Naidoo und Verschwörungsmythen: Kehrtwende von welcher Kehrtwende


faktenfinder

Stand: 20.02.2026 • 12:54 Uhr

Über viele Jahre hat Xavier Naidoo Verschwörungsmythen, homophobe und antisemitische Behauptungen verbreitet, gab sich dann aber geläutert – um jetzt wieder unbewiesene Anschuldigungen zu verbreiten.

Es war eine kleine Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin, die von Opfern sexueller Gewalt organisiert worden war, um im Zuge der veröffentlichten Epstein-Dokumente für besseren Opferschutz und mehr Gehör der Betroffenen zu kämpfen. Ein ebenso prominenter wie umstrittener Teilnehmer riss die Aufmerksamkeit mit kruden Aussagen an sich.

„Wir reden hier von Menschenfressern. Wir reden nicht von normalem Sextrafficking und jungen Frauen. Die fressen unsere Babys“, sagte der Sänger Xavier Naidoo in die Mikrofone der Journalisten und Streamer – offenbar in Anspielung auf die Epstein-Affäre. Auch die deutschen Politiker und die Justiz seien in Pädophilenringen verstrickt, glaubt Naidoo: „Bis mir was anderes bewiesen wird, muss ich leider davon ausgehen.“

Chips mit „embryonalen Gewürzmitteln“

„Das sind Teufel, Dämonen, Kinderfresser. Das sind keine Menschen“, sagte Naidoo an anderer Stelle und führte seine kruden Gedanken weiter aus. „Unwissentlich haben wir bestimmt alle schon einen Menschen gefressen.“ Ein großer Chipshersteller würde seine Produkte mit „embryonalen Gewürzmitteln“ versehen. Denn „denen ist das Allerwichtigste, dass wir alle Kannibalen werden. Mit ihnen zusammen, damit wir alle in die Hölle runterfahren.“

Eine Anfrage des ARD-faktenfinders an Xavier Naidoo nach Belegen für diese Behauptungen blieb unbeantwortet.

Womöglich spielt Naidoo hier auf einen Verschwörungsmythos an, der seit mehreren Jahren verbreitet wird und sich auf künstliche Aromen der Firma Senomyx beruft. Diese nutzte vor einigen Jahren bei der Entwicklung ihrer Produkte eine Zelllinie, die in den 1970er-Jahren aus menschlichen embryonalen Nierenzellen isoliert wurde. In den Endprodukten selbst sind diese Zellen jedoch nicht vorhanden.

Naidoo lenkt den Blick von Anliegen der Demoveranstalter weg

„Xavier Naidoo ist der festen Überzeugung, dass es einen rituellen, satanischen Missbrauch, sogar Verzehr von Kindern geben würde. Das ist seine Motivation, auf der Demo aufzutauchen“, erläutert Josef Holnburger, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). Dabei rücke das Anliegen von den Veranstaltern der Demonstration in den Hintergrund und Naidoo verhindere damit im Endeffekt den realistischen Kampf gegen Kindesmissbrauch.

„Es ist nicht möglich, so eine Verschwörung, wie sie Naidoo fabriziert, geheim zu halten. Wenn Unternehmen Embryonen einsetzen würden für Gewürzmischungen oder wenn McDonalds Menschenfleisch auf Burger packen würde, dann gäbe es sehr viele Stellen, an denen das rauskommen würde“, sagt Holnburger. Verschwörungsideologen erklärten das damit, dass die Verschwörer so mächtig seien und es geheim halten könnten. „Und daraus wird dann eine Weltverschwörung, wo sich ein kleiner Teil gegen die ganze Welt verschworen hat. Das ist Unsinn und nicht haltbar.“

Entschuldigung bei Naidoo gefordert

Als immer mehr Details über die Epstein-Affäre bekannt wurden, mehrten sich in den vergangenen Wochen Stimmen, die eine Entschuldigung gegenüber Naidoo forderten. Schließlich habe dieser mit seinen Aussagen auch sexuellen Kindesmissbrauch durch Eliten angeprangert. Naidoo selbst sagte, man müsse sich nicht bei ihm, sondern vielmehr bei den Kindern entschuldigen.

Doch der tatsächlich stattgefundene Kindesmissbrauchsskandal um Jeffrey Epstein ist kein Beweis für Naidoos Verschwörungsnarrative. Viral gegangen ist 2020 ein Video von Naidoo, in dem er weinend davon erzählte, dass „in diesen Momenten in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit“ werden würden. Dabei verweist er auf die QAnon-Verschwörungserzählung, dass Kinder angeblich entführt, missbraucht und getötet würden, um aus ihrem Blut das Verjüngungsmittel „Adrenochrom“ zu gewinnen. Die Epstein Files beweisen diese Erzählungen jedoch nicht.

„All das zeigt sich nicht in den Epstein-Files. All das zeigt sich nicht in der Realität“, sagt Holnburger. „Was in den Epstein-Files steht, ist, dass es Menschen gibt, die Minderjährige missbraucht haben.“ Nicht jeder Beweis eines Kindesmissbrauchs zeige jedoch automatisch, dass in den Epstein Files steht, dass Naidoo Recht hatte.

Epstein-Files benötigen Einordnung

Allerdings findet man in den Epstein-Files tatsächlich Passagen, in denen es um das angebliche Verspeisen von Kindern geht. Es handelt sich jedoch um eine anonyme Zeugenaussage von 2019, der das FBI nachgegangen ist, jedoch keinerlei Beweise dafür finden konnte. Holnburger vermutet, dass es sich dabei um eine Person handeln könnte, die ähnlich wie Naidoo von QAnon-Verschwörungsnarrativen überzeugt ist, aber keine Beweise liefern konnte.

„So wird ein Zirkelschluss draus: Menschen glauben den Beweis zu sehen, weil es vermeintlich in den Epstein-Files steht und jemand hat es geäußert, weil er an das Verschwörungsnarrativ geglaubt hat.“ Das sei jedoch immer noch nicht der Beweis dafür, dass es tatsächlich Kindermorde, insbesondere satanisch motivierte Kindermorde, gebe, so Holnburger.

Die Epstein Files umfassen mehr als drei Millionen Dateien, die gründliche Aufarbeitung und Recherche durch seriöse Journalisten dauere. Denn obwohl Epstein bereits 2008 verurteilt wurde, wird das wahre Ausmaß von Epsteins Verbrechen erst jetzt durch die schrittweise Veröffentlichung der Akten öffentlich.

Es braucht Aufklärung, keine Verschwörung

Gerade dieses Informationsvakuum werde nun von Verschwörungsideologen wie Naidoo gefüllt, so Holnburger: „Er liefert vermeintliche Antworten, weil er im Endeffekt nach einer Bestätigung seines eigenen Weltbilds sucht.“

In der Aufklärung des Epstein-Skandals brauche es definitiv eine Aufarbeitung der Verflechtungen von Epstein und der Frage, warum es erst so spät Ermittlungen gegen ihn gab, sagt Holnburger. Eine Medienrecherche sei aber mehr, als einfach nur nach Namen zu suchen und zu sagen: Diese Person war in den Epstein-Files, mahnt der Politikwissenschaftler. „Da geht es um Überprüfung, da geht es um Recherche, da geht es um Analyse – und diese dauert.“

Was es jedoch nicht brauche, seien Verschwörungsideologen, die Narrative dominieren und sagen, man müsse sich jetzt bei Naidoo entschuldigen. „Das stimmt auf keinen Fall.“

Naidoo verbreitete jahrelang Verschwörungsmythen

Denn das Video des weinenden Sängers war bei weitem nicht das einzige zu verschwörungsideologischen Inhalten. Zuvor hatte Naidoo bereits über viele Jahre hinweg Verschwörungsmythen, Reichsbürgerideologie, homophobe und antisemitische Behauptungen verbreitet und wurde wegen Volksverhetzung angeklagt.

Viele Fans, Auftraggeber und Medien nahmen Abstand von dem Sänger, bis 2022 dann die vermeintliche Kehrtwende erfolgte – mit einer Entschuldigung, die jedoch bemerkenswert unspezifisch blieb. Naidoo bedauerte zwar einige seiner Aussagen, erklärte aber nicht, welche genau er zurücknehmen würde. Eine Anfrage des ARD-faktenfinders an Xavier Naidoo, welche Aussagen er konkret zurücknimmt, wurde nicht beantwortet.

Nach drei Jahren des Schweigens erfolgte dann im vergangenen Jahr das Comeback mit einer großen Konzerttour.

Strategie statt echter Reue?

Sein mehrjähriges Schweigen nach seiner öffentlichen Entschuldigung erklärte Naidoo bei der Demonstration in dieser Woche als strategische Maßnahme: „Manchmal muss man auch mal ein paar Jahre nichts sagen. Denn die Dinge müssen sich auch entwickeln.“ Er habe ein ganz klares Ziel vor Augen.

In der Zeit habe er Texte und Songs geschrieben, so Naidoo. „Wenn ich diese 100 Songs jetzt rausbringen würde, ja, da ist alles drin. Alles, was ich in diesen letzten sechs Jahren oder sogar zehn Jahren zusammentragen konnte.“

„Ich war einer derjenigen, der das immer wieder kritisiert hat, dass es eben keine glaubwürdige Entschuldigung war“, so Holnburger. Naidoo habe damals ganz bewusst nur vage formuliert, von wem und von was er sich eigentlich distanzieren würde. „Das hat sich gestern auch wiederum gezeigt.“

Organisatoren distanzieren sich von Naidoo

Naidoo betonte mehrmals, lediglich für Gespräche zu der Demonstration in Berlin gekommen zu sein – um dann doch längere Reden zu führen und schließlich sogar ein Gespräch mit Bundeskanzler Friedrich Merz oder seinem Stellvertreter zu fordern. Auffällig war, dass bei der kleinen Demonstration gleich mehrere Medien aus der rechtsextremen und verschwörungsideologischen Szene anwesend waren, mit denen Naidoo in der Vergangenheit kooperiert hatte. Einige von ihnen hatten im Vorfeld zur Teilnahme an der Veranstaltung aufgerufen.

Die Organisation Justice vor Survivors, die die Demonstration organisiert hatte, distanzierte sich in einer offiziellen Stellungnahme von den Aussagen Naidoos und verwahrte sich gegen die Instrumentalisierung ihrer Veranstaltung durch den Sänger und rechte Parteien. Denn diese kann mitunter alles andere als harmlos sein.

Der Sänger ruft zwar auf der einen Seite im Gespräch mit anderen Demonstrierenden zu Gewaltlosigkeit auf, sagt im selben Atemzug jedoch, dass in den meisten Männern, die auf der Demo seien, „ein sehr kriegerisches Herz“ schlage. „Ich würde lieber selber sterben, als weiter mit Menschenfressern zu leben.“ Irgendwo müsste man eine rote Linie ziehen.

Hier zeigt sich die Gefährlichkeit von Verschwörungserzählungen, sagt Holnburger. „Personen mit einem gefestigten verschwörungsideologischen Weltbild denken irgendwann, die einzige Möglichkeit, die Verschwörung zu verhindern, wäre, indem man den vermeintlichen Verschwörer mit Gewalt begegnet, indem man sie auslöscht.“

Source: tagesschau.de