Er war der erste Spieler, der sich selbst einwechselte, der seinen Vertrag bei Real selbst aushandelte – und über den es nach einem Besuch in Rom hieß: „Der weiße Pelé war da.“ Günter Netzer hat den Welt-Fußball geprägt.
Das ganze Leben des Günter Netzer ist ein Ausrufezeichen. 81 turbulente Jahre. „Netzer war kein Fußballer. Er war das Spiel selbst“, sagt der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz, der Michelangelo des Rheinlands, über den Freund. „Nein!“, widerspricht Netzer. „Ich fühle mich geehrt. Doch zustimmen würde ich solchen Belobigungen, die philosophischer Natur sind, nicht.“
Nicht widersprechen kann Netzer all den anderen Ausrufezeichen, die er gesetzt, die sein Leben geschrieben hat, natürlich nicht:
► Erster fußballspielender Playboy!
► Erster, der 50-Meter-Pässe mit geschlossenen Augen auf den Mann spielte!
► Erster, der es wagte, der Trainer-Koryphäe Hennes Weisweiler zu widersprechen!
► Erster, der sich selbst einwechselte!
► Erster, der einen Ferrari fuhr!
► Erster, nach dessen Pfeife Franz Beckenbauer tanzte (siehe Wunder von Wembley)!
► Erster, dem faszinierte Schiedsrichter Minuten schenkten, um sich die Stutzen zurechtzuziehen!
► Erster, der Minuten bekam, sich den Ball zurechtzulegen! Bis Beckenbauer 1971 beim 7:1 in Norwegen dazwischenfunkte und den Freistoß einfach ins Tor schoss („,großartig, Franz‘, rief ich, obwohl ich am liebsten auf ihn losgegangen wäre“).
► Erster, der Schuhe aus hauchdünnem, federleichtem Känguruleder trug, Größe 46 2/3! „Ich bestand darauf, in ihnen ein Gefühl zu haben wie in einer zweiten Haut, auch wenn ich mich wegen der blauen Farbe zu Tode schämte!“
► Erster, der sich querstellte und nie die langen Haare schneiden ließ!
► Erster Profi, der eine Diskothek („Lovers’ Lane“ in Mönchengladbach) aufmachte!
► Erster, der den weit über 70-jährigen Sepp Herberger (Vater des Wunders von Bern) in den für ihn qualvollen Disco-Lärm lockte (er kam sogar freiwillig)!
► Erster und einziger Topstar, der mit der Präsidenten-Legende Santiago Bernabéu seinen Vertrag bei Real Madrid ohne Manager bzw. Berater aushandelte!
► Erster, der für den mündigen Paul Breitner auch noch den Vertrag bei Bernabéu aufsetzte!
► Erster, der ein Jahr lang in Madrid die Suite des Fußballgotts Alfredo di Stéfano bewohnen durfte!
► Erster, der im Bernabéu-Stadion für einen Pfostenschuss minutenlang Beifall bekam (Breitner hatte beim Freistoß den Ball gelupft, Netzer ihn volley genommen)!
► Erster nach dem Papst, dem Rom die Füße küsste (Corriere dello Sport schrieb: „Der weiße Pelé war da“)! Netzer hatte gegen die AS Rom mit gebrochenem großen Zeh gespielt, damit Gladbach sein Antrittsgeld bekam! Seine Schreie, als der Arzt ihn spritzte, waren bis in des Gegners Kabine zu hören! Zwei Tore beim 3:0! Weisweiler hatte ihn unter dem Vorwand nach Rom gelockt, er müsse diese wunderbare Stadt sehen. Mit Wut im Bauch kam es zur Leistungsexplosion! Mehr Ausrufezeichen geht nicht.
► Erster, der es Franz Beckenbauer erlaubte, ihn zu beschimpfen („Du wirst total überschätzt – wenn du mich nicht gehabt hättest …“)!
► Erster und Einziger, der als Manager des HSV den Europacup der Landesmeister holte –1983!
► Erster und Einziger, dem es gelang, Beckenbauer von Cosmos New York zurück nach Deutschland, zum HSV, zu holen!
► Erster und einziger Star-Fußballer, für den Elvis Presley und Frank Sinatra in Las Vegas nachts um 3 Uhr zum Mikrofon griffen!
► Erster, dessen Freundschaft zu Boris Becker Jahrzehnte überstand!
► Erster Fußballer, der auch als Rechtehändler, Kolumnist (SPORT BILD), Experte der ARD erfolgreich war. Sehr sogar! Mit allem, was er anpackte!
★★★
Genug der Ausrufezeichen? Ja, denn wir sind mittendrin. Netzer, das Genie! Netzer, der Rebell! Er ist Hennes Weisweiler, dem Erfinder der Gladbacher Fohlenelf, zwar bis heute dankbar, dass er ihn zum Weltklassespieler gemacht hat. Doch 1970, im Ligaspiel bei der Arminia aus Bielefeld, stellte Netzer eigenmächtig auf mehr Sicherheitsfußball um, um nicht nur schön wie die Fohlen, sondern auch erfolgreich wie die Bayern zu sein.
Netzer erinnert sich, als wäre es heute passiert: „Am Sonntag, dem Tag danach, berief Weisweiler eine Sondersitzung ein, weil er seinen Ruf als offensivster aller Trainer gefährdet sah. Obwohl wir 2:0 gewonnen hatten. Er hat gebrüllt, hat in meine Richtung geschrien: ‚Ich lasse mir von Ihnen meinen Namen nicht kaputt machen!‘ Dennoch wollte er mündige Spieler. Im Verlauf der Saison haben wir eine gute Symbiose geschaffen.“
Gladbach wurde 1970 und 1971 Meister. Für 1973 steht der Pokalsieg, als sich Netzer („Ich spiel dann jetzt mal“) in seinem letzten Spiel für die Borussen selbst einwechselte, mit der ersten Ballaktion das 2:1-Siegtor schoss („weil ich den Ball nicht richtig traf – das größte Glück meiner Laufbahn. Wie kann ein Fußballer nur so viel Glück haben?“). Die beiden hatten seitdem kein Wort mehr miteinander gewechselt.
„Er durfte das, weil er der Größte von uns allen war“
Zwei Jahre später stand das Gladbacher Urgestein Berti Vogts, auf Einladung von Netzer in Spanien, mit offenem Munde da. Er dachte an eine Wahnvorstellung, als sich Weisweiler, mittlerweile Trainer des verhassten FC Barcelona, und Netzer – im blütenweißen Real-Trikot – am Spielfeldrand lange und herzlich umarmten, als wären sie beste Freunde. Man könnte auch sagen: Netzer hat schon Jahrzehnte vorher die Zeichen der Zeit erkannt, die heute großen Wert auf Nachhaltigkeit legt. Prägende Beispiele gibt es genug. Prägend auch für die Laufbahn und das Leben von Franz Beckenbauer, sofern Netzer seine Finger bzw. langen Füße mit im Spiel hatte.
1972 klagte er vor dem EM-Viertelfinal-Hinspiel in London dem Bundestrainer Helmut Schön und eben Beckenbauer: „Ich schwebe in Lebensgefahr. Diese Sonderbewacher hauen auf die Knochen, das ist unglaublich.“ So entstand das Gladbacher Modell, in dem Weisweiler dem Spielmacher Netzer erlaubte, sich mit Libero Jürgen Wittkamp abzuwechseln.
Auf dem schnellen, regendurchnässten Rasen von Wembley klappte das Wechselspiel mit Beckenbauer und Netzer bestens. Sie ließen die Engländer laufen und den Ball, Deutschland siegte nach Treffern von Uli Hoeneß, Netzer per Elfmeter und Gerd Müller 3:1, kam nach einem 0:0 im Rückspiel weiter, wurde nach dem Halbfinalsieg gegen Belgien (2:1) und dem Finalsieg gegen die Sowjetunion (3:0) Europameister – doch die Fußballwelt sprach immer noch vom Wunder von Wembley.
Und was die Nachhaltigkeit angeht, so hatte der Netzer-Plan Auswirkungen auf Beckenbauers Rolle als Libero – er wurde noch dominanter, noch offensiver, blühte seit jenem Spiel noch mehr als Offensiv-Libero auf. Zudem war es Beckenbauer ab sofort erlaubt, Netzer zu beschimpfen. „Er durfte das, weil er der Größte von uns allen war.“ Der Kaiser schulte so bei Wortduellen der beiden, die sie nach Ende ihrer aktiven Laufbahn pflegten, seine Sinne und die Rhetorik. Netzer stand oft nur daneben und lächelte verschmitzt in sich hinein.
Doch auch der Ex-Spielmacher Netzer blühte immer wieder auf, wenn von Wembley die Rede ist. „Denn von der Wertigkeit rangiert das sogar noch höher als das grandiose 7:1 der Borussen 1971 im Europacup-Achtelfinale gegen Inter Mailand (leider annulliert aufgrund eines Büchsenwurfs gegen Roberto Boninsegna, die Redaktion), der damals besten Mannschaft der Welt“, sagt Netzer heute zusammenfassend, „weil es mit der Nationalmannschaft in Wembley stattfand. Es entspricht nicht meinem Naturell, dass ich mich selbst feiere, mich selbst bewundere, was für ein toller Hecht ich bin.“ Netzer kehrt in sich, überlegt, schließt fast die Augen, als er sagt: „Ich habe diese Entwicklung zwar angestrebt, damit gelebt – und dennoch nicht mit letzter Besessenheit ausgeübt. Sonst wäre vielleicht noch mehr möglich gewesen.“
Netzer weiter: „Ich habe mich natürlich gefreut über gute Kritiken, über gute Spiele. Doch das ist wie Schnee, der verblasst. Ich hatte keine Pläne mein ganzes Leben lang. Deshalb bin ich so privilegiert. Besessenheit? Das habe ich mir selbst verboten, so zu sein!“ So viel Demut von einer Diva, von einem Weltklasse-Fußballer, der seine Schuhe trug wie eine zweite Haut (siehe oben) und den Ferrari eben wie einen Rennwagen fuhr. Dem sein Vater für jedes Tor fünf D-Mark gab, was schnell dessen Grenzen sprengte („wir haben das in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst“). Der bei den Kindern von Paul Breitner in Madrid den Nikolaus spielte, den Hund Gassi führte. Demut also, die glaubwürdig rüberkommt.
Der Fußball also an zweiter Stelle? Ja und nein. Mit fast leidenschaftlichen Worten plädiert der Ex-Playboy heute für die Familie: „Wie alles, so habe ich auch nicht geplant, ein Privatleben zu haben mit einer wunderbaren Frau und einer wunderschönen Tochter. Das hat bei mir einen viel, viel höheren Stellenwert, dass ich es hingekriegt habe, eine Familie zu gründen, die allen gefällt. Alle profitieren davon – und ich am meisten.“ Netzer ist stolz, dass ihn Tochter Alana, die den Schweizer Popsänger Baschi geheiratet hat, zum Opa macht.
Und wieder wird er bei so vielen Ausrufezeichen, die sein Leben immer noch bereithält, nachdenklich. „Bis heute habe ich mich bemüht, die Esoterik, höhere Kräfte zu bemühen. Ich habe mich teilweise als ferngesteuert betrachtet.“
Anders wäre es kaum möglich gewesen, dass Netzer mit seinem Freund, dem Regisseur Michael Pfleghar, nach Las Vegas zur Hochzeit von Tina Sinatra reiste, wo ihr Vater Frank Sinatra nach 15 Jahren Pause wieder ein Konzert gab – und am Tag danach auch noch Elvis.
Obwohl für die Spieler von Real Madrid sogar ein 30-Kilometer-Trip außerhalb der Stadt genehmigungspflichtig war. Man stelle sich vor: Netzer, bei hohen Temperaturen – im Gegensatz zum Fußball – richtig nassgeschwitzt (entschuldige, Günter), getarnt mit Wintermantel, aufgestelltem Kragen und Hut am Tisch der singenden Weltstars Dean Martin und Sammy Davies Junior. Umringt von Fotografen, TV-Kameras – und dennoch unerwischt. „Nach drei schlaflosen Nächten war ich pünktlich zum Konditionstraining zurück. Ich dachte, es wäre das letzte meines Lebens. Ich sterbe auf dem Fußballplatz.“
★★★
Übrigens: Günter Netzer hat in 297 Ligaspielen für Borussia Mönchengladbach 108 Tore geschossen, in 37 Länderspielen für Deutschland sechs. Je zwei Meisterschaften holte er mit Gladbach und Real Madrid. Als HSV-Manager wurde er dreimal Meister und 1983 Europacupsieger der Landesmeister. Mit der Nationalmannschaft Europameister 1972 und Weltmeister 1974, wobei er zur Heim-WM verletzt anreiste, nur beim 0:1 gegen die DDR eingewechselt wurde, still leidend, ohne zu rebellieren, Wolfgang Overath klaglos den Vorzug gab – auch das war ein wichtiger Beitrag, wenn auch ohne Ausrufezeichen.
Source: welt.de