Neckels „Katastrophenzeit“: Der grüne Kapitalismus ist gescheitert

Bücher zum Stocken und Scheitern der Klimatransformation bilden mittlerweile ein eigenes Genre. In der Regel stellen sie eine Blockade zwischen Klimaschutz, Wirtschaftszielen und Konsumstilen fest, die in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit politisch nicht aufgelöst werden kann. Das Comeback fossiler Brennstoffe unter dem neuen amerikanischen Präsidenten und die Verschiebung der Prioritäten vom Klimaschutz auf die Aufrüstung seit dem russischen Angriff auf die Ukraine verschärfen den Problemdruck. Weil kollektives Handeln versagt, scheint es am Ende nur die Katastrophenpädagogik richten zu können.

Das Buch „Katastrophenzeit“ des Soziologen Sighard Neckel lenkt den Blick insbesondere auf die sozialen Faktoren, die schlüssiges Handeln verhindern. Bekanntermaßen sind die Klimalasten ungleich verteilt. Reiche Schichten tragen überproportional zum Klimawandel bei, sind besser vor Klimafolgen geschützt und können sich einen teuren ökologischen Lebensstil leisten, der ärmere Schichten vor große Probleme stellt.

Sighard Neckel: Klimaschutz wird in den Kulturkampf hineingezogen

Der materielle Gegensatz weitet sich zum Kulturkampf aus, weil ökologischer Konsum als Lifestyle-Faktor missbraucht wird und mit allerlei Nebenzwecken aufgeladen wird. Der Klimaschutz wird zum Symbol einer Kulturelite, die angeblich letzte verbliebene Freiheiten einschränken will. Verbote, die im Dienst des Zusammenlebens sonst widerspruchslos akzeptiert werden, gelten plötzlich als Vorboten einer Diktatur.

Sighard Neckel: „Katastrophenzeit“. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation.C.H. Beck

Neckel zeichnet den Kulturkampf pointiert am Currywurst-Krieg bei Volkswagen nach. Vor drei Jahren strich die Kantine der Wolfsburger Verwaltungszentrale die ikonische Wurst vom nunmehr vegetarischen Speiseplan und signalisierte damit maximale Distanz zum Wurst essenden Proletariat in den Arbeiterkantinen, die zum verfeinerten Lebensstil im Haupthaus hinaufschauen durften. Das Internet schäumte. Ex-Kanzler Schröder beschwor das Ende eines kraftspendenden Fleischgerichts.

Ein scharfes Auge hat Neckel auch für den materiellen Hintergrund des Kulturkonflikts. Im Zuge grüner Gentrifizierung werden ärmere Schichten aus angestammten Stadtvierteln verdrängt. Neckel beschreibt dies am Beispiel San Franciscos, der Metropole der Nachhaltigkeit und der Obdachlosen, oder an der indonesischen Retortenhauptstadt Nusantara, die zur Oase der Nachhaltigkeit werden soll. Den Umzug dorthin werden sich nach der Einschätzung des Autors nur Gutverdiener leisten können, die anderen dürfen in der alten Hauptstadt Jakarta beobachten, wie das Meer ihren Lebensraum frisst.

Besonders schädlich ist der Konsum der Superreichen

Es sei auch kein Zufall, dass das Fahrrad zum Symbol des Kulturkampfes geworden ist, das den innenstadtnah wohnenden Mittelschichten wesentlich mehr Vorteile bietet als den Schichtpendlern aus der Vorstadt. Die zugegeben fragmentarischen politischen Bemühungen um sozialen Ausgleich im Klimaschutz werden überraschenderweise nur kurz berührt.

Ein eigenes Kapitel widmet der Autor den ökologisch desaströsen Folgen des Reichtums. Bekanntlich entfällt knapp die Hälfte aller Emissionen auf das oberste Perzentil der Weltbevölkerung. Besonders schädlich ist der Konsumstil der Superreichen. Mit dem Energieverbrauch von Weltraumtrips oder Superyachten ließen sich Kleinstädte versorgen.

Das ökologische Versagen der Geldelite setzt sich dem Autor zufolge in ihren Investitionen fort, die größtenteils weiter in die Fossilwirtschaft fließen. Das Plädoyer für eine Vermögenssteuer wirkt vor diesem Hintergrund plausibel. Ob eine andere Vermögensverteilung automatisch klimagerechte Finanzströme zur Folge hätte, sei dahingestellt.

Kann denn der „Infrastruktursozialismus“ die Menschheit retten?

Der grüne Kapitalismus mit seinem Versprechen eines klimaneutralen Wachstums ist für Neckel ein einziger Fehlschlag. Die Finanzströme flössen weiter in die Fossilwirtschaft, der globale Emissionshandel bleibe hinter seinen Zielen zurück, die nachhaltige Finanzwirtschaft sei schon wieder im Abwind. Nie sei so viel CO2 emittiert worden wie in den letzten Jahren. Das alles stimmt im globalen Maßstab und liefert mit Blick auf Deutschland und Europa ein verzerrtes Bild. Zwar stimmt es, dass Europa das Weltklima wiederum nur marginal beeinflusst, ein differenzierterer Blick wäre aber wünschenswert gewesen.

Das Problem besteht für den Autor darin, dass der Staat beim Klimaschutz seine Handlungsmacht nicht nutzt, sondern den Marktkräften vertraut. Nun ist der Emissionshandel keine reine Marktentscheidung. Und ob der von Neckel vorgeschlagene ökologische Infrastruktursozialismus, der auf die Vergesellschaftung von Energieunternehmen hinausläuft, die weiter in die falsche Richtung investieren, einem konsequent betriebenen Emissionshandel überlegen ist, wäre erst noch zu erweisen.

Er wäre zwar freier in der Verfolgung ökologischer Zwecke und anders als die Postwachstumswirtschaft nicht auf einen kompletten Systemwechsel angewiesen. Zugleich würde er aber den Innovationsdruck bei den Erneuerbaren bremsen und den Strompreis in die Höhe treiben. Der Konflikt zwischen Wirtschafts- und Umweltzielen bliebe bestehen. Von solchen Einwänden abgesehen bietet das Buch eine scharfsinnige und treffende Analyse der sozialen Antagonismen im Klimakonflikt.

Sighard Neckel: „Katastrophenzeit“. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation. C. H. Beck Verlag, München 2026. 256 S., br., 20,– €.

Source: faz.net