Gleich dreimal ging der Deutsche Buchpreis bisher an Romane, die vom Ende der DDR erzählen: 2008 an Uwe Tellkamps „Der Turm“, 2011 an Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ und 2014 an Lutz Seilers „Kruso“. Als das literarische Thema seinen ersten Riesenerfolg verzeichnete, 1995 mit Thomas Brussigs „Helden wie wir“, gab es den Deutschen Buchpreis noch nicht. Und seit zwölf Jahren gab es ihn nicht mehr für einen Wenderoman, obwohl Jenny Erpenbeck für den ihren, „Kairos“, mit dem Internationalen Booker-Preis ausgezeichnet wurde. Zuletzt ging im Vorjahr mit Annett Gröschners „Schwebende Lasten“ ein grandioses Buch leer aus, aber die Auflagen sprechen für sich: Derzeit ist Gröschners Roman in der achten.
Nun erscheint bei dtv „Sanditz“ von Lukas Rietzschel. Eine Besonderheit bei diesem Roman ist, dass sein 1994 geborener Autor anders als die zuvor genannten – und man muss da auch noch Monika Maron nennen, Erich Loest, Regina Scheer oder Ingo Schulze – die DDR selbst nicht mehr aus eigener Anschauung kennt. Das hat er mit Charlotte Gneuß (Jahrgang 1992) und Anne Rabe (Jahrgang 1986) gemein, deren DDR-Romane „Gittersee“ und „Die Möglichkeit von Glück“ vor drei Jahren für Aufsehen gesorgt haben. Und für einige Unruhe bei den älteren Kollegen, die erkennen mussten, dass unmittelbare Erfahrung durchaus durch literarische Phantasie auf der Grundlage intensiver Gespräche und Recherchen ersetzt werden kann. Immer noch aber ist es so, dass alle bedeutenden DDR-Romane, egal ob über Vorwende-, Wende- oder Nachwendezeit, von ostdeutschen Verfassern geschrieben wurden. Lebensweltliche Prägung spielt also doch eine entscheidende Rolle.
Geisterrückkehr in der längsten Nacht des Jahres
Rietzschels Heimat ist die Oberlausitz, er wurde in Räckelwitz geboren, wuchs in Kamenz auf und lebt heute in Görlitz. Der Titel seines Romans verdankt sich dessen (fiktivem) Schauplatz in der Oberlausitz, und das Vorsatzpapier bietet eine Überblickszeichnung des Autors zum Ort des Geschehens – bewährtes Mittel auch schon in „Der Turm“ oder „Kruso“. Sanditz ist eine kleine Gemeinde am Rand des Braunkohletageabbaus, der zu DDR-Zeiten mit ihrer Umgebung zugleich das Herz weggebaggert worden ist. Dabei haben auch die Wenzels ihren alten Grundbesitz eingebüßt; als Kompensation bekamen sie zu Ostzeiten zwei von vier Bungalowneubauten zugewiesen, und um sicher zu sein, dass die stark ins religiöse Leben eingebundene Familie auch unter Kontrolle bleibt, zog als Nachbar ein NVA-Offizier ein.
Aber all das wissen wir noch nicht, wenn das Buch losgeht, und wie es losgeht, ist bemerkenswert: Wir sind kurz vor Weihnachten im Jahr 2021, und Geister kehren in der längsten Nacht des Jahres zurück. Rietzschel bedient sich dabei des Personals aus Otfried Preußlers „Krabat“, dem zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs in der Lausitz angesiedelten Jugendbuchklassiker, und dieser Ausflug ins Übersinnliche – auch das eine interessante Parallele zu Tellkamps mythensatter Phantastik im „Turm“-Stoff und Seilers geistergleich sprechender Fuchs-Figur aus „Kruso“ – setzt für das Publikum von Beginn an ein doppeltes Warnzeichen: nicht alles für bare (vulgo: realistische) Münze zu nehmen, was da kommt, und dass die Vergangenheit nie abgeschlossen ist. Wir befinden uns im Roman mehr als dreißig Jahre nach der Wende von 1989, doch das Leben in Sanditz ist immer noch vom Einschnitt jener Zeit geprägt.
Figurenensembles als literarisches Äquivalent zum kollektiven Umsturz
Bis wir aber wirklich ins Jahr 1989 kommen, werden zwei Drittel der fast fünfhundertseitigen Romanlektüre absolviert sein, und es sind dann auch nur zwanzig Seiten, die dem Epochenbruch gelten. Aber die haben es in sich. Marion Moschnick (geborene Wenzel) und ihr im ortsansässigen Glaswerk tätiger Mann Roland gehen daran, zusammen mit anderen Oppositionellen nach dem 9. November das Verbrennen der lokalen Stasi-Unterlagen zu verhindern. Wir kennen eine ähnliche Szene aus Uwe Tellkamps 2022 erschienenem Roman „Der Schlaf in den Uhren“, der Fortsetzung seines Buchpreisgewinnerbuchs „Der Turm“ – es ist dort die beste Passage, weil sie Assoziationen an bekannte Bilder wachruft und doch eine Sprache dafür findet, die uns den Aberwitz der Situation klarmacht, sowohl der realen wie der literarischen: die Beschreibung einer Dokumentenvernichtung in einem gedruckten Buch, das dadurch das Verbrannte wiederbelebt. Rietzschel überschreibt seine drei aufeinanderfolgenden Kapitel über den November 1989 denn auch jeweils mit „Der Rauch“ (I bis III). Das ist die einzige derart ausgewiesene erzählerische Kontinuität in einem Roman, dessen Perspektiven von Kapitel zu Kapitel wechseln.
Das Ensemble als Spiegelbild des kollektiven Umsturzes von 1989 und gleichzeitig als Herausforderung des individuellen Muts zum Widerstand ist ein Charakteristikum der Wendeerzählungen, bei Tellkamp genauso wie bei Ruge, und wenn Seiler es in „Kruso“ mit dessen zentraler Bezugsfigur Edgar Bendler 2014 noch bedingt anders gemacht hatte (wenn auch im Kontext eines Kollektivs von Regimeverweigerern im Refugium der Insel Hiddensee), fand er mit dem Nachwenderoman „Stern 111“ wieder zur naheliegenden Multiperspektivität zurück, der auch Erpenbeck in „Kairos“ mit dessen Dokumentenfiktion Rechnung trägt. Erst Gröschner hat mit der Blumenverkäuferin und späteren Kranführerin Hanna Krause ganz konsequent eine Einzelperson in den Mittelpunkt ihres Romans gestellt, die niemand sonst neben sich gelten lässt.
In der Pandemiezeit spiegelt sich die frühere DDR
Lukas Rietzschels „Sanditz“ reiht sich nun wieder ein ins Kontinuum der als Kollektiverzählung konzipierten Wenderomane, doch das Buch hat Neuerungen zu bieten. Zunächst die, dass es erst nach hundert Seiten erstmals in die DDR zurückgeht. Bis dahin lernen wir die Wenzels und deren Umgebung im Jahr 2021 kennen und die Beschädigungen dieser Familie, bestehend aus der verwitweten Großmutter Erika, ihrer lebenstüchtigen Tochter Marion und deren passiv in seiner Privatwelt lebendem Bruder Dirk sowie aus Marions und Rolands 1983 geborenen Zwillingskindern Tom und Maria. Mit diesen sechs zentralen Protagonisten werden wir eingeführt ins stete Wechselspiel zwischen Isolation und Integration, das die Romanhandlung bestimmt: Es ist die Zeit der Corona-Pandemie, und Tom wird wegen seiner Impfskepsis vom Rest der Familie geächtet; das gemeinsame Weihnachtsfest wird ohne ihn stattfinden.
Das erzählerische Geschick von Rietzschel besteht darin, ein allen Lesern noch ganz präsentes Dilemma (die pandemiebedingte Reduzierung des gesamten öffentlichen Lebens aufs Private) als Folie für das (im Roman dann erst später erzählte) Erlebnis der DDR zu nutzen. So verliert auch für ein westdeutsches Publikum der Handlungsort Sanditz alles Exotische, und trotzdem erfolgt die psychologische Ausgestaltung des Romanpersonals vor dem konkreten zeitgeschichtlichen Hintergrund der Diktaturerfahrung. Sie wird eine Motivation für Tom sein, sich zwei Monate nach dem allein verbrachten Weihnachtsfest unter dem Eindruck des russischen Überfalls auf die Ukraine an den dortigen Kriegsschauplatz zu begeben, wo er eine Anbindung erfährt, die ihm in Deutschland nicht mehr zuteilwird. „Sanditz“ ist damit auch eines der ersten Beispiele der Beschäftigung deutschsprachiger Literatur mit dem einerseits mentalitätsprägenden, andererseits die deutsche Gesellschaft entzweienden militärischen Konflikt, der unsere Gegenwart prägt.
Ein Fliesenwandbild als Abbild der Romankonstruktion
Zugleich ist dieser grundpolitische Roman auch ein höchst intimer – vor allem in der homosexuellen Sehnsucht von Roland für einen unkonventionellen Mann (Rietzschels Kruso-Figur heißt Achim), den er in den Achtzigerjahren als Konkurrenten kennengelernt hatte, als sich beide des Fliesenwandbilds in einem verlassenen Fleischereigeschäft bemächtigen wollten. Nach der Wende verschwand Achim, und die Umstände des Wiedersehens im Jahr 2022 sind das erzählerische Meisterstück von Rietzschel. Zumal da schließlich auch noch einmal das Wandbild zur Sprache kommt, das sich als Metapher für den ganzen Roman erweist: „Im Bücherregal, zwischen Bänden von Biermann und Fuchs, entdeckte Roland einer jener blau-weißen Fliesen aus der Fleischerei im alten Dorf. Die Wand beim Eingang, gleich neben der Tür – er sah es vor sich, dieses überwältigende, wunderschöne Bild mit der bäuerlichen Szenerie. Er blieb in der Wohnung und hängte die Fliese über das Sofa wie einen kleinen Teil eines großen Mosaiks.“ Nach dieser Passage folgt im Roman nur noch ein einziger Satz.
Das Fliesenbild steht also als Summa am Schluss, und doch ist es aufgesplittet wie die gesamte Romankonstruktion, deren individuelle Blickwinkel genau jenes Mosaikgefühl erzeugen, von dem da die Rede ist. Es entsteht, gerade weil das aus den Romanbruchstücken resultierende Bild kein homogenes ist – das Schlusskapitel von „Sanditz“ etwa ist 2001 angesiedelt, nachdem zuvor alles wieder in die anfängliche erzählerische Gegenwart zurückgeführt worden war. Doch einmal mehr wird dadurch die Bedeutung der Vergangenheit für unser Leben klar. Sie hat das letzte Wort.
Vom Pathos des Individualismus
Rietzschels Roman hat indes noch einen anderen Treiber, und das sind die Behauptungsbemühungen seiner Figuren gegen das in der DDR beschworene (und eben auch im wiedervereinigten Deutschland, etwa zu Pandemiezeiten, noch eingeforderte) große Ganze. Es gibt etwas noch Größeres für diese kleinen Leute, die auch aus einem Fallada- oder Loest-Roman stammen könnten. Es ist an Roland, es festzustellen: „Das Allergrößte war gerade dabei, von ihm entdeckt zu werden: das Etwas, das alles zusammenhielt, das ihn denken und sehen und fühlen und somit die ganze Welt erst entstehen ließ. Es überdauerte Staaten, Kriege und Atommüll, das Meer und die Sonne. Es schützte ihn vor den gleichmachenden Ideologien der Geschichte, ob sie nun faschistisch oder sozialistisch waren. Es löste ihn aus der Macht, die Herrscher über Gruppen hatten, Kollektive. Es begründete den Weg in eine strahlende Zukunft ohne Angst. Dieses Etwas war sein Ich.“
Hier ist ein Pathos des Individualismus ausgedrückt, das wie das zerlegte Fliesenbild aus der Fleischerei zwar kein Ganzes mehr ermöglicht, aber in dessen Einzelelementen – der selbstbewusst gewordene junge Mann, die gerettete Fliese – noch darüber hinausgeht insofern, als ein menschliches Maß bewahrt wird. Und dennoch gibt es auch an markanter Stelle im Roman, nämlich an dessen spätestem Handlungstag, eine Beschwörung des Faktums, dass wir als Menschen aus anderen Menschen zusammengesetzt sind.
Die Mutter der Wenderomane, „Helden wie wir“ von Thomas Brussig, wählte dafür das Mittel des Burlesken, und wer heute etwas Ähnliches sucht, und zwar einmal aus Westperspektive, dem sei ein schmaler Roman von Yannick Labbé aus dem Vorjahr empfohlen: „Herabsehen auf die DDR“. Lukas Rietzschels „Sanditz“ jedoch ist tiefernst, weil er zukunftszugewandt ist. Und heroisch. Allerdings nicht siegesgewiss.
Lukas Rietzschel: „Sanditz“. Roman. Dtv, München 2026. 480 S., geb., 26,– €.
Source: faz.net