Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion macht sich derzeit nur begrenzt Sorgen, dass die geopolitische Lage den deutschen Stromnetzausbau aufhalten könnte, indem etwa durch gestörte Lieferketten Investitionskosten und Zeitpläne durcheinandergeraten. „Wir haben sehr früh mit einer langfristigen Kapazitätssicherungsstrategie begonnen“, sagte Amprions Finanzchef Peter Rüth am Mittwoch vor Journalisten im Zuge der Bekanntgabe der Jahresbilanz für 2025.
Amprion habe „alles kritische Equipment bis nahezu 2034 in den Büchern“. Auch spüre das Unternehmen in der Folge des Krieges in Iran aktuell „noch keine Lieferengpässe“. Aber: „Wir wissen nicht genau wie lange dieser Konflikt dauert und – wenn er länger anhält – wie dann konkret die Auswirkungen sein werden.
Netzengpasskosten sollen sinken
Die in Dortmund ansässige Amprion baut und betreibt die großen Stromautobahnen im Westen Deutschlands. Durch Amprions Leitungen wird Strom für rund 29 Millionen Menschen transportiert. Mit dem ambitionierten Leitungsausbau stehen und fallen viele Komponenten der Energiewende. Denn in einem System mit hohem Erneuerbaren-Anteil muss viel Strom aus dem windreichen Norden in den verbrauchsstarken Westen und Süden Deutschlands transportiert werden.
Allein die beiden neuen Stromautobahnen A-Nord und Ultranet, an denen Amprion baut, werden vom Jahr 2027 an die Netzengpasskosten in Deutschland um jährlich rund 700 Millionen Euro senken, hieß es am Mittwoch während der Bilanzpressekonferenz. Diese Kosten werden über den Umweg der Netzentgelte am Ende auf alle Netznutzer umgelegt.
Ambitionierte Investitionspläne
Amprions Investitionspläne sind ehrgeizig: 2026 plant das Unternehmen rund sieben Milliarden Euro in die Hand zu nehmen. Von 2026 bis 2030 sollen es insgesamt rund 42 Milliarden Euro sein. Schon 2025 sei für Amprion ein „Jahr des starken Wachstums“ gewesen, wie Vorstandschef Christoph Müller am Mittwoch sagte.
Amprion erzielte ein deutlich verbessertes Geschäftsergebnis mit einem Umsatzanstieg von rund neun Prozent auf nun rund 6,1 Milliarden Euro. Das bereinigte Konzernergebnis nach Steuern stieg auch wegen Steuereffekten um gut 72 Prozent auf 672 Millionen Euro.
Forderungen an die Politik
Für seine ehrgeizigen Ausbaupläne forderte Müller „die richtigen Rahmenbedingungen“ von der Politik. Damit meine er „eine Eigenkapitalverzinsung, die im internationalen Wettbewerb Bestand hat“. Ferner sei es wichtig, den Netzausbau angemessen zu dimensionieren. „In den vergangenen zehn Jahren ist der Stromverbrauch in Deutschland im Schnitt um rund ein Prozent pro Jahr gesunken.“ Perspektivisch werde er zwar steigen, doch Müller zufolge schlummerten in einem konservativen Szenario beim Netzentwicklungsplan „Einsparpotentiale von bis zu 80 Milliarden Euro bis 2045“.
Müller lobte den Start des so genannten Reifegradverfahrens zur Vergabe der knappen Stromnetzanschlüsse. Von diesem Mittwoch an verteilen die vier Übertragungsnetzbetreiber die begehrten Anschlüsse nicht mehr rein nach der Reihenfolge der Anträge, sondern beurteilen vorher, ob ein Antragsteller wichtige Voraussetzungen erfüllt, etwa über ein Grundstück verfügt, seine Finanzierung steht und die nötigen Genehmigungen erteilt sind. „Es ist ein sinnvolles Verfahren“, sagte Müller. Er warnt seit Längerem vor Projektwildwuchs, fügte allerdings hinzu, dass das Reifegradverfahren aus seiner Sicht nicht ausreiche. „Richtig wichtig wäre, dass wir tatsächlich mal zu einer Priorisierung kommen.“