. Die US-Agenten unternahmen zunächst keinen Versuch, die Ukrainer davon abzubringen. Im Gegenteil: Ein Verbindungsagent hat sogar eine Finanzierungshilfe in Höhe von 200.000 US-Dollar in Aussicht gestellt.

Thiele: Letztlich hat die CIA aber einen Rückzieher gemacht, weil es die offizielle Vorgabe gab, keine Sabotageoperation hinter der Front, also außerhalb der Ukraine, durchzuführen.

Die US-Regierung wusste von den Anschlagsplänen, warnte aber ihre Verbündeten in Deutschland nicht?

Schröm: Ausgerechnet der niederländische Nachrichtendienst – nicht gerade einer der größten in Europa – bekam Wind von der Operation. Die niederländischen Agenten waren sehr detailliert informiert. Sie wussten, dass ein Schiff gechartert werden sollte, mit sechs Personen an Bord. Sie wussten sogar, dass der damalige ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj informiert war. Diese Erkenntnisse haben sie der CIA mitgeteilt, nicht wissend, dass die CIA schon längst Bescheid wusste. Für die CIA stellte das ein Problem dar.

Für die US-Regierung hätte es nicht gut ausgesehen, wenn herausgekommen wäre, dass die CIA in die Pläne involviert war. Wie gingen die Amerikaner weiter vor?

Schröm: Deshalb hat die CIA dann die Flucht nach vorne angetreten, die deutsche Bundesregierung, die Saboteure und auch Selenskyj gewarnt. Die Saboteure haben trotzdem weitergemacht. Der Anschlag hat sich letztlich aber um ein paar Monate verzögert, weil die Strippenzieher eine neue Geldquelle auftreiben mussten. Die Operation hat etwa eine Viertelmillion Euro gekostet.

Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt hat nach der Nord-Stream-Sprengung Nebelkerzen gezündet

Ulrich Thiele

Die Bundesregierung wurde frühzeitig gewarnt. Warum hat Bundeskanzler Olaf Scholz damals nicht gehandelt?

Thiele: Das ursprüngliche Datum für den Anschlag, das die Niederländer genannt hatten, war der 19. Juni 2022, zwei Tage nach den NATO-Baltops-Manövern auf der Ostsee. Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt, Olaf Scholz’ engster Vertrauter und zuständig für die Nachrichtendienste, nahm die Warnungen nicht ernst, weil er sie angeblich erst nach dem 19. Juni erhielt und entgegen der Warnung kein Anschlag erfolgt war.

Wie hätte die Bundesregierung reagieren können?

Thiele: Wolfgang Schmidt hätte sicherheitshalber die Bundespolizei oder die Marine auf der Ostsee patrouillieren lassen müssen. Doch das geschah erst, nachdem die Sprengung stattgefunden hatte, im September 2022. Hinterher zündete Schmidt Nebelkerzen. Er erklärte, es hätte nur eine sehr allgemeine Warnung der CIA gegeben. Er wollte offensichtlich von seiner eigenen Verantwortung und von seinem Versäumnis abzulenken.

Unseren Recherchen nach war Wolodymyr Selenskyj nicht unmittelbar involviert – die Saboteure waren erbitterte Gegner des Präsidenten

Oliver Schröm

Deutschland ist einer der größten finanziellen Unterstützer der Ukraine. Warum hat die Bundesregierung den Anschlag nicht als feindlichen Akt gewertet und gedroht, die Unterstützung der Ukraine einzustellen?

Thiele: Das stimmt so nicht. Deutschland ist nur in absoluten Zahlen einer der größten Unterstützer, gemessen am BIP ist Deutschland im unteren Mittelfeld, Länder wie Dänemark sind weit voraus. Außerdem hat Olaf Scholz die Sabotage durchaus als Rechtfertigung für weniger Unterstützung instrumentalisiert.

Schröm: Olaf Scholz hat bei jeder sich bietenden Gelegenheit erklärt, wir werden Ergebnisse erzielen und nehmen bei den Ermittlungen zu der Sabotage keine Rücksicht auf Freunde. Das war auch ein Signal an Selenskyj. Es gab damals einen Bericht im Wall Street Journal, der nahelegte, dass Selenskyj beteiligt war – kurz nach Veröffentlichung kündigte Scholz die Streichung der Ukraine-Unterstützung an. Der Autor des Artikels ist übrigens ein enger Bekannter von Wolfgang Schmidt.

Was hatte Selenskyj mit dem Anschlag zu tun?

Schröm: Unseren Recherchen nach war Selenskyj nicht unmittelbar involviert – die Saboteure waren erbitterte Gegner des Präsidenten, sie misstrauten ihm und hatten Sorge, dass er ihren Plan durchkreuzen würde. Sie wandten sich an Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj, der ihnen zusicherte, Selenskyj nicht einzuweihen.

Wir haben Holger Starks Verlautbarung zur Kenntnis genommen. Auch ihm steht der Rechtsweg offen

Oliver Schröm

Auch Holger Stark von der „Zeit“ nimmt eine tragende Rolle in Ihrem Buch ein. Was kritisieren Sie an den Kollegen?

Thiele: Er hat sehr früh die Schlussfolgerung gezogen, Deutschland könne der Ukraine nicht mehr trauen und müsse wegen der Sabotage seine Unterstützung überdenken – und er hat auch keinen Hehl daraus gemacht, dass er damit die gleiche politische Lesart wie die Bundesregierung vertritt. Ganz sicher sei, meinte er einmal, dass „für die Bundesregierung in Berlin nun die Frage im Raume steht, mit welchem Verbündeten sie es da eigentlich zu tun hat“. Das ist aus meiner Sicht nicht die logische Schlussfolgerung. Warum ist eine Gruppe von Selenskyj-Gegnern „die Ukraine“? Und warum macht er nicht den Punkt stärker, dass der Bau von Nord Stream 1 und 2 einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte, dass die Ukraine überhaupt angegriffen wurde? Dass er dann auch noch mit dem damaligen Kanzleramtschef per Du ist und auf Kickerturnieren mit ihm Zeit verbringt, hat ein Geschmäckle.

Holger Stark hat sich zuletzt öffentlich zu Ihrem Buch geäußert. Er wirft Ihnen vor, juristisch relevante Falschinformationen zu verbreiten. Was sagen Sie dazu?

Schröm: Wir haben seine Verlautbarung zur Kenntnis genommen. Auch Holger Stark steht der Rechtsweg offen. In unserem Buch beschreiben wir nur, wie er in Interviews, Podcasts, Buchbeiträgen und TV-Dokumentationen über seine Enthüllungen berichtet und welche politischen Implikationen er daraus zieht. Uns drängt sich der Verdacht auf, dass er damit von einem anderen Thema ablenken will: der zu großen Nähe zahlreicher Journalisten zum ehemaligen Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt. Auch die beschreiben wir ausführlich in unserem Buch: Duzen, exklusive Hintergrundrunden im Kanzleramt und gemeinsame Freizeitaktivitäten.

Oliver Schröm zählt zu den profiliertesten deutschen Investigativautoren. Er deckte den „Cum-Ex“-Skandal auf. Seine Recherchen zu den illegalen Aktien-Deals wurden zur Grundlage einer ZDF-Serie und einer mit dem Deutschen Fernsehpreis (2025) ausgezeichneten Doku. Er ist Autor der Bücher von zwölf Enthüllungsbüchern, darunter Die Cum-Ex-Files (2021) und Die Akte Scholz (2022).

Ulrich Thiele ist Investigativjournalist und Autor des Bestsellers Nord Stream. Wie Deutschland Putins Krieg bezahlt (2025). Seine Recherchen zu Nord Stream 2 und der Klimastiftung Mecklenburg-Vorpommern brachten die Landesregierung von Manuela Schwesig in Bedrängnis.

Das Buch Die Sprengung. Der Nord-Stream-Anschlag, die Jagd nach den Tätern und Deutschlands Verrat an der Ukraine ist im Piper Verlag erschienen (288 Seiten, 22 Euro).

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