Neue Ölkonzernchefin: Muss BP wieder schmutzig werden, Frau O’Neill?

Spritpreise von weit mehr als zwei Euro setzen den Autofahrern zu. Viele mochten es kaum glauben, als sie diese Zahlen erstmals an den Tankstellentafeln sahen. Etwa 55 Prozent davon kassiert der Staat mit Steuern und CO2-Abgabe, der Rest bleibt den Mineralölkonzernen. Marktführer in Deutschland mit rund 2400 Tankstellen ist Aral, die zum britischen BP-Konzern gehört. Folglich landet das Geld in den Kassen des Londoner Konzerns, wo diese Woche erstmals eine Vorstandschefin das Ruder übernimmt: die Amerikanerin Marguerite „Meg“ O’Neill.

Sosehr das aktuelle Ölpreisniveau die Kunden ausbremst, so sehr verschafft es der neuen BP-Chefin Rückenwind. „Meg O’Neill hat wahrscheinlich den schwierigsten Job in der Ölindustrie“, sagt Javier Blas, einer der besten Kenner der Branche und Bloomberg-Kolumnist. „Ich glaube, sie kam mit dem Gedanken an, dass sie einen fast unmöglichen Job habe. Jetzt aber, mit dem höheren Preis, hat sie einen anspruchsvollen Job.“ BPs Aktienkurs ist seit Anfang März, seitdem der Ölpreis als Folge des Irankriegs hochschnellte, um fast 20 Prozent geklettert – gut für O’Neills Start an der BP-Spitze.

Das Unternehmen hat hohe Schulden

Freilich gilt der Posten als schwierig, denn das Unternehmen ist seit Jahren hoch verschuldet. Es hat eine Achterbahnfahrt hinter sich: Der frühere Vorstandschef Bernard Looney wollte vor fünf Jahren schrittweise weg vom alten, fossilen Geschäftsmodell. Er wollte BP „zu einer Kraft des Guten in einer klimaneutralen Welt“ machen. Looney plante, die Produktion von Öl und Gas radikal zu verringern, und er setzte stattdessen auf große Investitionen in erneuerbare Energien. Doch die Projekte warfen zu wenig Gewinn ab, Looney stürzte schließlich über eine Sexaffäre. Sein Nachfolger Murray Auchincloss revidierte die Strategie.

BP setzt nun wieder verstärkt auf Öl- und Gasförderung. „Back to black“, zurück zum schwarzen Gold, lautet die Devise. Dass Klimaaktivisten das als schmutzig anprangern, schert die Führung wenig. Ihr sitzt der aktivistische Aktionär Elliott Investment Management im Nacken, der nach den letzten verfügbaren Angaben mehr als fünf Prozent hält und auf Schuldenabbau drängt. An dem Hedgefonds und seinem Gründer Paul Singer kommt auch die neue Vorstandschefin O’Neill, die zum 1. April die Leitung übernimmt, nicht vorbei.

Verfechterin der Fossilen

Bislang führte O’Neill den australischen Öl- und Gaskonzern Woodside Energy. Die 55 Jahre alte Managerin gilt als harte Verfechterin fossiler Energien. Das war wohl der Grund, warum BP-Chairman Albert Manifold sie an die Spitze berief, als erste Frau in der 116-jährigen Geschichte des Konzerns. „O’Neill wurde genau deshalb als neue Chefin ausgewählt, weil sie leidenschaftlich für Öl und Gas ist“, sagt Blas.

Ihre Amtseinführung fällt nun in eine außergewöhnlich turbulente Phase für die Ölbranche. Der Preis für ein 159-Liter-Fass der Nordseesorte Brent stieg von rund 60 Dollar auf zeitweise mehr als 100 Dollar. Auf der Energiekonferenz CERA Week im texanischen Houston, wo sich „Big Oil“ in der vergangenen Woche traf, war die Branche selbst hin- und hergerissen, ob sie sich freuen oder fürchten soll. Ein führender Manager eines US-Konzerns sagte: „Wir verdienen gerade ein Scheißgeld, aber wir wollen auch nicht, dass der Ölpreis die Weltwirtschaft crasht.“ Der Vorstandschef von Shell, Wael Sawan, warnte in Houston, dass auch in Europa eine Energieknappheit drohe, wenn Iran die Öltransporte durch die Straße von Hormus weiter blockiere. Die iranische Führung hat sie weitgehend geschlossen, um US-Präsident Trump unter Druck zu setzen. Und iranische Raketen haben LNG-Anlagen von Exxon-Mobil und Shell in Qatar zerstört. BPs Gasanlagen in Oman waren bislang nicht betroffen.

Karrierebeginn bei Exxon-Mobil

Für die neue BP-Chefin bedeutet der Ölpreishöhenflug in erster Linie mehr Erträge. Rohöl ist aktuell sehr viel teurer, ebenso sind die Gewinnmargen der Raffinerien gestiegen, und die Preise für Flüssiggas (LNG) gingen durch die Decke. Vergangenes Jahr kam BP auf 7,5 Milliarden Dollar (6,5 Milliarden Euro) Gewinn. Im Konzern gilt eine Daumenregel: Jeder Dollar höherer Ölpreis bringt ungefähr 340 Millionen Dollar mehr Vorsteuergewinn. „Wenn der Ölpreis so hoch bliebe wie jetzt, dann könnte sich der BP-Gewinn in diesem Jahr verdoppeln“, glaubt Branchenkenner Blas.

Meg O’Neill hat in ihrer mehr als 30 Jahre langen Karriere in der Ölindustrie schon viel erlebt. Sie gilt als durchsetzungsstark und technisch versiert. Die im Jahre 1970 im amerikanischen Boulder geborene Ölmanagerin studierte Chemietechnik am MIT und absolvierte einen Master in Meeresingenieurwesen. Die längste Zeit ihrer Karriere verbrachte sie beim US-Ölgiganten Exxon-Mobil. Dort begann sie in Houston, Verfahren für die Öl- und Gasförderung in Meerestiefen von mehr als 1000 Metern zu entwickeln. Anschließend schickte Exxon sie nach Indonesien, wo sie die Ausbeutung des großen Gasfelds Aceh leitete.

Später verantwortete sie Offshoreanlagen in Nova Scotia und Neufundland, die Öl- und Gasförderung in der norwegischen Nordsee sowie Geschäfte in Asien, Australien und Afrika. Die groß gewachsene blonde Managerin, die mit einer Frau verheiratet ist, hat sich in der harten Öl-Männerwelt bewährt.

BP ist größer und hat größere Probleme

In den vergangenen acht Jahren arbeitete O’Neill vom westaustralischen Perth aus für Woodside Energy. Nachdem sie 2021 Vorstandschefin wurde, baute sie das North West Shelf Project aus, das größte Schieferöl- und Schiefergasprojekt Australiens, und übernahm große Teile des Energiegeschäfts von BHP. Damit verdoppelten sich Woodsides Produktionskapazitäten. Zwar blieb der Zuwachs des Aktienkurses mager, doch heißt es in der Branche lobend, dass O’Neill den australischen Konzern operativ erfolgreich geführt habe.

BP mit global mehr als 100.000 Mitarbeitern ist nun weitaus größer – und hat auch weitaus größere Probleme. Es wird kein bequemes Leben am Sitz der Zentrale am feinen St. James’s Square in London. Chairman Manifold erwartet, dass die neue Chefin die Kehrtwende zurück zu Öl und Gas konsequent durchzieht. „Die Ernennung von Meg O’Neill zur CEO von BP ist der Höhepunkt einer Umstrukturierung in der Führungsetage, durch die das Erbe von Bernard Looney endgültig zu den Geschichtsbüchern gelegt wird“, sagt Derren Nathan, Leiter der Aktienanalysen im Investmenthaus Hargreaves Lansdown.

Die Börsenbewertung ist zurückgefallen

Als größte Herausforderung steht für O’Neill auf der Tagesordnung, den Schuldenstand zu reduzieren. BP gibt die Nettoverschuldung mit 22 Milliarden Dollar (19 Milliarden Euro) an. Doch die tatsächliche Verschuldung, die in der Bilanz versteckt ist, liegt weitaus höher. Bezieht man alle Verbindlichkeiten wie hybride Anleihen, Leasingverträge, Pensionslasten und noch ausstehende Kompensationen für die Ölpest im Golf von Mexiko von 2010 mit ein, liegt die Verschuldung bei deutlich mehr als 50 Milliarden Dollar. Wettbewerber Shell ist mit 45 Milliarden Dollar verschuldet, obwohl der Konzern mit dem Muschellogo sehr viel größer ist.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist BPs Börsenbewertung, die aktuell 88 Milliarden Pfund erreicht, relativ weit zurückgefallen. Von den fünf westlichen „Big Oil“-Konzernen (BP, Totalenergies, Shell, Chevron, Exxon) besitzt der Konzern mit dem grün-gelben Sonnenblumenlogo mit Abstand die geringste Marktkapitalisierung. Vor zwei Jahren war er so angeschlagen – in Börsenkreisen kursierte der Spottname „Beyond Profit“ –, dass BP als Kandidat für eine feindliche Übernahme galt. Shell erwog sie, ließ dann aber die Finger davon angesichts der Schulden.

Meg O’Neills Aufgabe ist es, die „grüne Wende“ komplett rückabzuwickeln. Dazu hat schon ihr Vorgänger Auchincloss die Weichen gestellt. Offshore-Windparks wurden in ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem Partner aus Japan ausgelagert, die Solartochter Lightsource abgestoßen, der wenig rentable amerikanische Biogasproduzent Archaea Energy ebenso. „BP ist mit der Bereinigung seines Portfolios etwa zur Hälfte durch, was jene Investitionen aus der Amtszeit von Bernard Looney angeht, die sich als weniger rentabel erwiesen haben“, sagt Branchenanalyst Blas. Jüngst hat BP die große Raffinerie in Gelsenkirchen verkauft. Auch den profitablen Schmierstoffhersteller Castrol hat BP mehrheitlich abgegeben.

Damit sammelt der Konzern Geld. Neben dem Schuldenabbau soll Meg O’Neill wieder in neue Öl- und Gasförderung investieren. In einige Projekte setzt BP große Hoffnungen, etwa in die Entwicklung mehrerer Ölfelder im Golf von Mexiko. Oder die Exploration des riesigen Bumerangue-Ölfelds vor der Küste von Brasilien, das BP 2025 entdeckte. Es war nach eigenen Angaben der größte Fund des Konzerns seit 25 Jahren. Außerdem wird Meg O’Neill an der Kostenschraube drehen. Vermutlich steht ein Stellenabbau in der Verwaltung an. Der vor ihr liegende Turnaround werde hart, aber nicht unmöglich, sagt Ölindustriekenner Blas: „BP ist nicht mehr der hoffnungslose Fall, der es vor zwei oder drei Jahren war. BP ist nun wieder ein Unternehmen, in das man investieren kann.“ Was sich für Aktionäre gut anhört, klingt für Autofahrer eher nach schlechten Nachrichten.

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