Entweder die Wirtschaft wandelt sich und schädigt und zerstört nicht länger die Natur, oder die Menschheit könnte aussterben. Das ist die Kernbotschaft eines neuen Berichts des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), der am Montag in Manchester vorgestellt wurde. Dem Wachstum der Weltwirtschaft stehe ein „immenser Verlust an Biodiversität“ gegenüber, der ein systemisches Risiko für die Wirtschaft, die Finanzstabilität und das menschliche Wohlergehen darstelle, mahnen die Wissenschaftler. Im Vergleich zum Jahr 1992 sei das Naturkapital, also der Gesamtwert von allem, was die Natur bietet – Boden, Luft, Wasser, Lebewesen – um 40 Prozent zurückgegangen. Werde nicht umgesteuert, riskiere die Menschheit das Aussterben – möglicherweise auch von sich selbst, mahnen die Fachleute.
Jedes Unternehmen, auch solche scheinbar weit weg von der Natur, sei auf Ressourcen wie Rohstoffe und Wasser angewiesen. „Der Verlust der Biodiversität zählt zu den größten Bedrohungen für die Wirtschaft“, fasste der amerikanische Ökonom Stephen Polasky, einer der wissenschaftlichen Leiter der Studie, zusammen. „Die bittere Realität sieht jedoch so aus, dass es für Unternehmen oft profitabler erscheint, die Biodiversität zu zerstören, als sie zu schützen“, fügte Polasky hinzu. Globale Finanzströme in Höhe von geschätzten 7,3 Billionen Dollar hätten im Jahr 2023 unmittelbar negative Folgen für die Natur gehabt. Dazu zählten 2,4 Billionen Dollar umweltschädliche Subventionen.
Unternehmen müssten bislang kaum oder gar nicht dafür zahlen, wenn sie auf Kosten der Natur wirtschafteten. Umgekehrt rentierten sich positive Beiträge zum Schutz von Ökosystemen oft nicht. Die große Herausforderung bestehe nun darin, den „Irrglauben“ zu überwinden, Unternehmen, Regierungen und Entscheidungsträger müssten sich zwischen Umweltschutz und Wirtschaft entscheiden, sagte Polasky.
Folgen von Trumps Klimaschutz-Boykott
Allerdings zeigt der diesjährige „Global Risk Report“ des Weltwirtschaftsforums, dass der Verlust von Biodiversität in der Risikobewertung der befragten Führungskräfte und Experten abgerutscht ist; es dominieren Sorgen angesichts der Erschütterung des Multilateralismus und geoökonomischer Konfrontationen. US-Präsident Donald Trump betreibt national und international eine Politik, die Klima- und Umweltschutz in vieler Hinsicht boykottiert und konterkariert. Das hat auch Folgen für die Ausrichtung der Finanzwirtschaft: Die Nachhaltigkeitsinitiative „Net Zero Banking Alliance“ hat nahezu alle großen Akteure der Finanzbranche verloren, unter ihnen Blackrock als größten Vermögensverwalter der Welt.
Gleichwohl kann die Staatengemeinschaft zumindest auf dem Papier noch Erfolge für einen besseren Schutz der Natur vorweisen. Im Januar trat das UN-Hochseeschutzabkommen in Kraft. Außerdem gibt es Bemühungen, Klima- und Naturschutz besser zu verzahnen. So initiierte Brasilien im Spätherbst, unter anderem mit deutscher Unterstützung, einen neuen Fonds zum Schutz des Tropenwaldes. Doch vor allem Regenwälder in Brasilien werden nach UN-Angaben weiterhin in großem Umfang gerodet, hauptsächlich um Flächen für die Landwirtschaft zu gewinnen. Weltweit würden immer noch jedes Jahr knapp elf Millionen Hektar Wald vernichtet. Auf einen Fahrplan für ein Ende der Entwaldung bis 2030 hatte sich die Staatengemeinschaft auf der Weltklimakonferenz nicht verständigen können.
Zu wenig Unternehmen erheben Umwelt-Fußabdruck
Auch die Europäische Union hat Vorhaben teilweise relativiert. Das Lieferkettengesetz und die Entwaldungsverordnung wurden entschärft, um Unternehmen zu entlasten. Auch EU-Umweltgesetze will die EU-Kommission abschwächen, um die bürokratische Belastung zu mindern.
Die Autoren des IPBES-Berichts heben hervor, es gebe mittlerweile eine Vielzahl von Daten und Methoden, um die Auswirkungen unternehmerischer Tätigkeit auf die Natur zu identifizieren. Bislang lieferten jedoch weniger als ein Prozent der öffentlich berichtenden Unternehmen entsprechende Informationen. Zu den größten Hindernissen zählten nach einer aktuellen Umfrage unter Finanzinstituten der fehlende Zugang zu verlässlichen Daten, Modellen und Szenarien. „Unternehmen verbringen oft mehr Zeit damit, komplexe und konkurrierende Rahmenbedingungen für Compliance und Berichterstattung zu entschlüsseln, als sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen“, beschreibt Studienautor Polasky die Lage.
Der neue IPBES-Bericht soll Unternehmen nun helfen, ihr Risikomanagement zum Schutz von Ökosystemen und Artenvielfalt zu verbessern. Die Aufgabe bleibt aber anspruchsvoll: So müssten oft mehrere Methoden und Kennzahlen miteinander kombiniert werden, schreiben die Wissenschaftler. Auch sei die Kartierung von Wertschöpfungsketten jenseits der direkten Lieferanten oft herausfordernd. Der Bericht wurde über drei Jahre hinweg von rund 80 Wissenschaftlern und Fachleuten aus der Privatwirtschaft aus 35 Ländern in Absprache mit Vertretern indigener Völker und lokaler Gemeinschaften erstellt. Ziel ist es, Entscheidungsträgern in den 150 IPBES-Mitgliedstaaten Informationen zum Zustand der Natur und zu ihrem Schutz zu liefern.