Neues vom Anleihemarkt: Großbritannien begibt Anleihe zu Rekordzins

Die globale Finanzkrise im Jahr 2008 ist bald zwei Jahrzehnte her, dennoch ist sie vielen noch sehr genau in Erinnerung. Schließlich wurden Unsummen an investierten Geldern vernichtet, rund um den Globus rutschten Länder in eine tiefgreifende Wirtschaftskrise. In Europa folgte bald darauf die Eurokrise.

In Großbritannien wurde in dieser Woche nun eine Staatsanleihe mit zehnjähriger Laufzeit und einer Rendite von 4,9158 Prozent begeben – und damit auf dem Niveau der Finanzkrise 2008. Zwar ist die Rendite damit unter der viel beachteten Schwelle von fünf Prozent geblieben, aber dennoch ist es die höchste Rendite für eine zehnjährige britische Staatsanleihe, die seit 2008 ausgegeben wurde, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg anhand von Daten ausgewertet hat.

Der seit Wochen andauernde Irankrieg treibt nicht nur den Ölpreis, sondern damit auch die Inflation. Die gestiegenen Energiekosten zeigen sich vor allem an den Tankstellen, aber sie machen sich zunehmend auch in anderen Wirtschaftszweigen bemerkbar, verteuern Produkte und Dienstleistungen. Wie lange dieser Zustand andauert, ist offen. Neuerliche Friedensverhandlungen zwischen den USA und Iran könnten zu einem dauerhaften Waffenstillstand führen und damit die insbesondere für Öl- und Gaslieferungen wichtige Wasserstraße von Hormus wieder für den Schiffsverkehr öffnen.

Rekordhohe Nachfrage nach britischer Anleihe

Ob und wann es zu einer dauerhaften Waffenruhe kommt, ist allerdings fraglich. Für Anleiheanleger bedeutet das erst einmal, dass sie angesichts der gestiegenen Risiken einen höheren Aufschlag auf ihr investiertes Geld bekommen, was in Zeiten von Inflationssorgen grundsätzlich der Fall am Anleihemarkt ist.

In Großbritannien zeigte sich nun, dass Anleger offenbar keine Befürchtung haben, dass das Land seine Schulden nicht zurückzahlen kann, sondern sich vielmehr eine attraktive Rendite für ihr über zehn Jahre angelegtes Geld sichern wollten.

Schließlich brachte die im Jahr 2036 fällige Staatsanleihe Großbritannien die Rekordsumme von 15 Milliarden Pfund ein, wobei Orders über rund 148 Milliarden Pfund eingingen – so viel wie nie zuvor, wie von Bloomberg ausgewertete Daten zeigen. „Die Transaktion brachte sowohl das größte Nachfragevolumen als auch die höchste Zahl an Anlegerorders ein“, sagte Sean Taor, der zuständige Europaverantwortliche der Banco Santander, einer an der Platzierung beteiligten Bank. Das zeige das große Vertrauen in den Anleihemarkt und in Großbritannien im Allgemeinen.

Auch Bundesanleihen reagieren

Damit steht Großbritannien nicht allein dar. Auch andere Staaten müssen sich seit Kriegsbeginn teurer refinanzieren oder höhere Renditen für ihre Schuldtitel zahlen. Die durchschnittlichen Renditen von Euro-Anleihen – ausgegeben von Staaten wie von Unternehmen – mit hoher Bonität (Investment Grade) erreichen derzeit eine Rendite von 3,65 Prozent. Im Jahresdurchschnitt liegt die Rendite bei 3,17 Prozent, wie ein Bloomberg-Index zeigt. Ende März lagen die Renditen in der Spitze sogar bei bis zu 3,82 Prozent, dem höchsten Stand seit Juli 2024.

Hierzulande stieg die Rendite von Bundesanleihen mit dreißigjähriger Laufzeit angesichts wenig erfolgversprechender bevorstehender Friedensgespräche am vergangenen Freitag auf ein Rekordhoch von 3,57 Prozent – das höchste Niveau seit dem Jahr 2011. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag bei 3,05 Prozent.

In dieser Woche stand für Deutschland unter anderem eine weitere Aufstockung einer Anleihe mit dreißigjähriger Laufzeit und 2,9 Prozent Kupon an. Wegen gefallener Kurse wurde nun eine am Marktpreis orientierte Rendite für Anleger von 3,57 Prozent erwartet.

Attraktive Rendite hin oder her: Wie sehr Anleger in diesen Zeiten verunsichert sind und einen sicheren Hafen suchen, zeigen auch aktuelle Daten für den Krisenmonat März zum ETF-Markt des Vermögensverwalters Blackrock. Dort heißt es, dass auf der Anleiheseite sogenannte inflationsindexierte Strategien, die vor Kaufkraftverlust schützen sollen, deutlich zulegten. Das gelte insbesondere für Europa, wo so viel in diese Anlageklasse investiert worden sei wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Source: faz.net