Die zweite Staffel startet bei Apple TV: Erschreckend aktuell ist die Krimiserie „Criminal Record“ ein düsteres Kleinod über das Wesen von Gerechtigkeit.
Der Auftakt ist düster, kompromisslos und beunruhigend real: Eine Horde Neonazis stürmt mitten in London in eine kleine Kundgebung arabischer Menschen. Weil die Polizei nicht nur machtlos ist, sondern auch kopflos, stirbt ein 15-Jähriger – ein Zufallsopfer, das eigentlich nur eine Fahrt mit dem London Eye im Sinn hatte. Mit der zweiten Staffel von „Criminal Record“, die am 22. April bei Apple TV startet, kehrt eine der am meisten unterschätzten Krimiserien der letzten Jahre zurück. Der Geheimtipp erweist sich erneut als bemerkenswert präzise und unangenehm aktuelle Bestandsaufnahme moderner Polizeiarbeit – und ihrer blinden Flecken.
Für June Lenker (Cush Jumbo) hat die unerwartete Eskalation Konsequenzen. Die schwarze Ermittlerin hatte den Polizeieinsatz geleitet, darf aber in dem Mordfall nicht ermitteln – obwohl die Fehler an anderer Stelle passiert sind. Um Zugriff auf die Ermittlungen zu haben, lässt sich Lenker auf eine erneute Zusammenarbeit mit Chefinspektor Daniel Hegarty (Peter Capaldi) ein, der ihr in der ersten Staffel schmerzhaft vor Augen geführt hatte, wie tief der strukturelle Rassismus in der Polizei verankert ist.
Ein Mörder soll helfen
Der penible Veteran und die junge Ermittlerin bilden ein spannungsgeladenes Duo, das nicht nur Fälle löst, sondern auch Haltungen verkörpert. Beide sind alles andere als makellose Gesetzeshüter: Ihre Entscheidungen werfen die zentrale Frage auf, ob der Zweck die Mittel heiligt – und ob Gesetzeshüter strengeren moralischen Maßstäben unterliegen sollten, als der Rest der Gesellschaft.
Die neuen Folgen gehen weiter konsequent dorthin, wo es wehtut. Im Zentrum steht Hegartys Versuch, eine frühere Fehleinschätzung zu korrigieren – ausgerechnet mithilfe eines entflohenen Mörders (Luther Ford), der als V-Mann in der extrem rechten Kampfgruppe von Cosmo Thompson (Dustin Demri-Burns) eingesetzt wird.
Die Spannung entsteht weniger aus der Suche nach dem Täter als aus den moralischen Verwerfungen, die dieser Plan auslöst. Die Bedrohung durch rechtsextremen Inlands-Terrorismus verleiht den neuen Folgen eine erschreckende Dringlichkeit. Dabei knüpft „Criminal Records“ an eine Grundidee der ersten Staffel an: Wahrheit ist relativ, Gerechtigkeit selten eindeutig.
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Source: stern.de