Trotz medizinischen Fortschritts sind etwa 20 Prozent der Operierten mit ihrer Knieprothese unzufrieden. Das liegt offenbar an der bislang üblichen Korrektur der Beinachse. Nun beginnt ein Umdenken.
Es war jahrzehntelang medizinischer Standard: Wenn jemand ein künstliches Kniegelenk bekam, wurden Fehlstellungen des Beins gleich mitkorrigiert, so dass die Beinachse vom Becken bis zum Fuß anschließend senkrecht verlief. Es galt das Ideal des „geraden Beins“. Doch die meisten Menschen – etwa 85 Prozent – haben von Natur aus kein gerades Bein, sondern ein leichtes X- oder O-Bein.
Dass Knieprothesen seit den 1970er-Jahren gerade eingebaut wurden, hatte vor allem einen Grund: Man wollte eine möglichst lange Haltbarkeit der Prothese erreichen. „Wir hatten einfache Zemente, einfache Polyethylene, von daher ging es darum, die Lasteinleitung auf den Knochen und das Kniegelenk optimal einzuleiten“, sagt Karina Bohlen, Orthopädin und Unfallchirurgin an den Elbe Kliniken im niedersächsischen Buxtehude.
Neue Materialien, neue Möglichkeiten
Mittlerweile gibt es hochwertigere Materialien, bei denen kein Abrieb mehr droht, wenn Ober- und Unterteil der Prothese nicht gerade aufeinander stehen. Dadurch ist es heute möglich, künstliche Kniegelenke so einzusetzen, dass der individuelle Verlauf der Beinachse erhalten bleibt. Das neue Ziel: zurück zum gesunden Knie, das Patientinnen und Patienten im Alter von 20 Jahren hatten. Das heißt, in der Operation wird nur noch die Abweichung korrigiert, die durch den Verschleiß des Knorpels entstanden ist.
Möglich wird diese neue, individuelle Ausrichtung der Beinachsen durch robotergestützte Operationsverfahren, die außerdem die Spannung der Bänder berücksichtigen. Mittlerweile, sagt Karina Bohlen, könne man so auf 0,5 Millimeter und 0,5 Grad genau implantieren.
Ziel: das „vergessene Gelenk“
Bei Horst Siemers betrug die Abweichung von der geraden Beinachse elf Grad – ein hochgradiges O-Bein. Vor zweieinhalb Jahren bekam der 66-Jährigen am Oldenburger Pius-Hospital links eine Knieprothese mit der neuen OP-Technik eingebaut. Nun, bei der Ganganalyse über eine mit Sensoren ausgestattete Matte, zeigt sich: Er belastet sein operiertes Bein genauso stark wie sein nicht operiertes. Dass er links ein Kunstgelenk hat, merkt er beim Laufen gar nicht mehr. „Von der Beweglichkeit bin ich bei 95 bis 98 Prozent“, so Horst Siemers im Gesundheitsmagazin Visite.
So zufrieden wie er sind längst nicht alle Menschen, die sich wegen starker Schmerzen und hochgradiger Arthrose für einen Kniegelenksersatz entscheiden. Mehr als 170.000 Knieprothesen wurden 2024 implantiert. Von den so Versorgten klagen fünf bis 20 Prozent auch nach der OP noch über Beschwerden.
Ein aktuelles systematisches Review verschiedener Forschungsarbeiten durch das unabhängige, internationale Cochrane-Netzwerk findet keinen Beleg dafür, dass Menschen mit einer Knieprothese nach der Operation eine bessere gesundheitsbezogene Lebensqualität haben als Menschen, die sich nicht operieren ließen. Auch wegen solcher Daten setzt sich bei Endoprothetik-Fachleuten langsam die Erkenntnis durch, dass ein „vergessenes Knie“, das sich im Alltag nicht mehr künstlich anfühlt, nur mit einer individuellen Versorgung zu erreichen ist.
Bei Horst Siemers bedeutete das: Sein elf-gradiges O-Bein wurde nicht auf die gerade Achse korrigiert, sondern auf fünf Grad, sein natürliches O-Bein aus jungen Jahren.
Bänder und Sehnen entscheidend
Damit die Menschen ihr operiertes Bein „vergessen“, kommt es allerdings nicht nur auf den richtigen Winkel der Knochen an. Der Kapsel-Band-Apparat sei das „A und O“ in der Knie-Endoprothetik, sagt Max Ettinger, Orthopäde am Pius-Hospital in Oldenburg. Denn wenn ein O-Bein beim Einbau einer Prothese sehr stark in das vermeintliche Ideal einer geraden Achse korrigiert wird, die dieses Bein aber nie hatte, verändert das den gesamten Halteapparat.
Bänder und Sehnen müssen bei der OP auf der einen Seite gestrafft, auf der anderen Seite gelöst – also eingeschnitten – werden. Das kann zu einem instabilen, schmerzenden Knie führen. „Je weniger Weichteile wir mobilisieren müssen, desto schneller ist der Patient wieder auf den Beinen und desto schneller ist er fit“, so Ettinger.
Individuelle Lösungen – Gegenstand der Forschung
Max Ettinger forscht seit Jahren zusammen mit seinem Team an der Korrektur von X- und O-Beinen. Während die Datenlage bei X-Beinen noch nicht eindeutig ist, weiß der Orthopäde aus klinischen Studien, dass das moderne Prothesenmaterial O-Bein-Abweichungen von fünf Grad mitmacht. Ob größere Abweichungen möglich sind, ohne dass die Prothesen schneller verschleißen – das ist noch Gegenstand der Forschung.
Wer profitiert unter welchen Bedingungen und mit welcher Ausrichtung von einem Kniegelenksersatz? Das versuchen Orthopäden am Klinikum rechts der Isar in München mit einer App auf dem Smartphone herauszufinden, die die Bewegungsdaten ihrer Nutzerinnen und Nutzer speichert. Die Daten sollen dabei helfen, Erfolgsaussichten und Zufriedenheit besser einzuschätzen.
Horst Siemers, der im Oldenburger Pius-Hospital operiert wurde, ist so zufrieden mit dem Ergebnis, dass für ihn heute schon klar ist: Sollte er in einigen Jahren auch rechts ein neues Kniegelenk brauchen, wird er sich wieder für ein leichtes O entscheiden.
Source: tagesschau.de