Schon das Titelbild führt in die Irre. Es zeigt das Gesicht Donald Trumps im Gewand eines Renaissancefürsten aus der Zeit Machiavellis. Der US-Präsident, soll das wohl heißen, orientiert sich an den Lehren des Florentiners. In Zeiten eines Krieges, den Trump ohne Rücksicht auf das kleine Einmaleins der kühlen Machtpolitik begonnen hat, erscheint eine solche Behauptung grotesk.
Der Philosoph Peter Sloterdijk strickt daraus gleichwohl die gewohnt freien Assoziationsketten seines neuen Buchs „Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“. Er hat sich vorgenommen, Machiavellis „Principe“ unvoreingenommen zu lesen, was bedeutet, dass er die Debatten der Historiker und Politologen ebenso bewusst ignoriert wie die übrigen Schriften des Autors, allen voran seine republikanisch inspirierten „Discorsi“.
Das kann man machen, allerdings führt das nicht zu Erkenntnisgewinn, sondern in gängige Klischees und Zerrbilder über sogenannten Machiavellismus. Von der „Kunst des Nicht-gut-Seins“ spricht Sloterdijk, als sei das im „Principe“ der Zweck und nicht ein Mittel. Zwischendurch gerät ihm der Florentiner auch ganz aus dem Blick, und nebenbei fallen unbewiesene elitistische Behauptungen der Art, noch vor Kurzem habe „jeder zweite Mann auf der Straße“ die Umstände von Caesars Tod gekannt, womit für die Zeit vor der Bildungsrevolution allenfalls die Straße vor einem humanistischen Jungengymnasium gemeint sein kann.
Es geht dann auch um Carl Schmitt und Adolf Hitler, Dämonie und den Sündenfall, schließlich um Nietzsche als angeblichen Dreh- und Angelpunkt zeitgenössischer Philosophie. Also ungefähr um alles, was sich mit dem nüchtern-analytischen Machiavelli am allerwenigsten in Verbindung bringen lässt, wenn man die Gesetze der formalen Logik zumindest ein kleines bisschen zu ihrem Recht kommen lässt. Sloterdijk glaubt aus dem „Principe“ herausgelesen zu haben, dass Politik immer „vertikal“ zu verstehen sei, als eine Art Befehlskette von oben nach unten und dass sie letztlich immer zur Autorität des starken Mannes tendiere. Machiavelli dachte eher in Zyklen – und in den Bahnen einer Republik, die von den Tugenden ihrer eigenen Bürger abhing.
Indem er die Sache indes aus der Perspektive der Autokratien betrachtet und nicht aus jener der verbliebenen liberalen Demokratien, verfehlt Sloterdijk die Pointe des Machiavelli’schen Denkens. Schließlich ging es zu Beginn des 16. Jahrhunderts um die Frage, wie sich Italien und seine Stadtrepubliken gegenüber zunehmend aggressiven Nachbarn behaupten könnten. Und heute darum, wie viel wohl verstandenen Machiavellismus die Europäer für ihre Selbstbehauptung brauchen.
Peter Sloterdijk: „Der Fürst und seine Erben“. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute. Suhrkamp Verlag, 188 Seiten, 22 Euro.
Source: faz.net