Vielleicht ist es manchen beim Einkauf im Supermarkt schon aufgefallen. Auf zahlreichen Lebensmittelverpackungen steht seit Januar ein anderer Buchstabe im Nutri-Score, obwohl sich am Produkt nichts verändert hat. So trägt etwa das Kakaopulver von Nestlé trotz gleicher Rezeptur nun ein oranges „D“ statt eines grünen „B“. Auslöser ist eine Anpassung der Berechnungsregeln für die Nährwertampel. Hersteller müssen seit Anfang 2026 eine strengere Grundlage anwenden. Vor allem Zucker wirkt sich nun stärker negativ auf die Einstufung aus. Auch Süßstoffe, etwa in zuckerfreier Cola, werden nach den neuen Vorgaben schlechter bewertet. Ebenfalls stärker ins Gewicht fallen ein geringer Ballaststoffgehalt sowie ein hoher Salzanteil. Umgekehrt können Produkte mit vielen Ballaststoffen oder hohem Eiweißgehalt besser abschneiden. Neu ist auch, dass alle Lebensmittel, die getrunken werden können, in die Kategorie Getränke fallen, auch Pflanzendrinks und Trinkmahlzeiten. Sie galten zuvor als allgemeine Lebensmittel.
Der Nutri-Score ist seit dem Jahr 2020 in Deutschland auf Lebensmitteln zu sehen. 2022 fand er sich laut der Verbraucherzentrale auf rund 40 Prozent der Lebensmittel im Handel. Er besteht aus einer Skala mit den Buchstaben „A“ bis „E“, kombiniert mit Ampelfarben von grün bis rot. Die Kennzeichnung liefert eine Gesamtbewertung auf Basis eines Algorithmus und soll zeigen, wie mehr oder weniger vorteilhaft das Nährstoffprofil eines Lebensmittels ist. Grundlage ist ein in Frankreich von Wissenschaftlern entwickeltes Modell, das die Nährwertangaben je 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter berücksichtigt. Je niedriger die Punktzahl, desto besser fällt die Einstufung aus. Ungünstige Inhaltsstoffe erhöhen die Punkte, günstige senken diese. Verbraucher sollen so die Nährwertqualität am Verkaufsort schnell erfassen und sich innerhalb eines Angebots leichter für eine Option entscheiden können. Zugleich soll das System einen Anreiz für Hersteller setzen, Rezepturen zu ändern und Produkte zu verbessern.
Stärkere Abwertung bei bestimmten Nährstoffen
Dass der Algorithmus überarbeitet wurde, begründet etwa der Verbraucherzentrale Bundesverband. Von dort heißt es: „In der Praxis hat sich gezeigt, dass die bisherige Berechnung des Nutri Scores nicht für alle Lebensmittelgruppen optimal passt.“ Als Beispiel nennt der Verband Brote. Varianten mit wenig Ballaststoffen und viel Salz konnten demnach bislang vergleichsweise gut wegkommen. Der überarbeitete Algorithmus solle die Nährstoffzusammensetzung von nun an „zutreffender“ abbilden. Ein hoher Zucker- oder Salzgehalt sowie ein niedriger Ballaststoffanteil führten nun „zu einer stärkeren Abwertung als bislang“, sodass Verbraucher etwa ballaststoffreiche Vollkornprodukte besser von ballaststoffärmeren Varianten unterscheiden könnten.
Wichtig beim Nutri-Score bleibt allerdings die richtige Interpretation. Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) betont, der Nutri-Score solle die Auswahl der ernährungsphysiologisch günstigeren Produkte innerhalb einer Produktgruppe erleichtern, also innerhalb vergleichbarer Alternativen. Die Note „C“ auf einer Tiefkühlpizza zum Beispiel sagt nur aus, wie gut oder schlecht die Pizza im Vergleich zu anderen Tiefkühlpizzen abschneidet. Äpfel mit Birnen lassen sich also nicht vergleichen. Der Nutri-Score ersetze auch keine Empfehlungen zur Ernährung wie jene der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wer nur Produkte mit dem Score „A“ kauft, ernährt sich damit nicht automatisch ausgewogen.
Ein gut bewertetes Produkt ist nicht zwangsläufig gesund
Trotz der Änderungen dürfte der Nutri Score umstritten bleiben. Auf manchen Lebensmitteln finden sich gute Bewertungen, wo viele sie nicht erwarten würden, etwa für Toastbrot oder Ketchup. Ein zentraler Vorwurf lautet, die Lebensmittelampel könne den Eindruck erwecken, ein gut bewertetes Produkt sei zwangsläufig gesund. Fachleute halten dagegen, der Nutri Score sei nie dafür gedacht gewesen, völlig unterschiedliche Lebensmittel in eine Gesamtrangliste zu bringen. In der Praxis sorgen dennoch Beispiele für Irritation, etwa wenn zwei Vollmilchtüten mit 3,5 Prozent Fett und nahezu identischen Inhaltsstoffen unterschiedlich eingestuft werden. Kritik gibt es auch an der Freiwilligkeit des Systems. Hersteller können das Label weglassen, wenn das Ergebnis schlecht ausfällt, weshalb Organisationen wie Foodwatch eine verpflichtende Kennzeichnung fordern. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium könne eine erweiterte Nährwertkennzeichnung nach EU-Recht national nicht verpflichtend eingeführt werden. Nährwerttabellen mit Angaben je 100 Gramm sind für Hersteller aber verpflichtend.
Wie Verbraucher das System wahrnehmen, zeigt eine Studie der Universität Göttingen und der Agentur Zühlsdorf und Partner im Auftrag von Foodwatch. Dafür wurden bundesweit 1.103 Menschen online befragt. Ungestützt hätten demnach 14 Prozent den Nutri Score als Label für eine gesunde Lebensmittelauswahl genannt, was auf geringe Alltagspräsenz hindeutet. Gleichzeitig gibt es Vertrauensdefizite. Zwei Drittel hielten das System zumindest zum Teil für irreführend. 80 Prozent waren unsicher, ob sie es richtig anwenden. Zwei Drittel würden ein farblich interpretatives Label grundsätzlich nutzen, doch nur 31 Prozent achten nach eigenen Angaben häufig oder sehr häufig beim Einkauf auf den Nutri-Score. Dass nur 12 Prozent das System ablehnen, könnte zugleich auf unausgeschöpftes Potential hindeuten.
Foodwatch fordert deshalb eine Informationskampagne, um Missverständnisse auszuräumen und die Nutzung zu stärken. Mitautor Achim Spiller spricht sich für eine Kennzeichnung aller Produkte aus, weil das System besonders Menschen mit wenig Ernährungswissen helfen könne.