In der Nacht auf Donnerstag hat Russland die Gebiete Kriwyj Rih, Charkiw und Odessa wieder mit Drohnen angegriffen. Am Mittwoch wurde im Gebiet Mykolajiw ein Personenzug von einer russischen Drohne getroffen, von verschiedenen Abschnitten der Front berichten ukrainische Medien seit Tagen über Vorbereitungen der russischen Armee für eine Frühjahrsoffensive. Während der Irankrieg die Schlagzeilen beherrscht, geht Russlands Krieg gegen die Ukraine also mit unverminderter Härte weiter.
Für Kiew ist es angesichts ihrer Abhängigkeit von ausländischer Unterstützung ein Problem, wenn sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und der westlichen Politiker von ihr abwendet. Aber der Krieg gegen Iran hat noch viel konkretere Auswirkungen auf die Ukraine.
Keine weitere Verhandlungsrunde im Nahen Osten
Die eigentlich für diese Woche in Abu Dhabi angekündigte nächste Runde der amerikanisch-ukrainisch-russischen Gespräche findet nicht statt. Angesichts der „Lage in der Region“ könne davon derzeit nicht die Rede sein, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow. Allerdings dürfte der Ort nicht der einzige Grund dafür sein, dass die Verhandlungen auf unbestimmte Zeit verschoben wurden. Kurz vor dem amerikanischen Angriff auf Iran hatte Moskau laut Meldungen der amerikanischen Nachrichtenagentur Bloomberg mit einem Rückzug aus den Verhandlungen gedroht, falls die Ukraine sich weiterhin weigere, sich aus den von ihr gehaltenen Gebieten des Donbass zurückzuziehen.
Die Ukraine hingegen betont ihre Bereitschaft, die Gespräche jederzeit weiterzuführen. Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj sind die ukrainischen Unterhändler in ständigem Kontakt mit der amerikanischen Seite, doch seien wegen des Irankriegs die „nötigen Signale“ für das nächste Dreiertreffen noch nicht gekommen. „Aber sobald die Sicherheitslage und der breitere politische Kontext es uns erlauben, die diplomatische Arbeit wieder aufzunehmen, wird das geschehen“, sagte er in seiner täglichen Videoansprache am Mittwoch. In einem Interview mit dem italienischen Fernsehsender RAI sagte er zudem, die Ukraine habe mit den Amerikanern über andere Orte für die Verhandlungen gesprochen.
Während die – angesichts der russischen Haltung ohnehin nicht aussichtsreichen – Dreiergespräche ruhen, bemüht sich die Ukraine um die unmittelbar von dem neuen Krieg betroffenen Staaten im Nahen Osten. In den vergangenen Tagen hat Selenskyj dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, dem Emir von Qatar, dem König von Bahrain, dem kuwaitischen Kronprinzen und dem König von Jordanien telefoniert. Dabei ging es nach Selenskyjs Darstellung auch darum, wie die Ukraine den Golfstaaten mit ihrer Erfahrung bei der Abwehr iranischer Shahed-Drohnen helfen kann. Russland setzt diese unter der Bezeichnung „Geran“ in großer Zahl für Angriffe auf ukrainische Städte ein.
Sorge um die Versorgung mit Munition
Hinter diesem Angebot steckt Kalkül – und eine große Sorge. Die Ukraine litt schon im zurückliegenden Winter darunter, dass es ihr an Munition für Flugabwehrsysteme fehlte. Das war ein Grund für die verheerenden Folgen, die die russischen Luftangriffe auf die Energieversorgung und damit direkt für die ukrainische Bevölkerung hatten. Nun fürchtet die Ukraine, dass sich vor allem der Mangel an Munition für die Patriot-Raketenabwehrsysteme noch weiter verschärfen wird: Die Vereinigten Staaten benötigen sie selbst, zudem treten die Golfstaaten in Konkurrenz zur Ukraine. Es beunruhige ihn, sagte Selenskyj in dem RAI-Interview, dass die USA nun die Lieferungen von Flugabwehrraketen in die Ukraine verringern könnten.
Selenskyj hat in dem Interview daher einen Tausch ins Gespräch gebracht. Die Golfstaaten hätten Raketen für die Patriots, aber mit diesen Raketen könne man nicht gegen Hunderte oder Tausende Shahed-Drohnen vorgehen. „Deshalb brauchen sie Abfangdrohnen, die wir haben.“ Die Ukraine sei deshalb offen „für einen Austausch an Technologien und Waffen“.
Wie viel Substanz hinter Selenskyjs Worten steckt, ist bisher nicht klar. Ihm geht es offensichtlich auch darum, die Ukraine im Gespräch zu halten und zumindest auf verbaler Ebene neue Verbündete zu gewinnen. So betont er derzeit stets, dass Iran und Russland Verbündete sind und dass die Ukraine und die Golfstaaten sich der gleichen Art von Bedrohung gegenübersähen. Laut einem Bericht der Financial Times, die sich auf Quellen in der ukrainischen Verteidigungsindustrie beruft, laufen indes schon Gespräche mit dem Pentagon und mindestens einem Golfstaat über den Erwerb ukrainischer Drohnenabwehrsysteme.
Russland profitiert durch steigende Energiepreise
Eine schlechte Nachricht für die Ukraine sind die sprunghaft gestiegenen Preise für Öl und Gas. Für den Kreml war es in den vergangenen Monaten zu einem Problem geworden, dass der Ölpreis gesunken war und dass Russland zudem durch verschärfte Sanktionen stärkere Abschläge als zuvor hinnehmen musste. Das hatte Moskaus Haushaltsschwierigkeiten, resultierend aus der Finanzierung des Kriegs gegen die Ukraine, verschärft. Auch wenn es nach Ansicht von Fachleuten eines langen Kriegs und dauerhaft hohen Ölpreises bedürfte, um Russlands finanzielle Lage deutlich zu verbessern, so ist doch alles, was dem Kreml finanzielle Erleichterung verschafft, schlecht für die Ukraine.
Source: faz.net