Frankreich hat wieder einen energiepolitischen Fahrplan. Nach langen Diskussionen veröffentlichte die Regierung am Donnerstag neue Ziele für Erzeugung und Verbrauch für den Zeitraum bis zum Jahr 2035. Das Dekret für diese mehrjährige Energieplanung (Programmations pluriannuelles de l’énergie, PPE) soll an diesem Freitag im Amtsblatt veröffentlicht werden und insbesondere für Investoren Klarheit schaffen. Wegen der latenten politischen Instabilität in Frankreich sind in jüngster Zeit viele Projekte pausiert worden. Einige Investoren habe auch ganz ihre Aktivitäten eingestampft, etwa RWE im Geschäft mit Offshore-Windkraft.
Wichtigste Säule auf dem Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2050 bleibt dem neuen Fahrplan zufolge die Kernenergie. Sah die letzte, im April 2020 verabschiedete PPE noch die Abschaltung von mehr als einem Dutzend Reaktoren vor, bekräftigt die neue Energieplanung die von Präsident Emmanuel Macron seither ausgerufene Atomrenaissance. Nicht nur soll die Laufzeit der bestehenden 57 Reaktoren auf 50 bis 60 Jahre verlängert werden. Auch sollen sechs neue Reaktoren gebaut werden mit der Option auf weitere acht. Zudem will die Regierung die Entwicklung neuer modularer Minireaktoren fördern.
Der Anteil der Kernenergie am französischen Strommix bleibt im europäischen Vergleich sehr hoch. Derzeit beträgt er rund 70 Prozent. Im Einklang mit den Zielen des staatlichen Kraftwerksbetreibers Électricité de France (EdF) sollen die 57 Reaktoren in den Jahren 2030 bis 2035 zwischen 380 und 420 Terawattstunden Strom produzieren. Zum Vergleich: Für dieses Jahr schätzte EdF die Produktion zuletzt auf 350 bis 370 Terawattstunden. EdF-Chef Bernard Fontana begrüßte die neuen Ziele. So könne man den Franzosen heute und in Zukunft „wettbewerbsfähigen, souveränen und kohlenstoffarmen Strom“ liefern.
Erneuerbare sollen größeren Anteil am Strommix haben
Trotz dieses starken Bekenntnisses zur Kernenergie ist die PPE gleichwohl ein Eingeständnis, dass die Atomrenaissance keine Antwort ist auf die mittelfristig stark wachsende Stromerzeugung aus dekarbonisierten Quellen, die sich die Regierung ebenfalls zum Ziel gesetzt hat – schon bis 2030 soll sie um knapp ein Drittel steigen, auf 585 Terawattstunden. Denn auch 2035 spricht sie unverändert von 57 Reaktoren. Von Macrons ursprünglichem Ziel, schon ab 2035 neue Reaktoren in Betrieb zu nehmen, musste die Regierung in Paris abrücken. Wie so oft bei staatlichen Großprojekten verzögerte sich die Planung. Frühestens 2037 soll am Standort Penly in der Normandie nun der erste neue Reaktor in Betrieb gehen können.
Vielmehr sind es erneuerbare Quellen, die einen wachsenden Anteil am Strommix haben sollen. So soll die installierte Leistung an Solaranlagen von aktuell rund 30 auf 48 Gigawatt im Jahr 2030 und 55 bis 80 Gigawatt im Jahr 2035 steigen. Bei der Windkraft an Land soll es in diesem Zeitraum von aktuell rund 26 auf 31 Gigawatt im Jahr 2030 und 35 bis 40 Gigawatt im Jahr 2035 raufgehen. Bei der bislang kaum existenten Offshore-Windkraft lauten die Ziele 3,6 Gigawatt im Jahr 2030 und 15 Gigawatt im Jahr 2030. Dieser Ausbau von Wind- und Sonnenenergie soll es ermöglichen, schon in wenigen Jahren deutlich mehr Strom aus dekarbonisierten Quellen zu produzieren – und so die Elektrifizierung von Verkehr, Industrie und Heizsystemen zu forcieren, vom großem Strombedarf von Rechenzentren ganz zu schweigen.
Im Vergleich zu den bisherigen Plänen stellen diese Ausbauziele für die Wind- und Sonnenenergie jedoch eine Kürzung dar. So strebte die französische Regierung bislang eine Leistung an Solaranlagen von 75 bis 100 Gigawatt im Jahr 2035 an. Bei der Windkraft an Land sollten es dann 45 Gigawatt sein. Der Ausbau der Erneuerbaren wird damit nicht abgewürgt, wie es in der Energiewirtschaft befürchtet worden war. Ein Moratorium für Wind- und Sonnenenergie, wie es nach einer gemeinsamen Abstimmung von rechtsbürgerlichen Republikanern und Rechtspopulisten in der Nationalversammlung gedroht hatte, ist vom Tisch. Wohl wird der Ausbau aber deutlich verlangsamt, viele Projekte können nicht so realisiert werden, wie Investoren sich das erhofft hatten.
Für die Erneuerbaren-Bremse gibt es mehrere Gründe. Bei der Windkraft ist es der erbitterte Widerstand aus der Bevölkerung, der insbesondere vom rechtspopulistischen Rassemblement National befeuert wird. Bei der Photovoltaik ist es die schon jetzt zu beobachtende Häufung von negativen Börsenstrompreisen an sonnigen Tagen, die ihre Ursache in dem temporären Angebotsüberschuss hat. Doch auch der stagnierende Stromverbrauch spielt eine Rolle. Wie in Deutschland führte die schwache Industrieproduktion auch in Frankreich dazu, dass sich vorherige Erwartungen einer rasant steigenden Nachfrage nach Elektrizität als übertrieben herausgestellt haben. Am Spotmarkt kostet die Megawattstunde in Frankreich aktuell nur rund 50 Euro, so günstig war Strom seit Jahren nicht.