Die Bundesregierung will ein Social-Media-Verbot für Kinder. Unumstritten ist das nicht. Der Medienwissenschaftler Neil Postman warnte schon vor Jahren vor einem Verschwinden der Kindheit. Warum wir jetzt aufpassen sollten.
Kinder müssen beschützt werden. Dieser Auffassung ist nicht nur die SPD, sondern jetzt auch die CDU, die in die Forderungen nach einem Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren einstimmt. Aber es sind nicht nur die Kinder, die beschützt werden müssen – sondern auch die Idee der Kindheit selbst.
Auf dem Spiel steht neben der Unschuld, Freiheit und psychischen Gesundheit unserer Jüngsten auch die historisch noch gar nicht so alte Erfindung jener Schonzeit, die sich „Kindheit“ nennt. Denn diese wird, spinnt man die Thesen eines Klassikers aus den 80ern weiter, durch die sozialen Medien bedroht – genauso, wie das Fernsehen im vergangenen Jahrhundert schon dazu beitrug, das Konzept der Kindheit allmählich aufzulösen.
1983 stellte der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman in seinem Buch „Das Verschwinden der Kindheit“ die radikale Diagnose, dass das „gesellschaftliche Kunstprodukt“ Kindheit bald wieder in Vergessenheit geraten sein dürfte. Denn für die „elektronischen Medien“ sei es unmöglich, „irgendwelche Geheimnisse zu bewahren. Ohne Geheimnisse aber kann es so etwas wie Kindheit nicht geben“. Während Kinder das Lesen erst lernen müssten, argumentiert Postman, beherrschten sie das Fernsehen sofort – und das Scrollen durch TikTok, wäre heute hinzuzufügen. „Wir haben dann Kinder, die sich nicht mehr auf die Erwachsenen und deren Wissen verlassen, sondern auf Nachrichten aus dem Nirgendwo. Wir haben Kinder, die Antworten bekommen auf Fragen, die sie nie gestellt haben. Kurzum, wir haben keine Kinder mehr.“
Wer Kinder mit Erwachsenen gleichsetzt, wie es elektronische (und heute digitale) Medien tun, zerstöre die Kindheit, die eigentlich ihren eigenen Gesetzlichkeiten und Zeitrechnungen folge. Ist ein Zehnjähriger, der auf TikTok ungefiltert Pornografie und Gewalt konsumiert, wirklich noch ein Kind? Was unterscheidet ihn, den kaum mehr ein Wissens- oder Erfahrungshorizont von seinen Eltern trennt, von einem Erwachsenen? Wer problemlosen Zugang zu allen Informationen erhalte, entledige sich des Geheimnisses, der Neugier, des Staunens sowie der Scham.
Wenn die Kinder der 80er- und 90er-Jahre das Fernsehen überlebt haben, ist es dann das Internet, das die Kinder des 21. Jahrhunderts ins (metaphorische) Grab bringt? Oder beweist die nach wie vor aktuell erscheinende Warnung, die sich beliebig auf jedes neue Medium anwenden lässt, dass den kulturpessimistischen Unkenrufen ohnehin nicht zu trauen ist? Jedenfalls wäre es nicht das Schlechteste, wenn Kinder Postmans Büchlein wirklich lesen würden, statt sich höchstens auf Instagram Zusammenfassungen seiner Theorie anzuschauen.
Vielleicht ist ein Social-Media-Verbot kein Allheilmittel. Aber es wäre zumindest ein Versuch, eine kulturelle Errungenschaft zu verteidigen, die zerbrechlicher ist, als wir glauben. Kindheit kann es nur da geben, wo Erwachsene den Mut haben, Grenzen zu ziehen.
Source: welt.de