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Ein neues Abwehrzentrum soll verdächtige Drohnen aufspüren und Gegenmaßnahmen koordinieren. Bislang aber hält sich der Erfolg in Grenzen, wie interne Lagebilder zeigen, die WDR und NDR vorliegen.
Ein Schild, ein Schwert und eine Drohne im Fadenkreuz – das Wappen des Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrums (GDAZ) zeigt, worum es geht: unbemannte Flugobjekte zu bekämpfen. Im Dezember weihte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) die neue Einrichtung bei der Bundespolizeidirektion 11 in Berlin-Schöneberg ein.
Bund und Länder schafften „einen starken Pfeiler unserer Sicherheitsarchitektur“, sagte Dobrindt. „Behörden arbeiten hier Hand in Hand, Kompetenzen werden gebündelt, Lagebilder verzahnt. So erhöhen wir Tempo und Treffsicherheit im Kampf gegen hybride Bedrohungen, Sabotage und gezielte Provokationen.“
Belege fehlen
Seit etwa 100 Tagen gibt es die neue Einheit. Von Dobrindts „Tempo“ und „Treffsicherheit“ ist bislang allerdings wenig zu spüren: Noch immer werden nahezu täglich verdächtige Drohnen gesichtet. Zugleich gelingt die Abwehr fast nie. Wenn dann tatsächlich einmal Verdächtige ermittelt wurden, erhärtete sich der Spionageverdacht nicht. Belege für Ausspähaktionen ausländischer Geheimdienste fehlen weiter.
Diese ernüchternde Realität geht aus internen Lageberichten des neuen Zentrums vor, die WDR und NDR vorliegen. Nach mehr als 1.200 verdächtigen Sichtungen bundesweit im Vorjahr ist das Niveau auch in den ersten Monaten 2026 hoch.
Ein Bundesland, in dem es weiterhin viele Sichtungen gibt, ist Niedersachsen. Doch auch dort gibt es „Fehlalarme“, also Drohneneinsätze ohne politischen Hintergrund, selbst wenn ein Überflug auf den ersten Blick verdächtig erscheint: So fiel auf dem „Radar des Marinefliegergeschwarders im östl. Bereich Militärflughafen Nordholz“ an der niedersächsischen Nordseeküste am 26. Januar eine Drohne in zehn bis 15 Metern Höhe auf. Ein Drohnenpilot konnte zwar festgestellt werden. Allerdings handelte es sich um den Mitarbeiter einer Firma für Baumpflegearbeiten, der keine Fluggenehmigung hatte. Die Drohne wurde sichergestellt.
Viele Fehlalarme
Am 18. Februar wiederum konnte die Polizei im niedersächsischen Wilhelmshaven eine Person in einem Park ausfindig machen. Sie hatte offenbar eine Drohne über dem nahegelegenen Marinestützpunkt fliegen gelassen. Laut Staatsanwaltschaft gab der Pilot allerdings später „glaubhaft“ an, lediglich die „Nordseepassage“ gefilmt zu haben – vermutlich, so die Staatsanwaltschaft, bleibe es bei einer Ordnungswidrigkeit. Die Drohne wurde dem Piloten zurückgegeben.
Und auch in anderen Fällen: Fehlalarm. In Hannover hatte ein Journalist verbotenerweise eine Drohne steigen lassen, als ein NATO-Manöver stattfand. Auf dem Marinestützpunkt in Rostock wurde eine abgestürzte Drohne gefunden, die wohl vom Mieter einer nahegelegenen Ferienwohnung genutzt worden war, um die Immobilie zu filmen.
Erfolglose Maßnahmen
Mehrfach kam es den Lageberichten zufolge zu besonders verdächtigen Vorfällen: Am Abend des 19. Januar beispielsweise sahen Polizisten über Kiel und am Nord-Ostsee-Kanal zwei sogenannte „Mutter-Drohnen“ und 15 „Begleit-Drohnen“ in einem rund dreistündigen Formationsflug. „Fahndungsmaßnahmen erfolglos“, heißt es im Vermerk.
Ähnliches am Truppenübungsplatz der Bundeswehr in Altengrabow in Ostdeutschland: Dort sollen am 13. Januar mehrere Drohnen rund eine Stunde lang teilweise in mehr als 200 Metern Höhe gekreist sein. Obwohl ein Drohnenabwehrtrupp der Bundeswehr vor Ort war, blieb die Abwehr erfolglos. Die Ermittlungen laufen.
Genau solche Muster und auch Schwerpunktregionen soll das neue Drohnenabwehrzentrum erkennen: Die Experten der Polizeibehörden und der Bundeswehr sammeln Meldungen, erstellen Lagebilder und koordinieren die Abwehr. Sie prüfen auch, ob fremde Mächte dahinterstecken – allen voran Russland. Zumindest für einen Teil der festgestellten Flüge ist das die Annahme in Sicherheitsbehörden.
Drohnen von Schiffen der Schattenflotte?
Der Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst gehen davon aus, dass mit Ausspähflügen möglicherweise Sabotage vorbereitet wird. Eine weitere Hypothese ist, dass manche Drohnen von Schiffen der sogenannten russischen „Schattenflotte“ starten. Mehrere Öl-Tanker wurden bereits durchsucht, auch an der deutschen Ostseeküste. Dabei wurden jedoch bislang keine Drohnen gefunden.
Die Bundespolizei ließ mehrere Fragen zum neuen Drohnenabwehrzentrum unbeantwortet. So bleibt unklar, wie viele Meldungen bislang bearbeitet wurden und wie oft Drohnen abgewehrt werden konnten. Ein Sprecher betonte, dass die „unmittelbare Gefahrenabwehr weiterhin durch die jeweils zuständigen Behörden vor Ort“ erfolge.
Damit weist er auf eine grundsätzliche Beschränkung des neuen Zentrums hin: Wird eine Drohne gesichtet, sind erstmal nicht die Experten der Bundespolizei, sondern örtliche Streifen zuständig für die Abwehr. Das GDAZ wirke „unterstützend, indem es lageübergreifende Erkenntnisse bündelt, fachliche Expertise bereitstellt und die Abstimmung zwischen den beteiligten Sicherheitspartnern fördert“.
„Operativ eine Nullnummer“?
Aus einem westdeutschen Bundesland kommt daher Kritik: Man verstehe Sinn und Zweck des Zentrums bislang nicht. „Operativ“ sei es „eine Nullnummer“. Eigene Überlegungen, alle Streifenwagen mit einer Anti-Drohnen-Ausstattung auszurüsten, habe man wegen der Kosten aber auch schnell wieder verworfen. Wenn man ehrlich sei, wisse man schlichtweg nicht, wie man der Drohnen Herr werden solle.
Neben dem Föderalismus gibt es mit dem Trennungsgebot offenbar noch eine zweite – strukturelle – Herausforderung: Die Vorschrift untersagt eine enge Kooperation zwischen Polizei und Nachrichtendiensten. Einschränkend wirke sich zudem aus, dass einige brisante Informationen von ausländischen Partnerdiensten stammten und daher nicht ohne Weiteres mit anderen deutschen Behörden geteilt werden könnten.
BND und Verfassungsschutz nicht vertreten
So habe der Bundesnachrichtendienst (BND) zuletzt Hinweise zur „Schattenflotte“ aus diesem Grund nicht an die Bundespolizei weitergeben dürfen, heißt es in Sicherheitskreisen. Sowohl der BND als auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sind zudem nicht im Drohnenabwehrzentrum vertreten.
Und manchmal, wenn die Situation auf den ersten Blick eindeutig zu sein scheint, läuft es dann doch anders – so wie vor ein paar Tagen. Nachdem in Aachen über einem NATO-Tanklager eine Drohne gesichtet worden war, fanden Polizisten tatsächlich auf einem Feld den Piloten: einen Deutschrussen in Tarnkleidung, mit Schreckschusswaffe. Er sei nur übers Feld geflogen, soll er gesagt haben. Ob man ihm jetzt Spionage vorwerfe? Die Prüfung der Polizei ergab: keine Spionage. Wieder einmal.
Source: tagesschau.de