„Kiss Point“ nennen die Mitarbeiter des New Museum den Punkt, wo sich das neue und das alte Gebäude treffen. Seit diesem Wochenende hat das Museum für zeitgenössische Kunst an der New Yorker Bowery wieder geöffnet – der sechsstöckige Anbau ist nach zwei Jahren Bauzeit fertig. Den „Kusspunkt“ markiert im obersten Stockwerk eine Art Fußgängerbrücke. Vom verglasten Durchgang aus schaut man hinunter auf die Stahlgewebefassade rechts und die neue Glaswand links, geradeaus liegt die Prince Street. Neben den versetzt gestapelten Quadern des bisherigen Gebäudes ragt nun eine kristallin anmutende, gebrochene Form mit schrägen Rücksprüngen auf.
Der neue Bau solle „eine Ergänzung, ein Gegenstück“ sein, sagte der niederländische Architekt Rem Koolhaas, Autor des Manifests „Delirious New York“, beim Presserundgang. Koolhaas, dessen Firma OMA (Office for Metropolitan Architecture) das Projekt realisierte, sprach per Videobotschaft. Sein für das Projekt verantwortlicher Partner Shohei Shigematsu sagte, das neue Gebäude solle nicht nur Kunst ausstellen, sondern zur Begegnung und Diskussion einladen. „Museen gehören zu den letzten echten öffentlichen Räumen in der Stadt.“ Er habe sich bei der Konzeption des neuen Gebäudes, das die Fläche des Museums auf mehr als 11.000 Quadratmeter verdoppelt, von der Vorstellung eines Paars inspirieren lassen – „ähnlich, aber unterschiedlich“.
Treiber der Gentrifizierung?
Draußen an der Fassade des ursprünglichen Museumsbaus, wo früher ein Segelboot angebracht war, ist jetzt eine Skulptur von Tschabalala Self zu sehen: „Art Lovers“ zeigt ein lachendes, umschlungenes, bunt gekleidetes Liebespaar. Das 1977 von Marcia Tucker gegründete New Museum war anfangs ein alternativer Ausstellungsraum in Tribeca. Im Jahr 2007 zog das zwischenzeitlich in SoHo beheimatete Museum in das vom japanischen Büro SANAA gebaute Gebäude an die Bowery um. Das damals einzige Kunstmuseum in Downtown wurde seinerzeit durchaus kritisch beäugt als Gentrifizierungs-Treiber in einer Ecke, die lange vor allem für Obdachlosigkeit, Punk und Lampengeschäfte bekannt war.
Man habe immer neue Künstler entdecken und Diskussionen anregen wollen, sagte die Direktorin Lisa Phillips, die demnächst in den Ruhestand tritt, zur Neueröffnung. Das New Museum sammele aus diesem Grund keine Kunst, seine Aufgabe sei es, nah an der zeitgenössischen Szene zu sein. Eine imposante Treppe, von der man auf die Bowery und die umliegenden Häuser blickt, soll den Geist der Offenheit symbolisieren.
Ungewohnt wuchtig kommt die Ausstellung zur Wiedereröffnung daher. „New Humans: Memories of the Future“ will nicht weniger, als in mehr als 700 Objekten den Beitrag der Kunst, aber auch anderer Disziplinen zur Bestimmung des Menschlichen zu zeigen. Los geht es mit historischer Malerei, mit Fotografien und Objekten aus dem Ersten Weltkrieg, Prothesen etwa. Am Ende gelangt man zu Robotern und Vorstellungen utopischer Städte, dazwischen geht es um Geburt, Tod, prekäre Arbeit. Da sind die endoskopischen Fotografien Lennart Nilssons von Föten aus den Sechzigerjahren, da ist die überlebensgroße, mütterlich, aber auch unheimlich wirkende Skulptur „The Handle of the Axe“ von Tau Lewis.
Die Augen der Drohnen
Oder die beeindruckende Videoarbeit „Mechanical Kurds“ von Hito Steyerl: In dem Werk von 2025 führt eine Drohne den Zuschauer in ein Flüchtlingslager, in dem Menschen sogenannte „Microjobs“ verrichten. Sie erzählen, wie sie KI-Firmen oder Herstellern von Waffen, Drohnen und Videospielen bei der Klassifizierung von Bildern helfen: Hier ist ein Mensch, da ist ein Auto und so weiter. Menschen, Tiere, Häuser im Lager werden im Video mit jenen bunten Markierungen umrahmt, von denen die Menschen aus dem Off erzählen. Zwischen den Stockwerken wechselt auch der Fokus: Am Ende begegnet man einer metallenen Stilisierung von E.T. und vielen Roboterfiguren. Immer wieder bietet sich Gelegenheit, den Charakter der neuen Säle zu bewundern, mal industriell anmutend mit hoher Decke, mal intim in Rot ausgekleidet.
Der Übergang zwischen beiden Gebäuden scheint oft nahtlos. Ganz oben, in den verglasten Veranstaltungsräumen, gibt es neue und vertraute Perspektiven auf die Stadt. Ein kleiner Balkon bietet einen dreieckig gerahmten Ausblick auf das World Trade Center – verkleidet ist er rundum mit einer Art pinkfarbenem Flokati. Ein blaues „Forum“ hat Treppensitze.
Erste Reaktionen auf die Neueröffnung sind positiv: Ehrgeizig der Bau, die Schau „erwachsen“ und ernst, urteilte der Rezensent der „New York Times“. Kritik gab es allerdings auch. So bezeichnete Hrag Vartanian vom Magazin „Hyperallergic“ die Ästhetik des Gebäudes als „kommerziell“ und von einer Art Neokolonialismus geprägt. Die Akteure der Kunstwelt wollten sich heute Kreativität vor allem einverleiben und immer größer bauen, statt sich mit den Communitys auseinanderzusetzen, in denen sie zu Hause seien. Direkter Nachbar des New Museum ist die Bowery Mission, wo Obdachlose seit mehr als 150 Jahren einen Schlafplatz finden. Mit dem Heim unterhält das Museum eine Kooperation. Für die Bewohner ist jetzt zumindest der Baulärm von nebenan vorbei.
Source: faz.net