Christlicher wird’s nicht mehr: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Steht schon in der Bibel, und auf die berufen sich MAGA-Jünger*innen und rechtskonservative Trumpisten besonders gern. Im Zuge der Übergriffe der ICE-Miliz im US-amerikanischen Minnesota in diesem Winter bilden sich Nachbarschaftsverbände, die mit Pfeifen ihre Next Door Neighbors, ihre direkte Nachbarschaft, warnen, wenn ICE durch die Straßen patrouilliert. Die ihren Nachbar*innen Essen und Trinken bringen, weil die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, aus Angst, von Trumps ICE-Schergen mitgenommen zu werden.
Zum Jahreswechsel verging kein Tag ohne eine Schlagzeile aus Minnesota. Mutige Menschen, die sich gegen das paramilitärische Aufgebot stellen, ihre Nachbarn zu schützen. Unter Risiko ihres eigenen Lebens. Alex Pretti und Renée Nicole Good wurden von ICE-Agenten erschossen. Mindestens sechs weitere Menschen verloren bislang in 2026 ihr Leben durch ICE, mindestens 32 Menschen im Jahr zuvor. Diese Menschen handeln nach dem Motto „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Eigentlich geht es nicht christlicher.
Die Nächstenliebe der MAGA-Vertreter sieht anders aus
Vizepräsident JD Vance und der Trumpismus, die beide ihre christlichen Werte vor sich hertragen, legen die Nächstenliebe aber etwas anders, sozusagen frei nach Orwells Animal Farm aus: Manche sind einfach gleicher als andere. Vance sagt in einem Interview für Pod Force One im Dezember, es sei „total vernünftig und akzeptabel, dass sich amerikanische Bürger ihre Nachbar*innen anschauen und sagen: ‚Ich will neben jemandem wohnen, mit dem ich etwas gemeinsam habe. Ich will nicht neben Fremden wohnen.‘“ Mit „ich“ sind dabei, davon ist auszugehen, weiße, heteronormative, binäre Personen gemeint, idealerweise mit weißen, heteronormativen, binären Kindern. Fremd – das sind die anderen.
Allerdings straft das, was in Minnesota passiert, JD Vances Rassenideologie Lügen. Während er von oben versucht, die Gesellschaft zu spalten, finden die ganz normalen Menschen „common ground“. Adam Serwer von The Atlantic prägte dafür im Januar 2026 den Begriff „Neighborism“. Der Titel des Artikels: „Minnesota proved MAGA wrong“ – Minnesota hat MAGA widerlegt. Die Menschen in Minnesota bestehen darauf: Ihre Nachbar*innen sind ihre Nachbar*innen, völlig egal, ob sie in Minnesota oder Mogadischu geboren sind. Dahinter steht die Idee eines gemeinschaftlichen Zusammenhalts, der weit über jede religiöse Ideologie hinausreicht. Denn: Um der Idee zu folgen, braucht es kein Commitment zu irgendeinem abstrakten Gott, sondern nur zu dem Menschen direkt vor mir. Das ist radikal, weil es Zugewandtheit und Verantwortung schafft in einer hochtechnologisierten und sich entfremdeten Welt. Echte Nähe statt Swipe, echte Verantwortung statt Trolling im anonymen Raum.
Neighborism hat ein Geschlecht
Auffallend ist, dass Neighborism-Initiativen oft von Frauen* ausgehen und organisiert werden. Zum Beispiel von Mónica Rámirez. Sie hat Justice for Migrant Women gegründet und setzt sich für die Rechte von Migrantinnen ein, vor allem von denjenigen, die oft unter prekärsten Bedingungen in der US-Landwirtschaft schuften, sammelt Gelder und unterstützt Betroffene der Immigration Raids. Für sie ist klar: „In meinem Dorf haben wir schon immer verstanden, wie wichtig gute Nachbarschaft ist. Darum geht es in Gemeinschaften – füreinander da zu sein, Fürsorge zu leisten, für die Sicherheit unserer Kinder zu sorgen und dafür, dass Menschen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.“
Oder Ai-Jen Poo von Caring Across Generations: „Care ist der Kern unserer Arbeit.“ Die Initiative arbeitet mit lokalen Gruppen wie Black Californians for Early Childhood Education oder Detroit Disability Power zusammen und führt Grassroots-Kampagnen durch, setzt konkrete Projekte um und drängt auf politischen Wandel. Oder Aisha Nyandoro und Springboard Opportunities, die sich in Nachbarschaften für bezahlbaren Wohnraum und finanzielle Unterstützung für einkommensschwache Familien und POC-Mütter einsetzt.
Aber nicht nur auf der Ebene von organisiertem Aktivismus sind es vor allem Frauen*, die die Speerspitze des Widerstands gegen ein als mangelhaft erlebtes System bilden. Hinter der erst spontanen, dann organisierten Gegenwehr in den Straßen Minnesotas stehen zahllose Frauen*. Es sind vor allem lokale Mütternetzwerke und Gruppen wie Moms Against ICE, die sich in Nachbarschaftschats gegenseitig warnen, ICE-Wachen organisieren, von ICE-Razzien betroffenen Familien Windeln vorbeibringen oder mithelfen, deren Kinder zu betreuen, wenn die sich nicht in Kindergarten oder Schule trauen.
Eine 55-jährige Frau aus Minneapolis fährt Anfang Dezember 2025 zu einem ICE-Einsatz, um dort den Übergriff von ICE-Agenten live zu dokumentieren. Sie stellt Fragen wie „Sind Sie ICE?“ und wird innerhalb von Sekunden zu Boden geworfen und festgenommen. Einen Monat später wird Renée Nicole Good von ICE-Agenten in ihrem Auto mit einem Kopfschuss getötet. Sekunden zuvor sagte sie noch: „Ist schon ok, Dude, ich bin nicht wütend auf dich.“ JD Vance nennt Good eine „geistesgestörte Linksradikale“. Ihre Familie und die Menschen aus ihrer Nachbarschaft nennen sie Nachbarin, Mutter und Bürgerin.
Für MAGA sind sie geistesgestörte Frauen, die zu viel Wein trinken
Frauen* und Mütter betreiben, pflegen und nutzen die Nachbarschaftsnetzwerke, die zum Rückgrat der Proteste in Minnesota werden. Ihr Gegengewicht zu den ICE-Razzien ist so durchschlagend, dass Trump und Co. es mit der Angst zu tun bekommen. So muss schnell eine Diffamierungskampagne her und der regimetreue Sender Fox News verkündet eine Gewaltwelle von „organized gangs of wine moms“. Organisierte Mobs weinseliger Mütter würden den Widerstand mit „Antifa-Taktiken“ anzetteln. Das sei kein Protest, sondern schlicht kriminell.
Deshalb könnte frau da schon auch mal erschossen werden – siehe die „geistesgestörte linksradikale“ Dreifachmutter Good. Damit greift der rechte Flügel auf das misogyne Bild von der Wine-Mom zurück, die zu Corona-Zeiten populär wurde und Mütter beschreiben soll, die aus Überforderung durch Mutterschaft und ihrem nur angeblich stressigen Alltag zu tief ins Glas schauen. „Deluded wine moms“ ist ein Bild, das dabei praktischerweise gleich mehrere frauenfeindliche Abwertungen bedient.
Die Überforderung der Wine-Mom ist peinlich und eingebildet, weil sie eigentlich privilegiert ist, keine Probleme hat und doch froh sein soll, dass sie als Hausfrau daheimhocken darf, während ihr armer Mann hart schuftet. Die Wine-Mom ist außerdem eine schlechte Mutter, weil sie im Suff ja gar nicht gut für ihre Kinder da sein kann. Sie ist außerdem eine schlechte Ehefrau, weil sie launisch und unzufrieden ist, obwohl sie ja überhaupt keinen Grund dafür hat. Und sie ist eine schlechte Frau, weil sie sich nicht unter Kontrolle hat, wie das von Frauen erwartet wird. Und das Schlimmste: unsexy ist sie auch, weil Frauen „außer Kontrolle“ unattraktiv und gefährlich sind – erstes Gebot im Patriarchat.
Für mehr Sorge im Alltag
Die maßgeblich von Frauen*- und Mütternetzwerken getragenen Proteste in Minnesota und der Backlash der rechten Medien und Akteure macht deutlich, wie mächtig solche Solidargemeinschaften sein können. Im Zentrum dieser Bewegung steht die Sorge um den*die Andere*n und die Fürsorge für das Gegenüber, den Nachbarn, das Kind, die Familie nebenan. Was würde passieren, wenn diese Idee um sich greift? Ai-Jen Poo und Caring Across Generations schreiben sich genau das auf die Fahne: „Unsere Mission ist es, Kultur und Politik in Amerika zu verändern, sodass Care im Fokus steht.“
Das ist keine neue Idee. In den 1980er Jahren hat sich dazu sogar eine ganz eigene Ethik formiert. Feministische Care-Ethiker*innen wie Nel Noddings, Virginia Held oder Joan Tronto kritisieren, dass Care in Gesellschaften die existenziellste Grundlage für alles ist, aber unsichtbar, unbezahlt und marginalisiert ist und sogar noch konstant abgewertet wird. Ohne Care, die zum Großteil auch heute noch, Frauen* leisten, ginge gar nichts. Babys würden sterben oder gar nicht erst geboren, die Wirtschaft würde zusammenbrechen, es gebe die Gesellschaft nicht, wie wir sie gewohnt sind.
Die Care-Ethiker*innen zeigen, dass die Trennung zwischen privater-familiärer und öffentlich-politischer Sphäre Quatsch ist und nur konstruiert wurde, um bestehende Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Care ist politisch und kann nicht als Privatsache abgetan werden, weil sie von politischem Handeln direkt beeinflusst ist und überhaupt erst die Akteure zur Welt bringt und erzieht, die dann politisch handeln können. Die Care-Ethik ist der Überzeugung, dass wir alle grundsätzlich, von Anfang bis Ende unserer Leben, aufeinander bezogen sind. Und, dass es oberste Prio demokratischer Systeme sein muss, sich über die gerechte Verteilung von Care-Verantwortung Gedanken zu machen. In einer sorgelosen, neoliberal und patriarchal überformten Gesellschaft zunehmender Ungleichverteilung verfällt Demokratie – so die Warnung der Care-Ethiker*innen.
Demokratie zerfällt ohne Sorgearbeit – auch in Deutschland
Aktuell deutet gerade auch in Deutschland einiges darauf hin, dass sie mit dieser Prognose Recht behalten. Angesichts des weltweiten Rechtsrucks, der sprunghaften Zunahme von Gewalt gegen Frauen* – allein 2024 stiegen frauenfeindliche Straftaten in Deutschland um über 73 Prozent – und der immer absurder auseinanderdriftenden Schere zwischen Arm und Reich stehen alle Zeichen auf Sturm. Es muss sich was ändern. Die Politik sieht das auch so. Und spart dann genau an den Stellen, die die Lage gerade für marginalisierte Gruppen und Care-Leistende weiter verschärft.
Die Liste der sozialen Unwucht ist lang: Das Elterngeld wurde seit Einführung im Jahr 2007 nicht einmal erhöht. Alleinerziehende, mit knapp 90 Prozent fast ausschließlich Frauen*, tragen das höchste Armutsrisiko aller Familienformen in Deutschland – viermal höher als Paarfamilien. Care-Leistende werden in Deutschland rigoros benachteiligt und ein Leben lang abgestraft. Und aktuell überlegt die Gesundheitsministerin laut, die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner*innen in der gesetzlichen Krankenversicherung abzuschaffen – was wieder zum Nachteil von pflegenden und kinderbetreuenden Frauen* ginge.
Mit dieser Austeritätspolitik im Nacken wundert es kaum, dass sich zivile Alternativen und Gegenbewegungen bilden. Initiativen wie Mein Grundeinkommen, die Geld sammeln und per Los regelmäßig bedingungsloses Grundeinkommen an Mitglieder auszahlen (und deren Vorstand übrigens aus drei Frauen* besteht!) oder Sanktionsfrei von Helena Steinhaus, bei der Armutsbetroffene unterstützt werden, setzen Care-Politik ganz im Sinne von Tronto und Co. um. Der Gedanke: Wir kümmern uns gemeinsam umeinander und schaffen dadurch die Grundlage, dass sich jede*r um sich und dann auch gut um andere kümmern kann. Tronto nennt das „caring democracy“, sorgende Demokratie. Nötig haben wir sie.