Mit zahlreichen Traktoren demonstrieren Landwirte am Montag rund um die Lidl-Zentrale in Bad Wimpfen vor allem gegen die Milch- und Butterpreise des Lebensmitteldiscounters. Die Handelsketten haben die Preise kürzlich abermals reduziert. Ein 250-Gramm-Stück Deutscher Markenbutter der Eigenmarken kostet inzwischen weniger als einen Euro.
Die Polizei sprach von rund 100 Traktoren. Der Verein „Land schafft Verbindung BW“, ein Zusammenschluss aus Landwirten, wollte sich zunächst nicht auf eine Zahl festlegen. Insgesamt hatten die Organisatoren bis zu 500 Traktoren aus ganz Baden-Württemberg vor der Lidl-Zentrale erwartet. Nach Angaben der Veranstalter ist eine Mahnwache bis Dienstagnachmittag geplant. Die Bauern werfen Lidl in einer Online-Petition vor, die Butter „zu verramschen“.
Bauern protestieren bundesweit gegen Preisverfall
Die Proteste konzentrieren sich dabei nicht auf einen Ort: Vor dem Lidl-Zentrallager in Cloppenburg demonstrierten Landwirte von Sonntagabend bis in die frühen Morgenstunden, auch schleswig-holsteinische Landwirte setzen ihre Mahnwache vor dem Zentrallager eines Discounters in Wasbek fort. In Sachsen blockierten am Morgen etwa 20 Traktoren den Logistikknoten von Lidl in Radeburg.
„Ich denke, es hat sich herumgesprochen, und man hat es in der Werbung gesehen, dass Lidl und Aldi sich in einem Preiskampf verschworen haben“, sagte Marc Bernhardt, Sprecher der Vereinigung „Land schafft Verbindung“ in Sachsen der Deutschen Presse-Agentur.
Die Milchpreise sind im Keller
Der Preisrutsch habe viele Ursachen, sagt der Agrarmarktexperte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Albert Hortmann-Scholten. Es gebe überall auf der Welt Produktionszuwachs. Für Milchviehhalter in Europa komme der Zollstreit mit China hinzu: Nach der Verhängung von Strafzöllen für chinesische Elektroautos erhöhten die Chinesen die Zölle für Agrarprodukte. Auch der starke Dollar verteuere Exporte aus dem Euro-Raum in andere Länder. All das sorge für große Milchmengen in Europa.
Hinzu komme ein Folgeeffekt der Blauzungenkrankheit, an der im vergangenen Jahr in Nordwesteuropa viele Wiederkäuer erkrankten. In der Folge sank die Milchproduktion, was zu knapper Ware und zu guten Preisen für die Landwirte führte.
Aber inzwischen sei die Milchmenge wieder gestiegen, die krankheitsbedingten Produktionsrückgänge machten sich nicht mehr bemerkbar, sagt Hortmann-Scholten. Im Gegenteil, seit Mitte September habe es einen großen Zuwachs an Milch gegeben, der zum Teil bei acht Prozent über den Vorjahren gelegen habe. „Es hatte kein Molkereifachmann damit gerechnet, dass es auf einmal solch einen Schub gab“, erklärt Hortmann-Scholten.
Die Molkereien hätten die reichlich vorhandene Milch zu Butter verarbeitet. Der Lebensmitteleinzelhandel habe schnell gemerkt, dass es ein überaus großes Angebot an Butter gab – die Folge: Seit September habe es einen Wettlauf der Einzelhandelsketten um den günstigsten Butterpreis gegeben.
Welche Rolle hat der Lebensmitteleinzelhandel?
Aus Sicht von Frank Kohlenberg, Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen, liegt die Verantwortung für den geringen Auszahlungspreis einzig bei den Handelsketten in Deutschland. Diese hätten angesichts des geringen Einkaufspreises auch höhere Verkaufspreise beibehalten und den Abstand an die Landwirte weiterreichen können. „Das hätte der Handel machen können, der immer betont, mit den Landwirten fair umgehen zu wollen“, sagt Kohlenberg.
Die Einzelhandelspreise für Butter seien in anderen europäischen Ländern wesentlich höher als in Deutschland. Das komme den Landwirten in den Nachbarländern zugute, argumentiert Kohlenberg: „Gerade der holländische Landwirt profitiert schon davon, dass in Holland die 250-Gramm-Packung Butter nicht für 99 Cent gehandelt wird.“ Seitens der Landwirtschaft werde überlegt, ob man sich weiter an den Agrardialogen mit dem Einzelhandel beteiligen wolle.
Welche Macht haben die Erzeuger?
Der Geschäftsführer der Beratung AFC, Otto Strecker, sieht keine fehlende Marktmacht der Erzeuger. AFC berät Unternehmen entlang der Lebensmittelkette. „Der Druck des Handels auf die Erzeugerpreise ist existent“, sagt er der F.A.Z. „Aber die Molkereien verhandeln auf Augenhöhe mit dem Handel.“ Die ausgehandelten Preise orientierten sich am Weltmarkt. Gleichzeitig beobachtet Strecker derzeit eine rasante Abwärtsbewegung der Preise, weil Lidl Aldi unter Druck setzt und die Preisführerschaft herausfordert. „Die Handelsketten testen aus, wie weit sie mit den Preisen runtergehen können und wie weit der andere mitgeht.“
Landwirte sehen Existenz bedroht
Der Bayerische Bauernverband hat das Bundeskartellamt zur Prüfung der niedrigen Butterpreise eingeschaltet. Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte zu den Butterpreisen: „So kann man kein hochwertiges Lebensmittel verramschen, auch wenn man das als Lockangebot vor Weihnachten nutzen will.“ Zu Protestaktionen hatten die großen Bauernverbände nicht aufgerufen. Aber viele Landwirte sind unzufrieden und sehen ihre Existenz bedroht.