Neue Generation jener türkischen Mafia in Deutschland


exklusiv

Stand: 16.03.2026 • 10:44 Uhr

Sie sind jung, gewaltbereit und inszenieren ihre Taten in den sozialen Medien: In Deutschland breitet sich die neue Generation der türkischen Mafia aus. Kontraste-Recherchen zeigen: Einer der Mafiabosse agiert offenbar aus Russland.

Von Daniel Donath, Viviane Menges und Markus Pohl, rbb

1.281 Jahre Haft und zweimal lebenslänglich: Diese Strafe droht Berat Can Gökdemir, dem mutmaßlichen Boss der Mafiagruppierung „Daltons“, in seinem Heimatland Türkei. Doch der 29-jährige Gökdemir muss derzeit nicht befürchten, inhaftiert zu werden – er hält sich in Russland auf und wird trotz eines Auslieferungsgesuchs nicht an die Türken übergeben.

Aus türkischen Ermittlungsakten, die dem ARDPolitikmagazin Kontraste vorliegen, geht hervor, dass die türkische Justiz Gökdemir in mehreren Fällen Mord, Anstiftung zum Mord sowie bewaffnete Angriffe und Raub vorwirft. Außerdem soll die Gruppe um Gökdemir im Waffen- und Drogenhandel aktiv sein und durch Erpressung Geld verdienen.

„Mafia der neuen Generation“

Die „Daltons“, auf Türkisch „Daltonlar“, zählen zu einer neuen Generation der organisierten Kriminalität. In der Türkei werden solche Gruppen auch als „Gen-Z-Mafia“ bezeichnet. Neben den „Daltons“ treten Gruppen mit Namen wie „Casperlar“, „Red Kits“ oder „Şirinler“ auf – in Anlehnung an Figuren aus Comics wie „Lucky Luke“ oder „Die Schlümpfe“.

Die Gruppierungen gelten als besonders brutal und inszenieren ihre Taten in sozialen Medien. Allein in Istanbul sollen sie in den vergangenen fünf Jahren mehrere Dutzend Menschen ermordet haben. „Sie teilen Videos, in denen sie ankündigen, dass sie jemanden töten werden“, sagt der türkische Investigativjournalist Osman Çaklı, der die Gruppe seit mehreren Jahren beobachtet, zu Kontraste. „Und wenn sie getötet haben, veröffentlichen sie auch das.“

„Jugendliche, die mit 15 Jahren als Killer arbeiten“

In sozialen Medien kursieren Videos von Jugendlichen, die von fahrenden Motorrädern und aus Autos auf ihre Gegner schießen. Die Plattformen nutzen die Gruppen auch, um junge Männer zu rekrutieren. Sie versprechen Geld, Luxusautos und Waffen. „Wir sehen, dass es nicht wenige Jugendliche gibt, die bereits mit 15 Jahren als Killer arbeiten“, sagt Çaklı. Nach seinen Angaben setzen die Gruppierungen bei ihren Gewalttaten häufig auch schwere Waffen ein, etwa Kalaschnikows.

In den vergangenen Jahren gerieten die Gruppen in der Türkei zunehmend unter Druck. Gegen führende Mitglieder der Banden wurden Haftbefehle erlassen. Viele von ihnen seien daraufhin nach Europa geflohen, erklärt der Investigativjournalist: „Danach begannen wir, auch in Europa verschiedene Morde und Anschläge zu sehen.“

„Daltons“ auch in Deutschland aktiv

Die Gruppierungen sind inzwischen auch verstärkt in Deutschland aktiv. Das Bundeskriminalamt (BKA) teilte auf Anfrage mit, sie seien hierzulande vorrangig im Bereich der Bedrohung und Erpressung von Geschäftsleuten sowie im illegalen Waffenhandel tätig.

Die hohe Verfügbarkeit von Schusswaffen zeigt sich auch in Berlin: In den vergangenen Monaten wurde auf den Straßen der Hauptstadt wiederholt auf Fahrschulen, Supermärkte und Lokale geschossen. Seit November hat die Berliner Polizei die Sondereinheit „Ferrum“ (lateinisch für Eisen) eingerichtet. Sie soll Schusswaffen aus dem Verkehr ziehen und weitere Schießereien eindämmen. Die Gewalt richte sich häufig gegen Ladenbesitzer aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis, sagt Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg im Interview mit Kontraste. „Sie werden unter Druck gesetzt, eingeschüchtert, zum Teil werden Waffen eingesetzt.“

Wie solche Erpressungen organisiert und umgesetzt werden, zeigt der Fall eines Supermarkbetreibers. Ein Mann, der sich am Telefon als „Ahmet von den ‚Daltons'“ vorstellte, forderte 250.000 Euro Schutzgeld von ihm und drohte, die Läden in die Luft zu sprengen. Kurz darauf wurde auf zwei Filialen geschossen. Der Schütze, Alican C., wurde festgenommen und zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Aus dem Gerichtsurteil, das Kontraste vorliegt, geht hervor, dass er als Minderjähriger nach Deutschland kam und von einem Mitglied der „Daltons“ in einem Flüchtlingsheim angeworben wurde.

Mehr als 200 Ermittlungen bei der Berliner Staatsanwaltschaft

Mittlerweile sind laut Justizsenatorin Badenberg mehr als 200 Verfahren bei der neu eingerichteten Einheit „Telum“ (lateinisch für Waffe) der Berliner Staatsanwaltschaft anhängig. Dort werden Fälle gebündelt, die sich aus den Ermittlungen der Polizeisondereinheit „Ferrum“ ergeben. Erst kürzlich kündigte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel an, dass „Ferrum“ für weitere sechs Monate im Einsatz bleiben soll.

Slowik Meisel sagte im Interview mit Kontraste, die Ermittlungen hätten häufig auch eine internationale Dimension. Man stehe deswegen auch im Austausch mit Europol. „Es wird agiert in verschiedenen europäischen Staaten, es wird auch aus dem nicht-europäischen Ausland heraus agiert und gesteuert und rekrutiert“, so Slowik Meisel zu Kontraste.

Im Oktober 2025 wurde in Hannover ein 27-Jähriger erschossen – offenbar ein Vertrauer einer Berliner Clan-Größe.

Interview mit der Mafia

Die Ausbreitung der neuen Mafia-Generation geht offenbar auch mit gewaltsamen Revierkonflikten einher. Im vergangenen Oktober wurde vor einer Bar in Hannover ein 27-Jähriger erschossen. Es soll sich um einen Vertrauten der inzwischen verstorbenen Berliner Clan-Größe Mehmet K. gehandelt haben.

Kontraste konnte ein Interview mit einem Mitglied der „Daltons“ führen. Die Redaktion kontaktierte einen Account, der in türkischen Ermittlungsakten der Führung der Gruppe zugerechnet wird, und sprach mit einem Mann, der sich als Sprecher der „Daltons“ vorstellte. Eine direkte Beteiligung an der Tat bestritt er. Zugleich sagte er: „Es waren unsere Bekannten und Freunde. Wir oder unsere Bekannten – wir sind ein Team.“

Mafiaboss mit russischen Geheimdienstkontakten?

Laut türkischen Medien soll der „Dalton“-Anführer Gökdemir 2024 in Russland festgenommen worden sein. Der mutmaßliche „Dalton“-Sprecher erzählt im Interview mit Kontraste, Gökdemir lebe inzwischen in einem von der russischen Regierung bereitgestellten „Safe House“. Von dort koordiniere er weiterhin alle Aktivitäten der Gruppe per Handy und Laptop.

Kontraste ist zudem auf Videos gestoßen, in denen Kämpfer auf russischer Seite im Ukraine-Krieg dem Mafiaboss zum Geburtstag gratulieren. Für den türkischen Mafia-Experten Cevheri Güven werfen diese Russland-Verbindungen Fragen auf. Die Türkei habe zahlreiche Ermittlungsakten nach Russland übermittelt, sagt Güven. Darin gehe es um schwere Gewaltverbrechen und Zeugenaussagen, die Gökdemir belasten. „Und trotzdem hat Russland ihn nicht ausgeliefert. Das ist bemerkenswert“, sagt der Investigativjournalist. „Es geht das Gerücht um, dass Gökdemir Verbindungen zum russischen Geheimdienst hat.“

Solche Kontakte würden den Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperten Gustav Gressel nicht überraschen. Kooperationen zwischen staatlichen Stellen und organisierter Kriminalität kämen immer wieder vor. „Das sind oft informelle Deals mit der Justiz oder dem Geheimdienst“, sagt Gressel. Kriminelle stellten dann ihre Netzwerke zur Verfügung – etwa für Geldwäsche, Schmuggel, die Anwerbung von Agenten oder auch für destabilisierende Aktionen.

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Source: tagesschau.de