Neuer Film gut den Kreml: Basierend gen einer halbwahren Geschichte

In der kommenden Woche läuft in deutschen Kinos „Der Magier im Kreml“ an. Seine zentralen Figuren sind Wladimir Putin und ein an seinen einstigen Berater und Chefideologen Wladislaw Surkow angelehnter fiktiver Held namens Wadim Baranow. Der Film ist eine paneuropäische Koproduktion: gedreht von dem französischen Regisseur Olivier Assayas nach dem gleichnamigen Roman des italienisch-schweizerischen Politikberaters Giuliano da Empoli auf Englisch in Lettland. Der baltische Staat war darüber alles andere als glücklich, die zuständige Agentur LIAA verweigerte dem Film den üblichen Förderzuschuss.

Die ukrainische Journalistin Anna Koriagina zitiert in „Le Monde“ die Begründung der Absage: „Obwohl das Drehbuch keine expliziten Propagandaelemente enthält, wird Wladimir Putin als ‚Zar‘ bezeichnet und eher als Opfer des Systems dargestellt denn als dessen Hauptarchitekt. Baranow erscheint als hervorragender Kommunikator, sympathisch und intelligent. Der Film könnte somit eher als wirksames Instrument russischer Propaganda dienen denn als Kunstwerk. Angesichts des aktuellen geopolitischen Kontexts bleibt die Botschaft des Films ambivalent.“

Vermutlich ging es den Machern des „Magiers im Kreml“ aber gar nicht darum, das Putin-Regime bewusst zu beschönigen. Der Film wirkt eher wie ein Kondensat der westlichen Russlandberichterstattung vor Beginn der Vollinvasion in die Ukraine: insgesamt kritisch und reich an unappetitlichen Details, zugleich durchzogen von für das Regime nützlichen Mythen und Stereotypen. Im Film ist es unter anderem die vermeintliche Erniedrigung Russlands durch den Westen, der das Riesenreich nicht wie ein Alphatier unter den Staaten behandeln wollte.

Solche kritische Affirmation (das Regime kritisieren, zugleich seine Kernlügen bestätigen) war in Russland noch ausgeprägter. Selbst unabhängige Medien, als es sie noch gab, stärkten oft kremlkonforme Narrative, indem sie etwa die Ineffizienz der Regierung anprangerten, ohne deren Motive und Ziele zu hinterfragen. Kaum jemand schien sich an der Idee zu stören, die russische kulturelle und wirtschaftliche Hegemonie im „nahen Ausland“ und im ehemaligen „Einflussbereich“ der UdSSR wiederherzustellen oder die Streitkräfte und die Rüstungsindustrie zu modernisieren; viel zu bemängeln gab es vor allem an der Umsetzung.

Die faschistoiden Tendenzen des Regimes wurden ignoriert

Die politische Opposition, in der von Mitte der Zweitausenderjahre an Alexej Nawalnyj und andere „gemäßigte“ Nationalisten, die sich damals „Nationaldemokraten“ nannten, eine immer größere Rolle spielten, konzentrierte sich zunehmend auf Korruption und Wahlbetrug. Sie brandmarkte die Machthaber als Diebe, denen es nur um Selbstbereicherung und Machterhalt gehe. Menschenrechtsverletzungen betrachtete sie vor allem unter diesem Blickwinkel und ignorierte weitgehend die wachsende Aggressivität des Regimes und seine faschistoiden Tendenzen.

Er könnte ohne Weiteres als einer seiner Doppelgänger durchgehen: Jude Law als PutinCarole Bethuel

Es galt als Axiom, dass das Regime großen Wert auf Stabilität lege und nichts unternehmen werde, was sie gefährdet. Diese Sichtweise hat auch die Expertise im Westen beeinflusst. Entsprechend groß war die Überraschung, als Russland 2014 die Ukraine überfiel und die Krim annektierte, und erneut im Februar 2022, als es einen umfassenden Krieg begann.

Der dem Film zugrunde liegende Roman wurde im Januar 2021 beim Verlag eingereicht, erschien aber wegen der Covid-Pandemie erst im April 2022 (auf Deutsch im Verlag C.H. Beck) und wurde schon damals als zu russlandfreundlich kritisiert. Sein Autor, Giuliano da Empoli, spricht kein Russisch und hat Berichten zufolge das Land nur viermal besucht. Der Schriftsteller Emmanuel Carrère, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, gilt dagegen als Russlandkenner.

Putin scheint nur ein blasser Funktionär zu sein, ohne Ambitionen

Im Film wird Putins Aufstieg so erzählt: Präsident Jelzin ist extrem unpopulär und zunehmend unberechenbar, deshalb sucht sein Umfeld nach einem Nachfolger, mit dem die nächste Wahl gewonnen werden kann. Der übermächtige Oligarch Boris Beresowski bringt den relativ jungen und unbekannten Chef des Geheimdienstes FSB ins Spiel, einen Karriere-Geheimdienstler, der sich zunächst sträubt, die höchsten Ämter zu übernehmen.

Die übereinstimmenden Berichte mehrerer Beteiligter zeichnen ein anderes Bild. Jelzins Umfeld, in Russland damals „die Familie“ genannt, ging es vor allem darum, einen gefügigen Nachfolger zu finden, der es vor Strafverfolgung schützt und garantiert, dass die hochumstrittene Privatisierung staatlicher Aktiva nicht rückgängig gemacht wird. In Putin glaubte man so jemanden gefunden zu haben: einen blassen Funktionär ohne eigenes politisches Kapital und ohne erkennbare eigene Interessen.

Als Gast in Baranows Datscha: Jeffrey Wright  als amerikanischer Journalist RowlandCarole Bethuel

Putins Karriere im Geheimdienst war eher unspektakulär. Trotzdem wurde er zu einer Art russischem Superagenten stilisiert: körperlich fit, patriotisch, entscheidungsfreudig. Die westliche Berichterstattung griff diesen Mythos auf, oft mit ironischer Distanz. 2008 schrieb Masha Gessen in „Vanity Fair“ in einem der damals umfangreichsten Porträts Putins, er inszeniere sich wie ein russischer James Bond und fahre sogar in einem Sondermodell von Audi, Kennzeichen „007“.

Tatsächlich nutzte Putin zu dieser Zeit einen Mercedes S 600 Pullman mit unauffälligen Kennzeichen. Erstaunlicherweise ist „Der Magier im Kreml“ weitgehend frei von solchen Patzern, die in Filmen über Russland fast schon dazugehören und sofort auffallen. Autokennzeichen, Uniformen und andere visuelle Details sind ungewöhnlich korrekt. Nur einmal wird ein Panorama von Moskau Ende der 1980er-Jahre mit Wolkenkratzern gezeigt, die erst in den 2010er-Jahren gebaut wurden. Der britische Kinostar Jude Law, der Putin spielt, könnte ohne Weiteres als einer seiner Doppelgänger durchgehen, von denen es angeblich mehrere gibt.

Was den Film auszeichnet, sind weniger die treffenden Darstellungen als das, was fehlt. Es ist dieses Fehlen, das den Film, vielleicht gerade wegen seiner visuellen Plausibilität, in die Nähe von Propaganda rückt. Keine Rolle spielt etwa Putins tiefe, bis in seine frühe Jugend zurückreichende Verwurzelung in der organisierten Kriminalität. Inzwischen gibt es mehrere Arbeiten, die diese Verbindungen detailliert beschreiben und zeigen, dass sie Putins Biographie und sein Weltbild mindestens ebenso stark geformt haben wie sein Dienst im KGB. Ausgeblendet bleiben seine Obsessionen mit der protofaschistischen russischen Geschichtsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, mit der Unsterblichkeit und mit Verjüngungstechnologien, die seine Reden und sein Handeln spätestens seit seiner Rückkehr ins Amt 2012 maßgeblich bestimmen, ebenso wie seine von Aberglauben und vulgärem Mystizismus geprägte Religiosität, seine Paranoia und der obszöne Luxus, in dem er lebt. So funktioniert die kritische Affirmation im Film: Putin erscheint als rationaler Machtpolitiker, wie ihn auch der Kreml gern präsentiert, nur äußerst brutal und gerade dadurch besonders effizient.

Der eigentliche Protagonist des Films ist allerdings nicht Putin, sondern sein von Paul Dano verkörperter Berater Wadim Baranow, eine stark aufgehübschte Version des realen Mitgestalters der russischen Diktatur, Wladislaw Surkow. Die Rahmenhandlung bilden Gespräche mit dem ebenfalls fiktiven amerikanischen Journalisten Rowland (Jeffrey Wright), den Baranow auf seine Datscha einlädt, um sich mit ihm über den Schriftsteller Jewgeni Samjatin zu unterhalten, dessen dystopischer Roman von 1920, „Wir“, als eine der großen Inspirationsquellen des Genres gilt.

Alle Obrigkeit ist von Gott

So möchte Surkow gesehen werden: als feiner Intellektueller, gesegnet mit der großen Gabe der Selbstreflexion. Im Jahr 2009 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Natan Dubowizki den Roman „Nahe Null“, einen Text voller Zitate und Anspielungen auf große Werke der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Sein Held, ein Politikberater, nutzt sie, um alle davon zu überzeugen, dass es keinen anderen Weg gibt, als mit der Macht zu kooperieren. Wer sich dem verweigere, stelle sich gegen das Leben selbst.

Das war eine sehr russische Situation: Alle wussten, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg, durften es aber nicht öffentlich sagen; die Autorschaft wurde nie formell bestätigt. Die Literaturkritikerin Anna Narinskaya, damals bei der russischen Tageszeitung „Kommersant“ tätig, erklärte gegenüber der F.A.S., sie habe „Nahe Null“ so besprechen müssen, als wüsste sie nicht, wer es geschrieben hat. Alles, was uns der literaturbegeisterte Autor mitteilen möchte, so lautete ihr Fazit, lasse sich so zusammenfassen: Nichts Menschliches ist uns fremd, und alle Obrigkeit ist von Gott.

Paul Dano als Berater Wadim BaranowCarole Bethuel

So ist es auch mit diesem Film: Es ist unmöglich, ihn nicht ständig an der Realität zu prüfen. Schwer vorstellbar ist, wie er auf ein Publikum ohne vertieftes Russlandwissen wirkt, ob es die teils nur kurz auftauchenden, aber sehr präzise gezeichneten Figuren der russischen Gegenwart erkennt und zwischen Fiktion und Fakten unterscheiden kann. Bei der Pressevorführung in Berlin fiel auf, dass Zuschauer aus dem Russlandfach und jene aus dem Filmfach oft an unterschiedlichen Stellen lachten.

„Der Magier im Kreml“ zeigt Baranow als einen hingebungsvollen Profi, der seine Arbeit nur besonders gut macht. Dafür muss er sogar Nachteile in Kauf nehmen, etwa die Sanktionen, die ihm Reisen in den Westen unmöglich machen, von dem er dann auch einen rührenden Abschied nimmt. Irgendwann wird ihm seine Arbeit zu viel, und er zieht sich freiwillig aus dem politischen Geschäft ins Private zurück – und wird dafür sogar bestraft.

„Kulturpolitik“ bedeutet gewaltsame Russifizierung

Der echte Surkow wurde entlassen. Sein Abstieg begann 2012 nach den Massenprotesten gegen Wahlfälschungen und Putins Rückkehr ins Präsidentenamt. Im Film kommen sie überhaupt nicht vor; dort findet Politik in Hinterzimmern und in den Medien statt, Putins Macht wird nur weiter gefestigt. Als Vizepremierminister verantwortete Surkow die Innenpolitik. Seine Hauptaufgabe war, eine „Farbrevolution“ wie zuvor in der Ukraine oder in Georgien zu verhindern; die Lösung sah er darin, alle aktiven gesellschaftlichen Gruppen an die Macht zu binden: unzufriedene Jugend und Unternehmer, Nationalisten und Revoluzzer, Biker, aufstrebende Mittelschichten und Kulturschaffende. Putin deutete die sichtbare Beteiligung der „kreativen Klasse“ und der Mittelschicht an den Protesten als Ausdruck ihrer Undankbarkeit und als Surkows Versagen.

2013 verlor Surkow seinen Regierungsposten und wurde Putins Berater, beauftragt damit, die Ukraine zu destabilisieren und als Teil der „russischen Welt“ an Russland zu binden. Das ging bekanntlich auch nicht wie geplant. Jetzt, erzählt Anna Narinskaya im Gespräch, ist er Gerüchten zufolge für die „Kulturpolitik in den neuen Regionen“ zuständig, anderswo bekannt als gewaltsame Russifizierung der besetzten Gebiete der Ukraine. Egal, ob das stimmt oder nicht, sagt sie, das zeigt vor allem, was man in russischen Kulturkreisen von ihm hält.

Der Eindruck, den „Der Magier im Kreml“ vermittelt, ist dagegen ein Kompliment. Ob das den Film bereits zu einem Propagandawerk macht, ist eine berechtigte Frage. In jedem Fall ist er ein lehrbuchtaugliches Beispiel kritischer Affirmation, einer der subtilsten und effizientesten Techniken, mit denen sich heute öffentliche Meinung beeinflussen lässt.

Von Donnerstag an im Kino

Source: faz.net