Der durch den Irankrieg verursachte Energiepreisschock führt rund um den Globus zu höheren Teuerungsraten. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ihre Inflationserwartungen deshalb deutlich nach oben korrigiert. In den 20 größten Industrie- und Schwellenländern (G20) sei in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von vier Prozent zu rechnen, schreibt die Organisation in einem am Donnerstag veröffentlichen Wirtschaftsausblick.
Noch im Dezember hatte sie erwartet, dass die Inflationsrate in den G-20-Staaten auf 2,8 Prozent sinke; 2025 betrug sie 3,4 Prozent. Das ist Makulatur. Argentinien und die Türkei bleiben mit 31,3 Prozent respektive 26,7 Prozent Ausreißer. Um diese Staaten bereinigt betrage die Inflationsrate in den G-20-Staaten 3,1 Prozent.
Für die Eurozone erwartet die OECD in diesem Jahr 2,6 Prozent statt der im Dezember prognostizierten 1,9 Prozent. Deutschland liegt mit 2,9 Prozent darüber. Allzu hoch ist das nicht im Vergleich. So prognostiziert sie für die USA 4,2 Prozent nach 2,6 Prozent im vergangenen Jahr. Und während es in China „nur“ von minus 0,1 auf 1,3 Prozent heraufgehe, stehe Indien gar ein Anstieg von zwei Prozentpunkten auf 5,1 Prozent bevor.
Wachstum sei vor der Eskalation „robust“ gewesen
„Höhere Energiepreise und Störungen in den Lieferketten treten zu einer Zeit auf, in der die Inflation in einigen großen Volkswirtschaften, darunter Brasilien, Mexiko, die Türkei, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten, weiterhin über dem Zielwert liegt“, schreibt die OECD. Eine allzu starke Verlangsamung der Wirtschaftsaktivität erwartet sie gleichwohl nicht.
Zwar würde eine anhaltende Phase höherer Energiepreise die Unternehmenskosten deutlich steigern und die Verbraucherpreise antreiben. Für die G-20-Staaten hat sie ihre Wachstumsprognose aber sogar leicht angehoben auf drei Prozent in diesem Jahr; im Dezember hatte sie 2,9 Prozent genannt.
Die Anhebung gilt nicht für alle Staaten. Im Gegenteil. Für die Eurozone hat die OECD ihre Wachstumsprognose wegen der Energiepreise stark nach unten korrigiert. 0,8 Prozent dürften es nur noch sein; im Dezember hatte die Prognose noch 1,2 Prozent betragen. 0,8 Prozent seien auch in Deutschland zu erwarten. Anders in den USA, wo trotz Teuerungswelle zwei Prozent Wachstum möglich seien – 0,3 Prozentpunkte mehr als zuletzt prognostiziert. Für China erwartet sie unverändert 4,4 Prozent, für Indien fast unverändert 6,1 Prozent.
Das globale Wachstum sei vor der Eskalation im Nahen Osten „robust“ gewesen sei, die Konjunktur durch hohe Investitionen und eine starke Produktion im Bereich der Künstlichen Intelligenz sowie durch günstige finanzielle und fiskalische Rahmenbedingungen gestützt worden.
Diverse Kettenreaktionen
Unterstellt wird in der Prognose, dass sich die Störungen auf dem Energiemarkt im Laufe der Zeit abschwächen und die Preise für Öl, Gas und Düngemittel ab Mitte 2026 allmählich sinken. Die OECD räumt ein, dass das alles andere als gewiss ist. Ein „erhebliches Abwärtsrisiko“ bestehe darin, dass Störungen des Exports aus dem Nahen Osten die Energiepreise stärker als angenommen in die Höhe trieben und die Verknappung wichtiger Rohstoffe verschärfen werde. Dies würde die Inflation anheizen und das Wachstum dämpfen.
Während die OECD für die Welt unverändert ein Wachstum von 2,9 Prozent erwartet, kalkuliert eine neue Analyse der Osteuropabank EBWE mit einem globalen Wachstumsdämpfer um 0,4 und einer Zunahme der Inflation um 1,5 Prozentpunkte, sollte Öl längere Zeit mehr als 100 Dollar je Fass kosten. Besonders schwerwiegend seien die Folgen für arme Länder. Sie müssten höhere Preise für Energie und Düngemittel tragen, von denen bis zu einem Drittel der Weltproduktion durch die Straße von Hormus transportiert werde.
Die wirtschaftlichen Folgen reichten aufgrund diverser Kettenreaktionen über höhere Lebensmittelpreise hinaus. Zwar sei der Handel mit Iran in der Regel klein, vielfach größer sei aber der Austausch mit den Golfstaaten. Störungen der Handelsrouten am Golf könnten auch den Handel mit Aluminium, Schwefel, Helium, Petrochemikalien und Kunststoffen beeinträchtigen. Länder wie der Libanon und Jordanien – in Maßen die Türkei – drohten zudem Einbußen im wichtigen Tourismussektor. Ägypten, aber auch der Libanon und Jordanien müssten sich auf sinkende Überweisungen der Gastarbeiter aus den Golfstaaten einstellen.
Für viele Staaten hätten sich finanzielle Bedingungen verschärft, wobei die Anleiherenditen im südlichen und östlichen Mittelmeerraum sowie in der Türkei gestiegen sind. Dort wird spekuliert, dass die Notenbank Goldbestände verkaufen muss, um den Kurs der Lira zu stabilisieren. Kapitalabflüsse aus einigen Volkswirtschaften „könnten sich verstärken, falls sich die globalen Finanzbedingungen weiter verschlechtern“, heißt es in dem EBWE-Papier.
Weniger stark, aber folgenreich
Chefökonomin Beata Javorcik sagt, der Konflikt zeige, „wie schnell geopolitische Schocks Energiemärkte, Lieferketten und finanzielle Bedingungen durchbrechen können“. Zu den am stärksten betroffenen Staaten zählt sie Nordmazedonien, die Ukraine, Moldau, die Türkei, den Irak, den Libanon, Jordanien, Ägypten, Tunesien, Kenia und den Senegal. Dass anderer Schwellenländer nicht genannt sind, liegt daran, dass diese nicht zum Tätigkeitsbereich der Bank gehören.
Weniger stark, aber folgenreich dürften die Auswirkungen in Ostmittel- und Südosteuropa sein. Steigende Energiepreise träfen die Industrie in einer ohnehin herausfordernden Zeit, während die wegen steigender Verteidigungsausgaben angespannten Regierungsbudgets weiter belastet werden könnten.
Richard Grievesson vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche zeigt sich besorgt über den Vertrauensverlust an den Finanzmärkten mit höheren Risikoprämien auf Staatsanleihen und Währungsabwertungen. „Verzögerte Investitionen und eine schwächere Verbraucherstimmung sind zu erwarten, falls die Unsicherheit anhält.“
Da tröstet die Modellrechnung wenig, die EBWE-Ökonomin Javorcik im Vergleich zu den Ölkrisen der 1970er-Jahre anstellt. Damals sei der Druck auf den Ölpreis viel stärker gewesen. „Er würde heute einem Preis von 225 Dollar je Barrel entsprechen.“