Mit neuem Eigner und neuem Chef soll Finanzen.net zu einem großen Neobroker in Deutschland heranwachsen. Die Gruppe, bekannt vor allem durch ihr gleichnamiges Finanzportal, will ihren digitalen Wertpapierhändler mit dem Namen Finanzen.net Zero ausbauen. Getragen von der gut eingeführten Marke tritt er einerseits gegen etablierte Online-Händler wie Comdirect, Consors, Flatex und ING an – andererseits gegen die Neobanken wie Trade Republic , Scalable Capital und Smartbroker. Dafür sollen das Informationsportal Finanzen.net und der Handelszweig Zero enger miteinander verzahnt werden, wie der neue Vorstandsvorsitzende Muhamad Chahrour im F.A.Z.-Gespräch sagte.
„Finanzen.net als Gruppe möchte sich in eine Nische setzen, die heute weder von den Etablierten bedient wird noch von den Neobrokern“, sagte Chahrour. Gegen Erstere konkurriere man über den Preis, gegen die zweite Gruppe über das Produkt und die technische Plattform, also etwa stabile Systeme und gut erreichbarer Ansprechpartner für Kunden. So soll nicht weniger entstehen als ein „Gebilde, das einzigartig in Europa ist“.
Finanzen.net gehört seit Anfang 2025 dem britischen Finanzinvestor Inflexion . Er erwarb den 90-Prozent-Anteil vom Medienhaus Axel Springer in einer Transaktion, die das Unternehmen mit mehreren Hundert Millionen Euro bewertete, wie Deutschlandchef Martin Preuss bei der Ankündigung im November 2024 im F.A.Z.-Gespräch sagte. Branchenkreise bezifferten ihn auf etwa 400 Millionen Euro. Seit dem 1. Januar führt Chahrour das Geschäft, der früher für Flatex arbeitete und zuletzt den Versicherungsmakler GGW leitete.
Drei Sparten werden miteinander verzahnt
Kern der Pläne ist es, die drei bisher separat laufenden Sparten miteinander zu verzahnen. Weitaus am besten bekannt ist das Informationsportal Finanzen.net, auf dem sich Besucher über Märkte, Wertpapiere, Unternehmen und Konjunktur informieren. Es sieht sich als Deutschlands führendes Finanzportal mit – laut einer jüngsten IVW-Analyse – etwa 35 Millionen Seitenaufrufen im Monat. Daneben stehen das Handelsgeschäft Zero , das als eigener kleiner Neobroker anzusehen ist, und die Börsensoftware und Redaktion Traderfox für aktive Anleger.
Finanzen.net wurde im Jahr 2000 von Jens Ohr und Peter Schille gegründet und etablierte sich als erstes großes Fachportal in Deutschland. 2010 stieg Axel Springer ein. Unter Ägide des Medienhauses kamen die anderen beiden Säulen über Akquisitionen hinzu. Während Zero für den anlageinteressierten Normalbürger gedacht ist, bedient Traderfox mit einem Abonnementmodell eher den Intensivhändler, der morgens die Asien-Trades mitnimmt und abends mit Schluss der US-Märkte ins Bett gehen.
Axel Springer legte den Fokus dennoch weiterhin auf das Informationsportal. Die Synergie mit dem eigenen Broker sei kaum genutzt worden, sagte Charour. „Eine absurd witzige Kennzahl ist, dass drei Viertel der Nutzer des Finanzen.net-Portals unseren Broker heute noch nicht einmal kennen. Sie wissen gar nicht, dass Zero der Broker unseres eigenen Hauses ist.“
Von Axel Springer zur Beteiligungsgesellschaft
Der habe zum Beispiel unter Springer keinen Werbeplatz bekommen, weil er nicht die Einnahmen durch andere Werbepartner wegnehmen sollte. „Man hat diesem Broker gar nicht die Funktionalität und Ressourcen zur Verfügung gestellt, um das große Gebilde werden zu dürfen, das wir jetzt daraus machen wollen.“ Der Gedanke ist, nun mehr und mehr der finanzaffinen Leser von Finanzen.net für den eigenen Neobroker Zero zu gewinnen. Ganz ähnlich hatte Chahrours bei Flatex die Wertschöpfungskette erweitert. „Die Markenstärke von Finanzen.net wollen wir nutzen, indem wir die Leser darauf aufmerksam machen: ‚Du kannst vom Leser zum Investor werden – direkt bei uns im Haus.“
Gesellschaftsrechtlich wurden die drei Tochtergesellschaft schon mit dem Eignerwechsel verzahnt: Bis dahin waren an ihnen jeweils Minderheitsgesellschafter beteiligt gewesen. „Jetzt gehören die drei Assets alle zu 100 Prozent der Finanzen.net Group GmbH“, sagte Chahrour. An der Muttergesellschaft Finanznet freilich halten – wie häufig in Private-Equity-Deals – Gründer und Management Anteile. Nun rücken die Einheiten auch operativ enger an einander. Das Portal finanziert sich primär mit Werbeeinnahmen – zum Beispiel durch Autohersteller, aber auch durch die Neobroker Trade Republic und Scalable. Künftig soll auch Zero Werbung auf dem Portal schalten. „Das ist die erste Kernsynergie: Wie schaffe ich es eigentlich, die Finanzen.net-Leser dazu zu bringen, nicht mehr zu einem Dritten, zu einem Werbepartner zu gehen – sondern dazu, dass die für ihre Tradings direkt zu unserem Finanzen.net Zero zu überführen?“ sagte Chahrour. „Wir wollen erfahrene Finanzleser zu Anlegern machen.“
Wettbewerber Wallstreet Online und Onvista
Wichtige Konkurrenten für das Informationsportal sind Wallstreet Online und Onvista, auch nach dem Übergang von dessen Handelszweig an Comdirect. In das Handelsgeschäft dringen außer den zuvor genannten Banken weitere neue Häuser wie Bunq, N26 und Revolut. Dort stehe allerdings das klassische Bankgeschäft im Vordergrund, sagte Charour.
Finanzen.net hat Charour zufolge „mehrere Millionen“ registrierte Kunden auf dem Portal. Der Jahresumsatz liegt nach Informationen aus Branchenkreisen bei etwa 80 Millionen Euro. Inflexion-Deutschlandchef Preuss hatte im F.A.Z.-Gespräch anlässlich der Verkaufsvereinbarung zum Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) gesagt, es sei ein „mittlerer zweistelliger Millionenbetrag“.
Inflexion mit Sitz in London hatte 2024 ein Büro in Frankfurt eröffnet, Finanzen.net war die dritte Übernahme in Deutschland nach dem Tierärztenetz Tierarzt Plus Partner und 2023 – noch von London aus – die Biotechnologiegesellschaft Proteros.
Source: faz.net