Raus aus der „Lifestyle-Teilzeit“ oder weniger Krankheitstage: Hauptsache, mehr Arbeit! Das fordern weite Teile der CDU. Diese fünf zeitlosen Bücher zeigen, warum mehr Stress nicht automatisch zu Glück oder sozialer Sicherheit führt
Diese fünf Bücher liefern alle ihre eigene Antwort auf neoliberale Märchen
Foto: Der Freitag
Ein späteres Renteneintrittsalter für Studierte, eine Grundsicherung mit harten Sanktionen für sogenannte Totalverweigerer auf dem Arbeitsmarkt, raus aus der „Lifestyle-Teilzeit“. Man solle einfach mehr arbeiten, fordern Bundeskanzler Friedrich Merz und einige seiner Unionskolleg:innen seit Monaten. Dass mehr Arbeitszeit keineswegs gesichert zu mehr Produktivität und ebenso wenig notwendig zu Wirtschaftswachstum führt, rückt bei dieser Forderung in den Hintergrund. Ebenso wie die vielfältigen Gründe, aus denen Menschen vermeintlich „zu wenig“ arbeiten. Diese fünf Bücher liefern alle ihre eigene Antwort auf das neoliberale Märchen, dass uns mehr Arbeit – als Individuen und als Staat – reicher, sicherer und glücklicher mache. Sie fragen mal sachlich-analytisch, mal erzählerisch-lyrisch, welchen Stellenwert das individuelle Leben in einer kapitalistischen Verwertungslogik hat, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussieht und ob die Idee des Sozialstaats noch zu retten ist.
1. Über Arbeit, die das Leben nicht dem Wohlstand opfert: „Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?“
Das Klima kippt, die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Und wir? Wir gehen jeden Tag an die Arbeit, räumen Supermarktregale ein und füllen Excel-Tabellen aus. Die Journalistin Sara Weber setzt in Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten? an einem Überforderungsgefühl an, das viele angesichts der Polykrise ergreift.
Wenn man sich beim Doomscrolling nach einer vermeintlich ruhigen Vergangenheit vor einem Angriffskrieg in Europa oder dem Verpassen des 1,5-Grad-Ziels sehnt und fragt: Wozu das alles? Dabei ist das von Weber vorangestellte Zitat von Toni Morrison programmatisch für den Kampfgeist des Textes, der eine Arbeitswelt entwirft, die nicht das einzelne Leben auf dem Altar des Wohlstands opfert: „You are not the work you do; you are the person you are.“
2. Über Fließbandarbeit in der Schweine-Zerlegehalle: „Am laufenden Band. Aufzeichnungen aus der Fabrik“
Eine Stunde mehr Arbeit, das sei nicht zu viel verlangt, meinte Markus Söder kürzlich in der Sendung Bericht aus Berlin. Man fragt sich, welche Arbeit er wohl gemeint haben könnte. Vielleicht den Büro-Job im Homeoffice unter der Heizdecke? Sicher kann er nicht die Art Arbeit im Kopf gehabt haben, die Joseph Ponthus so eindrücklich beschreibt, wenn er in seinem Versroman Am laufenden Band den Fluss des Fließbands formal in lyrischen Versen wiederholt.
In Abwesenheit einer Stelle in seiner Branche kommt das lyrische Ich in die Lebensmittelindustrie, sortiert Fisch, reinigt Schweine-Zerlegehallen. Dabei erzählt er von Gleichzeitigkeiten: von Machtverhältnissen in der Fabrik und der Solidarität zwischen Arbeitenden, vom Horror des Arbeit-Brauchens und der Schönheit des Gebrauchtwerdens.
3. Über Care-Arbeit für eine funktionierende Demokratie: „Equal Care. Über Fürsorge und Gesellschaft“
In linken Gerechtigkeitsdiskursen schon ein abgegriffener Schlagbegriff, von der politischen Spitze weiter ignoriert: die Care-Arbeit. Allein die Formulierung „Lifestyle-Teilzeit“ verspottet die Menschen, die in der zweiten Tageshälfte Kinder betreuen, die Ältesten unserer Gesellschaft unterstützen oder Familienmitglieder mit Behinderung pflegen. Die Stärke von Equal Care. Über Fürsorge und Gesellschaft von Almut Schnerring und Sascha Verlan liegt in der genauen Begriffsarbeit zwischen „Care“, „Pflege“ und „Fürsorge“, aber auch in der Analyse dessen, dass Care-Arbeit so viel mehr ist als nur die Arbeit im familiären Raum. So geht es auch um Care-Arbeit in Unternehmen wie um die Frage, was eine fürsorgliche Demokratie ausmache. Ein lesenswerter Exit aus der übersimplifizierten „Mehr Kita-Plätze heißt mehr Arbeitskraft“-Debatte.
4. Über die schöne neue Arbeitswelt: „Brauchbare Menschen. Erzählungen“
Magdalena Schrefel erzählt in Brauchbare Menschen zwölf Geschichten vom Wert der Arbeit. Wie sie unseren Selbstwert prägt, wie sie uns verwertet – und von dem Moment der Entwertung, den viele Arbeitende durch den Ersatz mit Maschinen und KI erfahren. Außerdem verhandeln ihre Texte zum Bäcker, zur Sexarbeiterin oder zum Flughafenpersonal die grundlegende Frage, die in vielen Debatten zur Arbeitswelt immer schon als beantwortet inszeniert wird: Was ist eigentlich Arbeit?
So fragt Magdalena Schrefels letzte Geschichte nach der Arbeit der Literatur. Nach der unsicheren Beschäftigungsform hinter den Wörtern, die im Vergleich zu anderen prekären Jobs mit viel sozioökonomischem Kapital einhergeht und die wir brauchen, um die Arbeitswelt zu kontextualisieren und zu kritisieren.
5. Über die unermüdliche Arbeit der Gastarbeitergenerationen: „Und so blieb man eben für immer“
Den eigenen Wert an der Leistungsfähigkeit beweisen müssen, diesen kapitalistischen Grundsatz kennen Gastarbeitende nur allzu gut. Nicht nur war ihr Aufenthaltsstatus fest an die Arbeit gekoppelt, auch dem Druck der in der Heimat zurückgelassenen Familien mussten sie standhalten. In diesem Sammelband Und so blieb man eben für immer erzählt die zweite und dritte Gastarbeitergeneration von ihren Eltern und Großeltern, von der Erschöpfung und dem unermüdlichen Weitermachen als zwei Seiten derselben Medaille. Eine wichtige Lektüre, wenn in Zeiten der Wirtschaftskrise gleichzeitig von wünschenswerter Fachkräftezuwanderung, einer Reform des Asylrechts und der angeblich besorgniserregenden Veränderung von „Stadtbildern“ die Rede ist.
Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten? Sara Weber KiWi 2023, 240 S. 18 €
Am laufenden Band. Aufzeichnungen aus der Fabrik Joseph Ponthus Mira Lina Simon, Claudia Hamm (Übers.), Matthes & Seitz 2021, 239 S., 24 €
Equal Care. Über Fürsorge und Gesellschaft Almut Schnerring und Sascha Verlan Verbrecher Verlag 2020, 160 S., 16 €
Brauchbare Menschen. Erzählungen Magdalena Schrefel Suhrkamp 2022, 183 S., 16 € Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder Jehona Kicaj und Carl Philipp Roth (Hg.), re:sonar Verlag 2023, 112 S., 16 €
Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder Jehona Kicaj und Carl Philipp Roth (Hg.), re:sonar Verlag 2023, 112 S., 16 €