New Yorker Auktionen: Mehr Dekadenz geht kaum

Einen besseren Zeitpunkt hätte Sotheby’s kaum wählen können, um in New York dieses Objekt mit Kunstmarktprovokationspotential zu versteigern: Maurizio Cattelans in 18-karätigem Gold gegossene Spültoilette mit dem bösen Titel „America“. Der dekadente Sanitärbedarf sorgte schon 2016, im Jahr seiner Entstehung, für Furore – und eine Schlange vor den öffentlichen WCs im Solomon R. Guggenheim Museum, wo Besucher das funktionsfähige Stück dem Praxistest unterziehen sollten. Das nächste Mal machte „America“ 2019 Schlagzeilen, als das immerhin rund hundert Kilogramm schwere Lokusmöbel aus Winston Churchills Geburtshaus Blenheim Palace in Oxford­shire gestohlen wurde, wo es ausgestellt war.

Kryptomünzen sind auch willkommen

Aufgetaucht ist dieses Exemplar nie wieder, doch Cattelan hatte drei Stück (plus zwei Künstlerexemplare) fertigen lassen. Eines ist jetzt im Breuer Building installiert, der bisherigen Residenz des New Yorker Getty Museum, die fortan Sotheby’s als globale Unternehmenszentrale dienen wird.

Im Rahmen der Eröffnungsauktionen zur herbstlichen Hochsaison soll die Toilette zum Materialwert des Tages aufgerufen werden, also etwa zehn Millionen Dollar. Zahlen kann der erfolgreiche Bieter auch mit Kryptogeld, was wohl die Nouveaux riches aus der Blockchain-Welt anlocken soll – wie vorigen Herbst den chinesischen Unternehmer Justin Sun, der bei Sotheby’s in New York Cattelans materiell praktisch wertloses Bananen-Konzeptkunstwerk „Comedian“ für 5,2 Millionen Dollar netto ersteigerte.

Für 5,2 Millionen Dollar netto: Voriges Jahr kaufte der Krypto-Unternehmer Justin Sun Cattelans Bananenkunst „Comedian“ bei Sotheby’s und verspeiste sie später öffentlich.AFP

Mit „America“ verweist der Künstler auf Marcel Duchamps dadaistisches Pissoir-Readymade „Fontaine“ von 1917, das unter Aktivierung von Ausscheidungsassoziationen fragt, was Kunst ist. Wie Damien Hirsts diamantenbedeckter Platinschädel „For the Love of God“ von 2007 stellt der Italiener aber, wenig subtil, die Frage nach dem Wert der Kunst – in diesem Fall: ihrem Preis.

Obendrein Preisträger der Nationalgalerie

Affirmation und Subversion konvergieren bei dem inzwischen 65 Jahre alten Cattelan so zuverlässig wie marktkonform. Dass eben bekannt gegeben wurde, er werde mit dem Preis der Nationalgalerie – vormals einem Preis für junge Kunst – für sein Lebenswerk geehrt, lässt angesichts seines Spülklokunstwerks an die Redewendung vom Teufel und dem größten Haufen denken. Für Sotheby’s aber, den gegenüber dem Konkurrenten Christie’s zuletzt ins Hintertreffen geratenen Versteigerer, ist es ein genialer Coup, Cattelans antikapitalistisch-kapitalistischen „America“-Goldthron gerade jetzt erstmals zur Auktion zu bringen.

Der Goldpreis wird von Kriegen, Krisen und Kursschwankungen seit Jahren immer weiter nach oben getrieben, und überhaupt scheint das glänzende Edelmetall ein Signum unserer verunsicherten Gegenwart voller Verblendung zu sein. „Das goldene Zeitalter Amerikas beginnt genau jetzt“, hat Donald Trump bei seiner zweiten Amtseinführung als US-Präsident im Januar gesagt. Im Weißen Haus führt er nun aller Welt vor Augen, wie seine neue amerikanische Leitästhetik nach Autokratenart aussieht, mit echt vergoldetem Neorokoko-Dekor und einem geplanten, nicht minder vor Gold starrenden Ballsaal enormer Ausmaße, finanziert von Big-Tech-Bros.

Golddekor ist angesagt im Oval Office: Ende Oktober zeigte Präsident Trump, wie der neue Ballsaal des Weißen Hauses von innen aussehen soll.EPA

Das sieht eher nach „Gilded Age“ aus, doch Steuererleichterungen für Wohlhabende scheinen trotz der neuen Zölle den Luxusgütermarkt in den USA erfolgreich zu stützen – eine gute Nachricht auch für Auktionshäuser, die mit Schmuck, Handtaschen und Edelkarossen steigende Umsätze machen. Daran wird auch der neue Bürgermeister von New York, der selbst erklärte Sozialist Zohran Mamdani, mit Steuererhöhungen für Unternehmen und Reiche nichts ändern.

Hoffnung auf Milliardenumsätze

Für Aufsehen ist also gesorgt bei der ersten „Marquee Auction Season“ von Sotheby’s im Breuer-Gebäude, während der das Auktionshaus groß auffährt, um den Aufwind im Kunstauktionsmarkt zu nutzen, an dessen Spitze 2024 Flaute herrschte. Zwischen 863,6 Millionen und 1,18 Milliarden Dollar will das Auktionshaus vom 18. bis zum 21. November in insgesamt neun Saalauktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst umsetzen, deutlich mehr als im Vorjahr.

Spitzenwerke kommen abends in „Single Owner Sales“ exquisiter Sammlungen zur Auktion: ein rekordverdächtiges Damenbildnis von Gustav Klimt etwa aus dem Nachlass von Leonard A. Lauder zum Taxpreis von rund 150 Millionen Dollar, ein ebenso rekordverdächtiges Selbstbildnis von Frida Kahlo aus einer anonymen Surrealismus-Kollektion für geschätzte 40 bis 60 Millionen Dollar, ein Stillleben von Vincent van Gogh aus der Sammlung von Cindy und Jay Pritzker für angepeilte 40 Millionen Dollar.

Aus der Sammlung von Robert und Patricia Weis bei Christie’s: Pablo Picasso, „La lecture (Marie-Thérèse)“, 1932, Mischtechnik auf Leinwand, 92,1 mal 73 Zentimeter, Taxe um 40 Millionen DollarChristie’s / Succession Picasso 2025

Christie’s hält mit einem nach Geldwert kaum weniger kapitalen Angebot dagegen, das in sechs Saalauktionen zusammengenommen 736 Millionen bis eine Milliarde Dollar in die Kassen spülen soll – auch das eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Von diskreten Connaisseuren handverlesene Kunstwerke der Extraklasse mit makelloser Provenienz prägen das Gesamtbild. Unter den 18 Losen aus der nachgelassenen Sammlung des amerikanischen Unternehmers Robert F. Weis, der mit Lebensmittelmärkten ein Vermögen machte, und seiner Frau Patricia G. Ross Weis findet sich ein bemerkenswertes Bild Pablo Picassos.

Der Künstler behielt das 1932 gemalte Porträt seiner Gefährtin Marie-Thérèse Walter, „La lecture“, in seinem Besitz, bis er es 1966 an die Galerie Bey­eler in Basel verkaufte. Von dort kam es in den amerikanischen Handel und schließlich 1985 über die Acquavella Galleries zum Ehepaar Weis. Taxiert ist es nun auf 40 Millionen Dollar und garantiert von einer dritten Partei.

Auch aus der Sammlung Weis: Mark Rothko, „No. 31 (Yellow Sripe)“, 1958, Öl auf Leinwand, Höhe knapp zwei Meter, Schätzpreis um 50 Millionen DollarChristie’s

In der Wohnung der beiden Sammler hing auch eine in Rot-Orange glühende Farbfeldmalerei von Mark Rothko. Die Herkunft von „No. 31 (Red Stripe)“ aus dem Jahr 1958 lässt sich bis zur Sidney Janis Gallery, die den Künstler damals vertrat, lückenlos nachvollziehen. Entsprechend selbstbewusst fällt der Taxpreis mit „um 50 Millionen Dollar“ aus, denn Gedanken an einen Rothko-Fälschungsskandal vor einigen Jahren kann diese Provenienzliste zuverlässig zerstreuen.

Zeitloses in der Abendauktion zeitgenössischer Kunst bei Phillips: „Cera“, angeblich das vollständigste erhaltene Skelett eines Triceratops-Jungsauriers, Länge rund 4,40 Meter, Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen DollarAuktionshaus Phillips

Preislich noch weiter hinaufgehen könnte es bei Christie’s für eine von David Hockney 1968 mit selbstverständlicher Lässigkeit auf die Leinwand gebannte Darstellung häuslicher Gemeinschaft eines schwulen Paars: Der Schriftsteller Christopher Isherwood und der wesentlich jüngere Künstler Don Bachardy sitzen nebeneinander in Sesseln auf dem Acrylbild, das 40 bis 60 Millionen Dollar erlösen soll. Ebenso hoch eingeschätzt ist ein Seerosenbild Claude Monets von 1907 im „20th Century Evening Sale“. Von einer dritten Partei garantiert sind beide.

Im „21st Century Evening Sale“ bei Christie’s wird nicht nur interessant sein zu beobachten, wie sich ein Abendmahlsiebdruck nach Leonardo von Andy Warhol (6/8 Millionen) und einer der Tierkonsolentische von Diego Giacometti (3/5 Millionen) aus der Edlis Neeson Collection schlagen, sondern auch, ob Krawalligeres wie „RIOT“ von Christopher Wool (15/20 Millionen) oder ein „Angry Black Man“ von Kerry James Marshall (4/6 Millionen) den Bieternerv treffen.

Phillips, das kleinste der drei großen internationalen Auktionshäuser, setzt bei seinen New Yorker Blockbuster-Auktionen derweil ganz auf Cross-over: Im „Modern & Contemporary Art Evening Sale“ tritt zwischen Kopfstudien von Francis Bacon (13/18 Millionen), einer „Exercise“ von Jean-Michel Basquiat (3/5 Millionen) und einer Abstraktion von Joan Mitchell (10/15 Millionen) auch ein Saurierskelett auf. Die montierten Überreste eines Triceratops-Jungtiers sollen 2,5 bis drei Millionen Dollar einbringen. Was zeigt: Auch am Kunstmarkt kann man in größeren Zeiträumen denken, zum Beispiel von 66 Millionen Jahren. Der Goldpreis dann? Wer weiß das schon.

Source: faz.net